Warten

Man sieht mich nicht. Weil fast noch finstere Nacht ist, der Morgen sich gerade erst gähnend im Bett ausstreckt. Man hört mich nicht. Weil ich, beinahe ohne darauf zu achten, mit lautlosen Schritten den Weg beschreite. Ich will die Welt nicht mit Getrampel stören. Schmiege mich an die wohlvertrauten Schatten und werde Teil von Ihnen. Alle Sinne sind gespitzt, der Geist hellwach und sich jeden zurückgelegten Meters bewußt, obwohl alle Aufmerksamkeit nach innen gerichtet ist. Denn gleichzeitig wird im Kopf ein wütendes Ping-Pong Match abgehalten.

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Fast jeden Morgen seh´ ich dich, am Bahnhofe, am gammeln, verächtlich jene streift dein Blick, die sich zur Abfahrt sammeln. Du siehst wie ´ne Ludmilla aus, ´ne Bärbel bestenfalls, rümpfst trotzdem schief das Näselein, reckst mächtig deinen Hals. Ganz weiß blondiert und glatt gesträhnt, dein Haupt, in dem man Hohlraum wähnt, drei Übel zieren dein Gesicht, Überbiss, überschminkt und Übergewicht. Aus Augen, bunt wie Faschingszeit, schreit schriller Mißmut Hasse, die Mundwinkel hinabgewölbt, die Haltung voller Klasse. Gewinkelt rechts die Ellenbeug´, den Arm ganz abgepreizt, im Freiraum Handtasch´riemen drin, was mit Nobless´ nicht geizt. Und nebenbei, wie nicht gewollt, die Finger präsentiert, an deren Enden sorgsamst sind, die Nägel manikürt. Auch modisch, das behaupt´ ich mal, siehst du dich up-to-date, hast angelegt was gerad´ modern, wie´s in der Vogue drinsteht.

Im Legginsstoffe eingepresst, der halbsoviel im Höchstfall fässt, was andernorts man Schenkel nennt, und nicht als Büffelhüfte kennt. Darüber hält mit aller Kraft, der Knopf der Jeansshortbunde rafft, das gute Stück am Hinterteil, und bietet zuviel Ausblick feil. Auch obenrum, voll Sexappeal, verhüllst du massiges mit Stil. Ein Top samt dünner Nudelträger, malt farblich hier ´nen Kontrapunkt, zwängt katzenkotzenfarben ein, was sollte mal ein Busen sein. Doch wenn auch jeder Kleidungsnaht, mit Schweißgesicht das Bersten schwant, so glühst du doch vor Arroganz, vor selbstverliebtem grundlos´ Glanz. Ganz vornehm ist dein Habitus, mit langen Fingern Rauchgenuß, ein tänzelnd Nilpferdgang dabei, mit Hüftgewackel, Trampelei. Man hört fast wie genervt du seufzt, wenn einer durch den Weg dir läuft, und mit fluchesvollem Blick, und Ekel ziehst den Kopf zurück. „Ich bin Ludmilla, liebe Leute, ein Gottgeschenk an euch, die Meute. Ein Anblick zum Spontangebet, wo er bald wandelt, gar nur steht. Mein Antlitz blankes Ebenmaß, als ob ein Engel nachts draufsaß. Die Haare strahlend Silbergold, gekonnt das Make-Up, nicht gewollt. Und ed´lste Tücher hüllen ein, was Marmor könnte gut auch sein. Ein Körper wie ein Lobgesang, mit Beinen bis zum Boden lang. Und ihr erdreistet euch bisweilen, hier quer durch meinen Pfad zu eilen? Mir meine Blicke zu verstellen, mit euren ruinierten Zellen? Mit euren Lumpen, euren Fetzen, euch gegenüber hinzusetzen?“.

Nun mag natürlich möglich sein, daß du nicht selbst dich schätzt so ein, aus bösem Willen, Übelmut, doch täte dir ´ne Ansprach´ gut. „Mein liebes Fräulein Speckgebirge, ich mach´ es kurz, da ich schon würge. Ganz flau wird mir die Körpermitte, bei deinem selbstverliebten Schritte. Denn ganz so toll, wie du wohl glaubst, du niemand hier die Sinne raubst. An Farben ins Gesicht gezimmert, was an Faustmißbrauch erinnert. Die Haare dünn und ausgehellt, daß Fußnägel es einem wellt. In Kindergrößen eingesperrt, Fleischesmassen unbeschwert, und ständig du Gefahr verheißt, das hier alsbald Gewebe reißt. Von alledem wär´ abzuseh´n, würd´st du nicht wie Graf Koks hier steh´n. Wie Fleischeslust in Speck gehaucht, wie aufsummiert, was Paarung braucht. Als sei der Blick zu Dank gezwungen, da du die Optik ausgewrungen und hättest dir mit ihrem Kern, die Huld verdient von nah und fern. Als seist du besser als die meisten, die Faulen, Dummen, Trägen, Feisten. Als wäre deine Scheiße Gold, man wunschlos dir Tribute zollt. Mein liebes Fräulein Presswurstpelle, ich halt es kurz, ganz auf die Schnelle. Es ist und bleibt mir unerklärlich, warum du hältst dich für begehrlich. Warum du anzunehmen denkst, das erektil du viel verrenkst. Welch blinder Spiegel dir gesteckt, das man nach dir die Köpfe reckt. Als hätt´ man Pudding reingezwängt, die Leggings deine Bein´ umfängt. Und ein Sack Zwiebeln scheint verschnürt, wo Wellenform den Bauch lang führt. Mein liebes Fräulein Achsotoll, nehm´ lieber nicht den Mund so voll. Mach´ mal piano, bleib entspannt, denn das wird wirklich anerkannt. Wer wirklich schön, auch innerlich, braucht solche Maskerade nicht.

Eine andere Generation

Es hilft nichts, wir müssen den Fakten in die Augen blicken: Es hat mich erwischt. Zwar nicht gänzlich unerwartet, aber in der plötzlichen Konsequenz dann doch überraschend. Da kannst du noch soviel hochtrabende Worte benutzen und davon schwafeln, ja beinahe träumen, daß dir das niemals passieren wird. Interessiert keine Sau. Irgendwann ist es soweit. Durch das Raster gefallen, zur Seite gekehrt, irrelevant geworden. Volles Brett reingefallen. Ins Generationenloch. Da kannst du soviel Nickelodeon und Viva schauen wie du willst, den Internet-Trends hinterher hecheln oder annehmen zu wissen welche Kleidung gerade hip ist. Irgendwann ist es soweit. Diese Jugend von heute. Du verstehst sie nicht mehr. weiterlesen »

Wie man sich fettet, so wiegt man

Da sitzen sie wieder breitärschig im Wartehäuschen. Manfred und Kordula habe ich sie getauft. Weil sie so aussehen. Mindestens. Immense Fleischmassen geben ihren Körpern Volumen. Nur mühsam hält im Bersten begriffene Kleidung sie zusammen. Er trägt einen modischen drei Euro Haarschnitt vom „Salon Sonderhaar“. Sie scheint sich mit einem auf dem Sperrmüll gefunden Lockenstab niederer Fertigungsqualität selbst zu ondulieren. Ein merkwürdig alkoholisch pfefferminzener Duft umsteht beide. Man muß annehmen, daß es in der morgendlichen Hast zu einer Verwechslung gekommen ist, und sie sich mit Mundwasser frisiert haben, während ihr Atem nun wohl vorzüglich nach Pfirsichshampoo riecht. Fast aufgeregt betrachte ich das lipide Pärchen. Mit der begeisterten Erregung eines frisch Verliebten, dieser Mischung aus Freude und Hilflosigkeit, ahne ich, daß nicht mehr viel fehlt. Gleich. Gleich gibt es wieder Streit.

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