Der Bauchnabel

Begibt man sich auf eine Reise vom Herzschlag zur Fortpflanzungszentrale, so wird man unweigerlich das weite Abdominalareal durchstreifen. Genau in dessen Mitte liegt, schamhaft fast verborgen, der Bauchnabel versteckt. Wie wundersam wäre es, könnte er, wie einst, erneut ein Eingang sein. Ein Zugang mitten zum Bauchgefühl, zu den Schmetterlingen. Eine Öffnung zu Organen aller Arten, eine phantastische Pforte zur Intuition. Ein Portal zu Emotionen und Gedanken, die Einfahrt zur Einfalt. Mit weiten, übervollen Augen müsste man reisen, da vieles, so vieles, zu erblicken wäre.

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Ein Reisebericht

Manchmal hat man eine ganze Menge zu berichten. Zum Beispiel, daß ich üblicherweise eher reiseavers eingestellt bin. Dieses ganze „Gleis erreichen“ und „Abfahrt nicht verpassen“ steht nämlich im diametralen Gegensatz zu meiner sonst ruhigen und planvollen Handlungsweise. Außerdem sind da immer alle. Und wollen irgendwo hin. Mit ihren Koffern und Anhängern und Geschwindigkeitsübertretungen und Körpergerüchen. Ich bin eigentlich lieber da, wo nicht alle sind. Da nun aber, trotz übermenschlicher Versuche meinerseits, das Leben sich nicht daran hindert lässt, sich global auszubreiten, sehe ich mich manchmal genötigt meine „comfort zone“ zu verlassen, den Wanderstock zu greifen und entlegene Orte aufzusuchen. Noch seltener kommt der Umstand zum Tragen, daß zwei dieser nervenaufreibenden Vagabundierereien sich nahtlos in einander über begeben. Doch selten ist nicht nie. Und so kam es, daß ich innerhalb einer Woche mein, dies teilnahmslos, ja desinteressiert, zur Kenntnis nehmendes, Vaterland vom hohen Norden bis hin zum tiefen Süden durchmaß. Die dabei gemachten Beobachtungen sollen im folgenden dargelegt werden.

Der erste Reiseabschnitt sollte mich in den Norden führen. Grund die Strapazen auf mich zu nehmen war, einiger Spießgesellen gleichen Nachnamens angesichtig zu werden, welche sich entschlossen hatten dort ihren Lebensmittelpunkt zu eröffnen. Als Transportmittel der Wahl war rasch die Deutsche Bahn auserkoren, da das Fehlen einer Erlaubnis Fahrzeuge zu pilotieren und der recht ärmlich strukturierte Netzausbau der Fernbusse eigentlich nur diese Möglichkeit übrig ließen. Glücklicherweise ist ein Bahnbillet heutzutage recht komfortabel über dieses Internet, von dem man immer hört, zu erstehen. Startbahnhof, Zielbahnhof, gewünschte Reisezeit und Anzahl sowie Alterskategorie der Reisenden ausgewählt, einen halbwegs akzeptablen Preis überwiesen, ausgedruckt, fertig. Fast so einfach wie Schwarzfahren. Und man muß sich nicht vier Stunden auf dem Klo verstecken. Nachdem dieser erste Schritt erledigt war, begann die Planung der Befüllung der Gepäckstücke. Allerhand Kleinigkeiten und Klimperkram waren zu bedenken. Akkumulatorenladegeräte für mitzuführendes Hochtechnologieequipment, Gastgeschenke, um die Eingeborenen milde zu stimmen, ein ausreichender Satz Textilien, um sich keine Blöße geben zu müssen, eine feine Auswahl an Toilettenartikeln, ein, zwei zeitraubende Kriminalromane und was halt sonst noch so an Bagage in die Ritzen und Nischen eines eigens erworbenen Gepäckstückes passt. Kleinteiliges, sowie eine Banane und eine Wasserflasche wanderten in den schon etwas heruntergekommenen Rucksack. Schon brach ein jungfräulicher Montag an und es hieß Aufbruch.

Der Norden

Mit der erwartbaren physischen Leichtigkeit eines Diätgestählten wuchtete ich meine Habseligkeiten gen Abfahrtsort der Lokomotive, bestieg einen der ihr willenlos folgenden Wagons und begab mich zur ersten Umstiegsstation. Ohne großes Federlesen wurde mir sofort vor Augen geführt, aus welchem Grunde ich es normalerweise nicht auf mich nehmen möchte die Annehmlichkeiten des ÖPNV zu nutzen. Eine bunte Schar anderer Nutzer hatte sich versammelt. Behinderte sich gegenseitig im Vorankommen. Musterte einander. Erzählte lauthals vom vergeigten Mariuhana-Urintest. „Obwohl ich echt nur passiv mitgeraucht habe“. Bei jeder neuen abgerissenen Gestalt Risikoanalyse. Ist der verrückt genug mich mittels eines Stielkamms und Bluttatandrohung zur Herausgabe meiner Barschaft zu nötigen? Man kann den Leuten nur vor den Kopf gucken. Und selbst das ist manchmal kaum erträglich. Zu meinem Glück setzte irgendwann Rationalität, die Erkenntnis, daß ich den anderen herzlich egal war, ein. Ich griff mir also eines der mitgeführten Bücher und las mit aller Kraft die darin enthaltenen Sätze. Einen nach dem anderen. Kurz nur war ein weiteres Umsteigen erforderlich. Hierbei lotste man mich auf einem Bahnhof mit gerade einmal vier Gleisverbindungen, welche mit 1, 2, 41 und 140 wohl von einem Betrunkenen getauft worden waren, zu letzterem. Als der Zug hielt entschloß ich mich, um der Effizienz willen, den ersten freien Platz zu besetzen. Das eben dieser ein recht unbequemer Klappsitz war, sollte erst über die knapp anderthalbstündige Reisezeit Wirkung zeitigen. Praktisch sofort machte jedoch ein anderer Makel auf sich aufmerksam.

Meine Sitzgelegenheit befand sich nämlich vis-a-vis des Bordabortes und als, höchstwahrscheinlich wissenschaftlich noch kaum untersuchte, bemerkenswerte Tatsache lässt sich festhalten, daß praktisch ununterbrochen irgendjemand irgendwas auf dem Zugklo zu erledigen hatte. Die könnten da eine Drehtür einbauen. Allein die schiere Anzahl genervt enttäuschter Mienen, welche der Erkenntnis folgten, daß der Lokus gerade belegt ist, hätten einen selbst depressiv machen können. Ich entschied das Schauspiel vom meinem Logenplatz aus zu besichtigen und nicht unter Vorspiegelung einer Verdauungsaktivität den Ursprung der Beliebtheit des rollenden Loches quasi „hands on“ zu ergründen. Ohnehin war das Ziel rascher als vermutet erreicht. Ich entstieg dem Gefährt und musste zu meinem Bedauern feststellen, daß das erwartete Empfangskomitee, Konfetti hätte ich als optional durchgehen lassen, durch Abwesenheit glänzte. Naja, wahrscheinlich hatte sich die nervöse Vorfreude auf mein Eintreffen in streßbedingtem Übergeben Bahn gebrochen und so eine Abholung verhindert. Vielleicht hatte ich aber auch nur zu lange auf das Bahnklo gestarrt und so meine Fähigkeit Einschätzungen abzugeben getrübt. Es half nichts, ich schleppte mein Gepäck zu der mir bekannten Adresse. Glücklicherweise war die Straßenführung unangetastet geblieben, so daß es mir leichter Hand beziehungsweise leichten Fußes möglich war den gewünschten Ort anzustreben. Überraschenderweise traf ich einige Meter vor dem Eintreffen doch noch auf das etwas ausgemergelte, da nur aus einer Person bestehende, Empfangskomitee, welches Verwunderung ob meiner angeblich zu frühen Ankunft vorgab. Es bekam eine kurze, spitze Antwort serviert und dann überschattete schon Wiedersehensfreude allen marginalen Mißmut. Man führte mich ins Quartier, wo der Teil der Anwesenden, welche mich noch nie oder nur in einem erinnerungslosen Alter gesehen hatten, spontan in Tränen und Flucht ausbrach. Ich mußte annehmen, daß die stundenlange Zugfahrt mich bis ins Groteske entstellt hatte, fand diese Vermutung jedoch vom Spiegelbild beinahe unbestätigt. Daher mutmaßte ich, daß ich aus der kindlichen Froschperspektive eine recht imposante Erscheinung darstellen mußte, ein Gedanke, dem ich trotz seiner augenscheinlichen Unwahrheit einiges abgewinnen konnte, und daher sich wohl Furcht der Kindsgemüter bemächtigte. Noch wußten die kleinen Sabberkönige nicht, daß ich mir selbst nachsagte mich bei Kindern und Tieren einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen, auch wenn sie sich schnell diesem magnetischen Sog ausgesetzt sahen. Obschon das Leben mit all seiner Frustration und Enttäuschung und stupiden Wiederholung recht prächtig an den Kapillargefäßen meiner Phantasie herumgefeilt hat, habe ich mir doch ein kindliches Gemüt bewahrt. Eine Kommunikationsebene, die von Logik unverstellt, die unvoreingenommene Sicht und Begeisterungsfähigkeit des Heranwachsenden zu emulieren weiß.

Kurzum, rasch hatte ich zwei, später drei, neue Freunde, wobei der artikulationsfähigste und mir schon durch Namensvetternschaft innigst verbundene, sich äußerst mühte einen Top Ten Platz auf der Liste „Menschen ohne Schulbildung, die ich echt knorke finde“ zu erreichen. Mithin war es ihm sogar möglich, mich dazu zu überreden an seinem überraschend prall gefüllten Terminkalender, allein „Essen“ und „Schlafen“ füllten weite Bereiche des Tages aus, teilzunehmen und ihn zum Kinderturnen zu begleiten. Hierbei zeigte sich, daß Kinderturnen, eine Veranstaltung für Menschen von null bis drei und ihre Erzeuger, genau mein Ding ist. Bis auf die Kinder. Und das Turnen. Denn eigentlich sollte die Aktivität in „Müttertreffen mit Kindern in ständiger Todesgefahr“ umbenannt werden. Während die Gebährerinnen die Zeit nutzen, um über dies und jenes und anderweitiges außerhalb der üblichen Windelwechslungszeiten zu parlieren, stürmen und strolchen die Nachzuchten nämlich durch eine Turnhalle, in der allerhand Todessehnsucht heischendes Equipment aufgebaut ist. Seile und Bälle und Stangen und Kästen und irgendwie zuwenig Matten. Alles klettert und springt und rennt sich beinahe um. Bis auf die Mütter. Diese sind wohl befähigt auf beeindruckende Weise nur aus dem Augenwinkel eine Gefahreneinschätzung vorzunehmen und erst kurz vor ultimo einzugreifen. So kaum es auch, obwohl ich Blut und Wasser schwitzte, kaum zu Verwundungen. Zusätzlich versuche ich immer noch dieses beunruhigende Gefühl einzuordnen, das entsteht, wenn ein wildfremdes Kleinkind auf dich zugerannt kommt, einen Meter vor dir stehen bleibt und dich mit riesigen Kinderaugen und einem halben Lächeln taxiert. Um kein Öl ins Feuer zu gießen und sozusagen aus Überlebensreflex habe ich stets zurückgelächelt, was die kleinen Neugierlinge zu befriedigen schien.

Die restlichen Tage waren mit den Bauarbeiten an einem hölzernen Gartenpavillon bei gleichzeitiger steter Sorge ein Kind könnte sich zersägen, erschrauberziehern oder mit Lasur verdünnen, prächtig ausgefüllt. Ein unifarbener Sonnenbrand war mir als Beweis meiner outdoor Aktivitäten beschieden. Die Zeit eilte ungefragt zügig dahin und verstand es vorzüglich sich zwischen Mahl- und Schlafenszeiten extra dünn zu machen. Dennoch war die Grundstimmung ein herzenwärmendes Lachen. Ein lehrreicher Exkurs in die Faszination, welche Traktoren, Bagger und Enten auf beinahe Zweijährige ausüben. Und der Gewinn einiger überraschender Erkenntnisse. Zum einen stellte ich fest, daß die einzig Lego-Steinen nachgesagte Fähigkeit sich auf amüsant schmerzhafte Weise in die barfüßige Schlaftrunkenheit des Erwachsenen zu zwängen, auch und ebenso unverhofft vom Playmobil Bauernhof- und Schienensortiment übernommen werden kann. Desweiteren ist es schon mal erfrischend, einen augenscheinlich Alkoholkranken zu beobachten, der sich anstatt drei Pullen Öttinger und eine große Goldkrone als Medizin zu erstehen, die Freiheit herausnimmt nobel zu Grunde zu gehen. Schließlich erfüllen ein Sixpack Becks und eine Magnumflasche Weißwein den Zweck auch. Und letztlich ist es sehr überraschend, wenn nach einigen Sonaten und Arien, unvermittelt der Filmkritiker vom „Klassik-Radio“ seine Gedanken zu „Iron Man 3“ äußerst. Noch überraschender war die Wertung von vier von fünf Sternen. Scheint also gelungen zu sein der Film. Zu hören bekam ich eben beschriebene Einschätzung, als ich mich bereits auf dem Rückweg nach Hause befand. Glücklicherweise bot sich die Möglichkeit an, in einem, ansonsten bis auf den letzten Quadratmillimeter mit Stoffen und Mobiliar und Elektrowerkzeug vollgestopften, Fahrzeug als Passagier mitzureisen. Diesmal kein Klo weit und breit, ein kurzer Halt auf einer Autobahnraststätte einmal ausgenommen, sondern nur der Asphalt, der sich durch die Landschaft frisst. Alles in allem eine recht ereignislose aber komfortable Art zu reisen. Ich begrüßte diesen Umstand auf das außerordentlichste, da, nach nur einer Übernachtung, schon meine Weiterfahrt in den Süden der Republik geplant war.

Und so hieß es nach meiner Ankunft rasch die Klamotten zu waschen, eine geringe Menge Lebensmittel zu bevorraten und ebenso kurz wie intensiv die Stille der selbst gewählten Einsamkeit auszukosten. Nun gut, ich entwarf noch rasch das Motiv einer Traktor fahrenden Ente, um es auf ein T-Shirt zu drucken, welches mein neu gewonnener Freund stolz seinen Kindergartenkumpanen präsentieren konnte, aber auch dies geschah in dem Bewußtsein, das meine ruhigen Stunden gezählt waren. Hätte ich geahnt, das die Zeiger der Inkubationsuhr schon tickten, hätten ich mich vielleicht sogar anders entschieden. Doch noch war die Krankheit obskur. Schon am nächsten Tage also wieder die Taschen gepackt und ein anderes, geräumiger bestautes Fahrzeug bestiegen. Beinahe sechs Stunden ging es Richtung Süden.

Der Süden

Da dort keine Namensvetter ihr Lager aufgeschlagen hatten, bezogen wir ein Hotel. Geschmeidig hatte es sich in die Landschaft und baulichen Gegebenheiten einer Kleinstadt eingefügt. Die Teppiche hübsch gesaugt, die Vorhänge akkurat und die Bediensteten freundlich und allesamt mit rollenden Rs kommunizierend. Obschon ich nicht selbst gebucht hatte, war daran gedacht worden mir ein Raucherzimmer vorzubestellen, was ich als glückliche Fügung erwies. Auch das Nachtlager und der Hygienestandard waren einwandfrei, so daß ich mich anschickte wohlgemut die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Doch schon der erste Schlaf brachte Ernüchterung. Da die aufkeimenden Hitzewallungen wohl nicht auf meine noch ausstehenden Wechseljahre zurück zu führen waren, mußte ich mich der Gewissheit stellen einem Fieber anheim gefallen zu sein. Und Reisefieber war es mit Sicherheit nicht. Vielmehr hatte eines der sabbernden und hustenden und ständig in der Nähe meiner Kopflöcher herumkrauchenden Kinder von der Küste mir wohl einen hübsch zeitbombig verpackten Virus mitgegeben. Zum Fieber gesellte sich nach dem Aufstehen noch ein mächtig an die Innenwand der Stirn drängender Kopfschmerz, welchen nicht einmal eine halbe Morgenzigarette zu kurieren wußte, so daß ich eher lieblos am liebevollen Frühstücksbüffet herumstocherte.

Aber auf meine Physis konnte keine Rücksicht genommen werden, und so arbeiteten wir zehn Stunden am Projekt, welches Reiseanlass gewesen war, nahmen eine Mahlzeit von einer Speisekarte bayrischer Spezialitäten ein und trennten uns, auf das mich Schlaf kurieren möge. So war am darauf folgenden Morgen auch der Kopfschmerz verschwunden, nun zwickten aber Hals und Stimmbänder. Ich betrat den ans Zimmer gelöteten, recht geräumigen Balkon und versuchte erfolglos morgendliche Bergluft als Medizin zu utensilisieren. Ein kratziges Husten verspottete meine Bemühungen. Meinem ungebremsten Suchtverhalten geschuldet, versuchte ich dennoch eine Zigarette zu rauchen, schließlich musste man die gegebenen Möglichkeiten ausnutzen, doch rasch gab ich den schmerzhaften Versuch wieder auf. Der Tag verlief wie der vorangegangene. Ein mürrisches Frühstück, Arbeit, Arbeit, Arbeit, ein schmackhaftes Mahl im Hotelrestaurant, frühe Nachtruhe. Schon am nächsten Morgen sollte es endlich wieder für längere Zeit nach Hause gehen. Uns stand nur noch eine längere Autofahrt ins Haus. Nach einigen Verzögerungen seitens der fahrzeugsteuernden Partei beglichen wir unsere Unterkunftsrechnung, betankten den Wagen und stieben gen Norden los. Die Passage verlief vorfallsfrei und ich wurde dankenswerterweise direkt vor meiner Haustür des Gefährts verwiesen. Zwar war es zu einigen Verzögerungen gekommen, weil, reiseüblich wieder einmal alle anderen auch da waren und irgendwohin wollten, aber nun war zum Glück keiner mehr da. Außer mir. Und ich hatte mir, nach zehntägiger Abwesenheit eine ganze Menge zu berichten.