gute Zeit

Eigentlich kommt es mir immer so vor, als ob ich nicht genügend Zeit hätte. Oder die vorhandene nicht ausreichend ausquetsche. Beinahe ein schlechtes Gewissen ab und an, wenn Müßiggang und Träumerei wieder ein paar Stunden gefressen haben. Schließlich fragen die verkrusteten Porzellanwaren nicht, warum man sie noch nicht wusch. Oder die Textilien, warum man sie noch nicht auf Stoß gefaltet hat. Sie sind einfach sauer und fressen es in sich hinein. Ich merke das oft gar nicht, da ich doch mit fröhlichen Gedanken auf Du und Du durch die Welt tänzele und Ziffernblatt und Uhr einen guten Mann sein lasse.

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Sauerstoffmangel

Schon als ich mich entschlossen hatte nur noch auf dem Balkon zu rauchen, begann mein Schreibritual darunter zu leiden. Kein lässiges Zurücklehnen und sinnloses Gepaffe mehr, während man über eine Wortgruppe nachgrübelte. Stattdessen alle paar Minuten hinaus rennen und dort die zweite Hälfte der Zigarette mit Macht wegsaugen, weil man eine Idee hatte und diese schnell notieren wollte. Nun, da ich mich entschlossen habe gar nicht mehr nikotinabhängig zu sein, wird die ganze Sache noch einen Zacken schärfer.

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Volk von einem

Manchmal bin ich mein eigener bester Freund. Und wir haben nur Flausen im Kopf. Manchmal bin ich kein guter Umgang für mich. Ein Volk von einem. Für das die verschwommene Unendlichkeit des Universums direkt hinter der Nasenspitze anfängt. Und auch davor gelegentlich flackert. Ein Volk von einem. Umfangen von weißem Rauschen. Gleichsam hundert Stimmen im Kopf. Hundert Stimmen in der Dunkelheit. Mit hundert Meinungen und Fragen und Ideen. Dennoch manchmal einsam. Ein Volk von einem.

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Wie wird der Geist mir wunderlich, wie wind´ ich in Verzückung mich. Wie klopft mit Narrenschellenklang, der Wahnsinn obenrum mir an. Hört´ ich da gerad´ den Buxbaum bellen, sah ich den Luchs durch´s Dickicht schnellen? Trägt Karos heut´ das Himmelsblau, ist Irrsinn nur wohin ich schau? Und überhaupt, die Sinne sind, am Schwinden, weichen blitzgeschwind. Denn was begreiflich und real, wird nun ersetzt, wird anormal. Die Luft schmeckt nach Lakritzgeschneck´ , ganz ohne Grund und ohne Zweck. An jeder Hand sechs Finger dran, da freut sich der Zwölffingerdarm, denn endlich kann man angenehm, nun Hand in Hand, durch´s Leben gehen. Ein Kibitz neckt aus fernen Wipfeln, er sucht nach Drüs´gewebesgipfeln. Denn leidlich schmust´s auf Dauer nur, sich an dem Busen der Natur.

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Kann man seinen Augen trau´n, ist´s Hirninfarkt, gar Fiebertraum, selbst schärfster Blick lässt keinen Raum: Der Fuchs sitzt im Rhabarberbaum. Die Rage ließ ihn hochwärts stieben, zu tollen zwischen jungen Trieben, vorbei das ruh´ge Kugel schieben, wenn man von Tollwut angetrieben. Er linst und grinst und lacht und kracht, durch´s Blattwerk, was ihm gar nichts macht, er bellt und johlt die halbe Nacht, manch´ Volkslied wird auch dargebracht. Schau´ mich nicht so schaumig an, die Augen wütend aufgetan, verzückt mich doch dein Tatendrang, und deiner Kehle jeder Klang. Sprint´ nur durch Rhabarberstauden, will´s der Blick auch erst nicht glauben, in Anmut sich empor zu schrauben, als dürft´s die Schwerkraft nicht erlauben.

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Mondfinsternis

Da rabimmel, rabammel, rabumst es schon kurz an den Synapsenenden, wenn mir auffällt, daß ich schon seit einem Monat nichts veröffentlichbares mehr geschrieben habe. Wo doch allerhand geschehen ist und man leichtfingrig die ein oder andere possierliche Anekdote aus der Realität hätte herauswringen können. Einzig waren meine Kräfte anderweitig gebunden und der Funke der Inspiration ist immer knapp am Schießpulver der Textverarbeitung vorbeigezittert. Ob das nun heute anders ist?

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Arschbombe

Mir fehlt Konzentration. Es rumort im Oberstübchen. Alles fliegt wild durcheinander. Ein rechter Wortsalat bekleidet sich da in der Rübe mit Schwachsinnsdressing. Rübensalat, will man sagen. Ganz ungeordnet kullern die Gedanken durch die Murmel. Eiern bald hierhin, bald dahin. Wahnwitz ins Oval gebogen. Von hinten links brüllt einer rein: „Die Amsel furzt ins Waldgebiet, wo´s keiner riecht, noch hört, noch sieht. Selbst wenn, wär´ ihr das piepegal, sie flöge weiter, kannst mich mal!“. Mit solchen Zwischenrufen muß man sich hier rumschlagen. Irgendeiner lacht sogar darüber. Und das ohne Hopfen und Malz. Egal, beides ohnehin verloren. Da marschiert schon der nächste farbenfrohe Reigen an Gedanken an. Oha, das könnte schmerzhaft werden.

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Nicht einmal mehr 35 Jahre, dann ist es soweit. Genauer gesagt am 1. September 2048. „Huch“, wird mancher denken, „mayat er uns jetzt hier den thermonuklearen Krieg an die Wand?“. „Mitnichten!“, weiß ich vorlaut zu entgegnen. Vielmehr bezeichnet vorgenanntes Datum ein freudiges Ereignis. Eine Passage, einen Übergang. Den Beginn von etwas, vermutlich, wunderbarem. In nicht einmal 35 Jahren, kann ich endlich beginnen mir das Gemächt zu schaukeln. Meine Zeit nach meinem Gutdünken zu verschwenden. Mit gesellschaftlicher Akzeptanz merkwürdiges postulieren. In nicht einmal 35 Jahren bin ich Rentner.

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Die Seifenoper

„Was soll´n das werden?“. „Na was wohl. Ich füll´ sie ab. Ich will doch die Wette gewinnen. [laut in die Runde] Jetzt ist Raki-Time!“. Dergestalte Konversationsfetzen werden einem um die Ohren gehauen, wenn man beim vorabendlichen Zappen über eine dieser Daily-Soaps stolpert. Schamvoll schüttelt sich der Verstand und der Zeigefinger will eigentlich schnell den nächsten Sender ansteuern. Plötzlich fällt mir ein alter Text ein. Dürfte schon ein paar Jahre her sein, da habe ich einmal die täglichen Episodenzusammenfassungen der verschiedensten Seifenopern aus meiner Fernsehzeitschrift entnommen und noch einmal selbst zusammengefasst. Und da die Formate sich damit brüsten immer realistischer zu werden, müssten sie doch heutzutage ein noch viel feiner gezeichneteres Bild der deutschen Lebenswirklichkeit widerspiegeln. Irgendwie passt das zum anstehenden Geburtstag. Da wird man ja kurz einmal rührselig. Sinnt darüber nach, wo man im Leben steht. Was noch zu tun ist, was man versäumt hat, was man besser machen könnte. Ein bißchen wie an Silvester.

Also, wohlan ihr hippen Autoren mit den Ohren am Puls der Zeit, was erlebt der Durchschnittsmensch beinahe mittleren Alters denn im Jahre 2013 so? „Verkorkstes Date: Sonja und Paul geraten bei ihrem Stelldichein vor der Polizei in Erklärungsnot. Eva ist weiterhin genervt von Mutter Heike. Bei Erik erwachen alte Gefühle für Melanie. Bella kommt der Verdacht, daß Tristan Andis Baustelle sabotiert hat. Jessica muß die Wohnung babysicher machen und versteht es mithilfe ihrer weiblichen Reize, Ricardo dafür einzuspannen. Wieder zurück ist Alex überrascht, dass seine Ex immer noch in Köln weilt. Marvin fürchtet, dass sich Liliana im Urlaub einen Neuen sucht. Fabrizio kann sich nicht aufs Lernen konzentrieren, da er ständig an JJ denken muß. Ole will ihm helfen. Richard landet nach seinem Schwächeanfall in der Klinik. Marian macht der überwältigten Lena einen Heiratsantrag. Katja rät dem schwulen Joscha sich zu outen. Emily wartet vergebens auf Tayfuns Heiratsantrag, versucht sich aber nichts anmerken zu lassen. Maren und Alexander können nicht aufhören sich zu streiten. Während er sich in seinem Frust betrinkt, landet sie mit Leon im Bett.“

Eines läst sich nicht leugnen, da ist für jedes etwas dabei. Zumindest in dieser geballten Aufstellung. Außerdem fragt man sich bei manchen Geschichten, welche Umstände denn zur momentanen Situation führten. Aber anstatt unsere Zeit mit dem Fernseher zu verschwenden, werden wir doch lieber selbst kreativ und schmeißen die alte Denkfunzel an. Sonja und Paul pimpern also und müssen sich deswegen der Polizei gegenüber erklären. Natürlich ist das Date da verkorkst. Nun frage ich mich natürlich welches Interesse der gemeine Schutzmann am Kopulationsgebahren zweier einvernehmlich Handelnder haben könnte. Treiben es die beiden auf seinem Streifenwagen? Ist Sonja ein Streifenhörnchen und Paul ein Sodomist? Sind sie über 90 Jahre alt und die Altersheimleitung hat die Polizei gerufen. Nicht das sie noch schwanger wird. Für Kinder gibt es ja kaum Freizeitangebote in so einer Seniorenresidenz. Obwohl Windeln ja schon einmal da wären.

Evas Muter heißt Heike und nervt. Wahrscheinlichen weil sie Evas bester Freundin Melanie gesteckt hat, daß bei Erik alte Gefühle erwachen. Das war Erik, der sich selbst noch nicht ganz so sicher ist, wahrscheinlich unangenehm und er hat ganz dolle mit der Eva geschimpft. Und angemerkt, daß die Heike nervt. Bis hierhin eigentlich alles recht normal. Sogar die Protagonisten haben willkommenerweise recht durchschnittliche Namen. Doch kaum gesagt, kommt es ganz dicke.

Bella, die vermutlich recht schön ist, hat einen schrecklichen Verdacht. Ihr Schwippschwager Tristan, der vermutlich recht alt ist, hat nämlich eine Baustelle. Wahrscheinlich mauert er sich im Schrebergarten einen Grill. Oder ein Außenklo. Jedenfalls wurde diese Baustelle sabotiert und Bella vermutet einen gewissen Andi dahinter. Schließlich hat der im Suff schon einmal einen ganzen Sack Nägel gefressen und danach Blut und Wasser geschissen. Und ein wenig Metallstaub. Der Fall muß geklärt werden. Jessica könnte vielleicht helfen, doch die hat eigentlich keine Zeit. Schließlich muß ihre Wohnung babysicher gemacht werden. Leider ist die Gute stinkfaul, eine Qualität die jeder werdenden Mutter gut zu Gesicht stünde, hat aber, durch ein derzeitiges Hormonungewicht und üppige Milchproduktion, einen recht stattlichen Vorbau erlangt. Letztgenannten hält sie jetzt einfach mal einem gewissen Ricardo ins Gesicht und fragt dann mit hilfloser Stimme, ob er nicht Lust hätte die Griffe von den Schränken zu schrauben und die Steckdosen abzukleben. Es ist anzunehmen, daß der dauerspitze Ricardo, wahrscheinlich ist er nicht einmal der Kindsvater, einwilligt und babysichert.

Unterdessen kehrt Alex nach Köln zurück. Wir nehmen mal an aus dem Urlaub oder dem Entzug. Jedenfalls trifft er seine Ex wieder und wundert sich. Wahrscheinlich wollte sie auch in den Urlaub. Oder den Entzug. Tja, wie das Leben so spielt. Aber vielleicht ist es auch besser, daß sie noch da ist, denn sonst erginge es Alex vielleicht wie Marvin. Dessen Liliana ist nämlich tatsächlich im Urlaub und nun steht zu befürchten, daß sie sich dort einen Neuen sucht. Die Sorge scheint nicht ganz unbegründet, denn schließlich macht sie Urlaub auf dem Bauernhof und so einen Hornochsen wie Marvin könnte sie da allemal finden.

Die Liebe macht das Leben schwer. Davon weiß auch Fabrizio ein Lied zu singen. Beziehungsweise eben nicht, weil er sich nicht darauf konzentrieren kann den Text zu lernen. Immerzu muß er an JJ denken. Die hat nicht nur feste, wohlgeformte Brüste, schöne, glatte Haare und ein ausgebleichtes Arschgeweih auf der Stirn, nein es umgibt sie auch die Aura des Geheimnisvollen. Wofür zum Teufel steht JJ? Joanita Jolanda? Justus Jens? Jelber Jagdschein? Jenitaler Jahrmarkt? Fabrizio bleibt ratlos, aber zum Glück will ihm ja Ole helfen. Vielleicht indem er JJ einfach mal fragt. Würde ja Sinn machen. Allen Sinn verloren zu haben scheint derweil Richard. Nach einem echt starken Schwächeanfall muß er nämlich in die Klinik. Ohne ein anständiges Frühstück von jetzt auf gleich auf internationalem Niveau Gewichtheben zu wollen, war wohl doch eher eine suboptimale Idee. Er war von den Anforderungen schlicht überwältigt.

Ebenso fühlt sich Lena. Denn die kriegt heute, nach nur einer dreiviertel Stunde Kennenlernen, von Marian einen Heiratsantrag. Ganz mürrisch wird Emily da, lässt sich aber kaum etwas anmerken. Bis auf den „Leck mich“-Gesichtsausdruck. Emily wartet nämlich ungeduldig darauf, daß ihr Liebster Tayfun, was laut türkischem Wörterbuch auf deutsch übrigens tatsächlich Taifun bedeutet, um ihre Hand anhält. Der sonst so stürmische Tayfun verhält sich aber eher zurückhaltend. Will lieber eine Jungfrau heiraten. Und da scheint es für Emily zappenduster zu werden. Ebenso auch für Maren. Denn die landet mit Leon im Bett. Nicht weil sie den so scharf findet, sondern weil sie nicht aufhören kann sich mit Alexander zu streiten. Dieser wiederum hat eine männliche Problemlösungstrategie entwickelt und besäuft sich stattdessen. Vermutlich genau wie Joscha. Der ist nämlich schwul und Katja rät ihm sich zu outen. Das erfordert blöderweise Mut, aber den kann man sich ja antrinken.

Das ist also das Leben. In all seiner bunten, facettenreichen Varianz. Hätte ich ja nicht vermutet. Dagegen ist meine Erlebniswelt ja geradezu spektakulär eintönig und grau. Anderen scheinen die Scheinschwangerschaften und Sexualdelikte und Baustellensabotagen wie mißgeleitete Kugeln nur so an den Ohren vorbeizuzischen, während hier allenfalls mal der Wasserverbrauch abgelesen wird. Oder Strom. Während sich dort von unter Drogeneinfluß stehenden Eltern ausgewählte Vornamen und dazu passende Bettgeschichten die Klinke in die Hand geben, handlangere ich mich hier träge durch Haushaltpflichten und Amtsdeutsch. Während dort die Lichtorgel den Dubstep-Beat erbarmungslos vorantreibt, und andersherum, zwitschern hier morgens um fünf ein paar verirrte Spatzen Beethoven-Sinfonien. Man merkt kaum, daß sie keine Noten lesen können. Bleibt, im Lichte des anbrechenden neuen Lebensjahres, abzuwägen, welcher Realitätsentwurf besser bewohnt werden kann. Auch wenn die genannten Geschichten natürlich eine Verdichtung der Wirklichkeit darstellen und ich durchaus mehr erlebe als Wasserverbrauch, Abwaschen und Vogelgezwitscher. Vermutlich macht es wie immer die Mischung. Ein paar aufregende Farbakzente im Alltagsgrau können sicherlich nicht schaden. „Duhu? Wäre echt supi von dir, wenn du mir jetzt einen Heiratsantrag machst. Mein Schwächeanfall war nämlich nur ein Symptom meiner Schwangerschaft. Und wenn mir, nach unserem letzten Streit, nicht der Manni aus dem dritten Stock den Braten in die Röhre geschoben hat, bist du fast ganz sicher der Vater. Sagt meine Mutter. Obwohl die sonst nur nervt!“.

Kürzlich habe ich über Expander nachgedacht. Dieses Trainingsgerät, zwei Griffe mit elastischen Bändern dazwischen. Gibt es die eigentlich noch? Oder gab es die schon so lange nicht mehr, daß sie jetzt „Retro“ sind und unter Umständen gerade ihr triumphales Comeback feiern? Im Zweifel lässt sich diese Information ja heutzutage rasch erlangen. Schön und gut, mag man denken, und, mit meiner allgemeinen Fitnesssituation im Hinterkopf, die Frage anschließen, woher mein plötzliches Interesse für das Sportgerät rührt. Aufgrund meines recht ansehnlichen mentalen Trainingszustandes, werde ich dann wieselflink antworten: „Weil er das perfekte Sinnbild ist!“. Das mustergültige Sinnbild für meine Arbeitswirklichkeit. Eine Spannung, welche sich langsam aufbaut und dann stets nur mit hohem Kraftaufwand zu halten ist.

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