Zwischen Aorta und Appendix

Aorta und Appendix

Ganz fransig ist mir dann und wann. So zwischen Aorta und Appendix. Taumelnde Sehnsüchte mit ganz unwirschen Rändern machen sich da breit. Wissen gar nicht wo ihnen der Kopf steht. Streben bald hier hin, bald dorthin. Wenn man sich vorsichtig erkundigt, was denn ihr Begehr sei, zucken sie nur Fragen zeichnend mit den Schultern. Sie wissen es ja selbst nicht.

Ein bisschen wie Liebeskummer ist das. Wenn man gleichzeitig alles will und gar nichts. Zeitgleich agil wie ein amphetamingedopter Mungo und regungslos wie ein gestrandeter Wal ist. Sich vor Schmerz dreht und windet und nie eine lindernde Position einnehmen kann. Ein wenig wie Entzug ist das. Wenn Suchtdruck und besseres Wissen sich balgen. Emotionale Argumente vorbringen. Sachverstand keine Sache des Verstandes mehr ist. Nicht zu hören unter all dem Winseln und Betteln und Klagen. Etwas wie Pflichtbewußtsein ist das. Wenn man murrend und unter innerem Aufschreien Dinge in die Hand nimmt. Weil es erwartet wird. Gegen den freien Willen und mit verkrampftem Bauchgefühl.

Eine ganz formenlose Anspannung. Einem Pantoffeltierchen nicht unähnlich. Eigentlich nur ein lieblos dahingerotzter Tropfen Materie. Dem dennoch alle Gestalten innewohnen. Der in jede Richtung streben kann. Eigentlich nur der Gravitation unterworfen. Und der Zeit. Eine nagende Nervosität, die stärker wird, wenn man ihr Beachtung schenkt. Die Kraft aus den Momenten zieht, da man das Zwiegespräch mit der eigenen Befindlichkeit suchen kann. Weil die Ampel gerade rot ist und man wartet, zum Beispiel. Oder weil man verträumt dem Zug der Wolken lauscht. Oder sich versonnen am Gesäß kratzt. Da schreit sie auf einmal auf, die Ungewissheit aus der Körpermitte. Wächst urplötzlich an und flutet mit ihrem ölig, schwarzem Körper Torso und Taille. Wie ein schnipsender Schüler, der die Antwort weiß und endlich auch einmal etwas sagen will. Ganz unhöflich und ablenkend. Außerdem weiß ja wohl jeder, daß die Hauptstadt von Sierra Leone nicht Aschaffenburg ist.

Ganz fahrig fahr´ ich dann meinen Fahrplan ab. Ziehe zitternd meinen Schuh durch. Die Sinne nach außen gerichtet. An ihrer Konstruktion ausgerichtet. Den Blick von Ablenkung zu Abschweifung tanzend. Die Ohren nach Vögeln und Hunden und Gesprächsfetzen gespitzt. „Der Dieter hat´s ja mit dem Darm“, sagt die eine halbhohe Oma zur anderen. „Ja, ja, wer nicht?“, weiß ihr die fernsehgartengebildete Gesprächspartnerin zu entgegnen. Die Leute haben Probleme. Schön eigentlich. Fühlt man sich nicht so einsam. Obwohl mein Darm ja hervorragend in Schuß ist. Dem Vernehmen nach. Bis auf den Bauchschuß der inneren Zerrissenheit. Die ihn fransig daniederliegen lässt. Bildlich gesprochen. Ohnehin alles Einbildung. Gedanken, welche sich in körperlichem Gebrechen manifestieren. Psychosomatisch. Obenrum sturmfreie Bude und im Untergeschoß Erdbebenübungen. Wenn man so vieles gleichzeitig will, daß man gar nicht mehr weiß, was man will. In Zwänge gewandet versucht das Schiff auf Kurs zu halten. Immer hübsch laut mit dem Nebelhorn tutend. Mit nervösen Fingerspitzen. Zuviel Koffein. Macht die Sache jetzt auch nicht besser. Kopflos mit dem Kopf durch die Wand. Wird schon gut gehen. Vermutlich. Hoffentlich.

Wahrscheinlich reißt die Wolkendecke der Verwirrung sowieso wieder rascher auf, als man zu vermuten hoffte. Zack! Gleißendes Licht. Pfadbeleuchtung. Hier entlang bitte. Aber nicht drängeln. Kunststück, bin ja nur einer. Da hält sich die Drängelei in Grenzen. Auch wenn hinter den Augen eifrig um die Plätze mit der besten Sicht geklüngelt wird. Man will ja wissen wie es weitergeht. Selbst wenn man nur eine Spaltmenge der Persönlichkeit ist. Überraschend bleibt es dennoch. Nur weil man in eine bestimmte Richtung läuft, weiß man ja noch nicht, was einen dort erwartet. Von willigen Gespielinnen über tollwütige Steinmarder bis hin zu Tandems mit Reifenschaden ist alles drin. Und so mischen sich also Vorfreude und Neugier und Angst. Füllen mit ihren wechselvollen Konturen die Fransigkeit aus. Bis kein Platz mehr für Zögern und Zaudern ist. Zwischen Aorta und Appendix.

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