Hier ist der Grenzbereich. Das Ende der Fahnenstange. Fünf vor zwölf. Drei Schritte vorm Abgrund. Kurz bevor sich zwei Drähte berühren, die eigentlich besser nichts miteinander zu tun hätten. Die angespannte Stimmung deutet es an. Der anschwellende Soundtrack im Hintergrund. Ein kurzes Zucken des Augenlids. Händereiben. Gleich knallt es. Gleich ist der Ofen aus. Gleich ist Apokalypse. Wenn mich der gesunde Menschenverstand, die Vernunft, nicht wieder kurz vorher aufhalten. Aber die Urteilskraft schwindet. Zehn Schritte gen Explosion, neun zurück. Jedesmal. Irgendwann gibt es kein zurück mehr. Jedes aufhaltende, tiefe Durchatmen ein Menetekel. Irgendwann platzt mir der Arsch.

weiterlesen »

Die Wahl

Ich bin eine Hure. Eine abgehalfterte Bahnhofsdirne. Ein Freudenmädchen eher schlichteren Gemüts. Das für  einen Appel und ein Ei für jedermann willfährig die Grätsche macht. Das sich von spendierfreudigen Freiern den freien Willen abkaufen lässt. Das scham- und skrupellos immer in den Nächsten verliebt ist, der ausgebeulte Taschen hat. So schien es zumindest die SPD zu sehen, als sie mir in halber Fußballmannschaftsstärke am Bahnhof auflauerte. Und sie könnte Recht behalten.

Die ganze Nummer mit der Demokratie ist schon so eine Sache. Selbst wenn du selbst davon überzeugt bist der Beste und Geeignetste zum Leiten der Geschicke deiner Gruppe zu sein, müssen das die Anderen auch erst einmal so sehen. Und dich wählen. Also auch zur Wahl kommen. Je größer die Gruppe dann wird, welche du anführen willst, umso unterschiedlicher werden die Interessen der einzelnen Mitglieder. Und umso schwerer wird es allen gerecht zu werden. Willst du der Chef von allen werden, wird es richtig knifflig. Denn alle wollen etwas anderes. Aber in jedem Fall das Meiste. Dann bleibt dir eigentlich nur übrig eine gewiße Grundhaltung vorzugeben, welche die größte Schnittmenge mit der größten Menge der Bevölkerung hat. Der Rest muß mit Taschenspielertricks, Lügen und vollmundigen Versprechungen auf deine Seite gezogen werden. Und diese Winkelzüge werden immer ausgekochter, je näher der Wahltermin rückt. Panisch versucht man noch letzte Unentschlossene von der eigenen Eignung leitende Positionen zu bekleiden zu überzeugen. So kam es also, daß ich diese Woche, mißgemut wie morgendlich üblich, meinen Arbeitsweg beschritt. Auf den Augen ein trantütiger Blick, auf den Ohren unangemessen fröhliche Musik. Die Gedanken wie immer um Textfetzen gegürtet, die mir so durch die Rübe wabern, wenn die wilde Realität mal wieder zügellos vorbeiknattert. Schon war der Teil der Passage erreicht, da mich eine Schienenstrangunterquerung dazu nötigt für einige Meter Grubenluft zu schnuppern. Ohne Kanarienvogel. Aus Tierschutzgründen, da oftmals beißender Urinduft den Tunnel umsteht. Ich näherte mich also dem abwärts geneigten Treppenkasten und konnte auf der anderen Seite, wo ich plante das Tageslicht erneut zu erblicken, etwas ungewöhnliches feststellen. Etwas neues, befremdliches. Mit Stehtisch und Schirm hatte sich dort ein Grüppchen postiert. Zur Identifikation war der rote Regenschutz mit weißen Lettern beschriftet. „SPD“ stand da.

„Och nö“, dachte ich, „jetzt wollen die dich vollquatschen. Am frühsten Morgen. Vielleicht fragen, ob ich denn nicht auch finde, das ein Mindestlohn voll supi ist. Oder die Frau Merkel doof.“. Ach egal, ich hatte ja die Kopfhörer aufgezogen. Mein Schutzwall. Weithin erkennbares Zeichen meiner Abgeschottetheit. Ansprache unnütz. Ich höre ja nichts. Mein, durch den Gedankengang etwas verlangsamter Gang, wurde wieder zügiger. Ich konnte ja nicht ahnen, daß den Genossen mein Gehör egal war. Kaum hatte ich nämlich den Aufstieg beendet und befand mich wieder auf Bodenniveau, trat schon ein motivierter Wahlkämpfer an mich heran. Seine Lippen bewegten sich im Takt meiner Musik. Als in Höflichkeit nicht Unbewanderter striff ich also das Audioequipment von den Ohrmuscheln, um wenigstens in angemessener Lautstärke meinen Unwillen zur Diskussion zu bekunden. Doch der gute Mann wollte gar nicht quatschen. Der war ja auch nicht blöde und wußte, daß ich hier nicht nur zum Spaß in aller Herrgottsfrühe das Straßenbild belebte. „Guten Morgen“, lächelte er mir entgegen, „vielleicht einen kleinen Muntermacher?“. Sprachs und streckte mir die Hand entgegen. Diese enthielt einen Kaffeebecher, auf dessen „to-go-Deckel“ hübsch ausbalanciert ein Näpfchen Sahne und ein Zuckerstück aufgetürmt waren. „Ähh, ja, danke“, reagierte ich überrascht. „Und vielleicht noch was zum Lesen?“, entgegnete mein nun stärker lächelndes Gegenüber und reichte mir ein Pamphlet. Ich nahm beides an. Zum Nachdenken war gar keine Zeit. Höhere Hirnfunktionen waren von der Überraschung des Angebots vernebelt. Ich sagte noch einmal höflich „Danke“ und wünschte dem Sachspender „Viel Glück am Sonntag!“ und setzte meinen Weg fort.

Das gefaltete Flugblatt war rasch in der Gesäßtasche verstaut und der Zuckerwürfel zur Insektenspeisung dem Wegesrand übergeben. Den Gedanken, daß mich hier ein paar Verrückte zu Vergiften gedachten spülte ich todesmutig mit einem Schluck Gratiskaffee hinunter. Ich hatte ja keinen CDU-Pullover an. Für die war ich also Stimmvieh. Und vor dem Melken hatten sie bestimmt nicht vor mich zu Schlachten. Was danach kam, war eine andere Sache. Das Heißgetränk erfüllte alle an einen Kaffee gestellten Anforderungen. Temperatur und Geschmack waren zwar nicht außergewöhnlich, aber zumindest akzeptabel. Und der Preis war unschlagbar. „Ganz pfiffige Masche eigentlich“, durchzuckte es mein Oberstübchen. Ein der Tageszeit angemessener Köder und ein ebenso adäquates Aushändigen programmatischer Inhalte. Ohne langes Geschwafel und Überzeugen. Wir hatten ja alle keine Zeit. Außerdem hatten Sie eine neue Synapsenverknüpfung in mein Hirn gezimmert. Wenn ich nun den Wahlschein überfliege, um das zur Verfügung stehende Angebot zu sondieren, und um lustige Namen zu lesen, „Ilse Schweinebauch-Dörringer“ vielleicht, muß ich bei der SPD-Zeile nun an das Gratisgetränk denken. Kein Platz mehr für Steuererhöhungen oder Tempo-Limits. Und vielleicht kreuze ich diese Zeile dann sogar an.

„Eh alles Verbrecher ohne Ohr für die Nöte des kleinen Mannes“, denkt man ja bisweilen. „Aber die hier haben mir wenigstens einen Kaffee spendiert.“. Wie gesagt, ein geschickter Plan. Nun ist mir natürlich klar, und es war eingangs ja schon erwähnt, daß Herrn Steinbrücks Fußtruppen mein persönliches Wohl und Wehe schnurzegal ist. Die wollen gewählt werden, die Gründe seien einmal dahingesellt, und brauchen dafür auch meine Stimme. Und wenn sie sie kaufen müssen. Auch ob ich mich, nach Überwindung der Überraschung ob des unerwarteten Geschenkes, wie eine Prostituierte fühlen könnte, interessiert die nicht die Bohne. Die clevere Idee wird zum zweischneidigen Schwert. Denn auch der Gedanke „Stimmt ja, die waren so verzweifelt, daß sie meine Freundschaft kaufen wollten“, wird mir beim Wahlzettelscan durch die Rübe huschen. Bleibt eigentlich nur die gesamte Episode hirnintern abzuhaken und wie geplant das Kreuzchen bei der Gruppe zu machen, die die größte Schnittmenge mit meiner momentanen Vorstellung vom Leben aufweist. Und das empfehle ich eigentlich jedem.

Schließlich ist das mit der Demokratie ja so eine Sache. Wenn man nicht aufpasst und mitdenkt, gewinnt am Ende nicht der Geeigneste, sondern der mit dem besten kostenlosen Kaffee. Und dann ist es wieder wie bei den Bordsteinschwalben. Kurzfristig ist man ein Gratisgetränk reicher, aber wenn man kurz Zeit hat darüber nachzudenken, was man gerade getan hat, sitzt man flugs heulend unter der Dusche. Von daher: Nette Geste, meine Damen und Herren, aber für meine Entscheidung unerheblich. Denn wenn ich schon jemandes Hure, Bahnhofsdirne oder Freudenmädchen sein muß, sollte zumindest mehr als ein Kaffee und vollmundige Versprechungen herausspringen. Wir sehen uns am Sonntag.

Fast jeden Morgen seh´ ich dich, am Bahnhofe, am gammeln, verächtlich jene streift dein Blick, die sich zur Abfahrt sammeln. Du siehst wie ´ne Ludmilla aus, ´ne Bärbel bestenfalls, rümpfst trotzdem schief das Näselein, reckst mächtig deinen Hals. Ganz weiß blondiert und glatt gesträhnt, dein Haupt, in dem man Hohlraum wähnt, drei Übel zieren dein Gesicht, Überbiss, überschminkt und Übergewicht. Aus Augen, bunt wie Faschingszeit, schreit schriller Mißmut Hasse, die Mundwinkel hinabgewölbt, die Haltung voller Klasse. Gewinkelt rechts die Ellenbeug´, den Arm ganz abgepreizt, im Freiraum Handtasch´riemen drin, was mit Nobless´ nicht geizt. Und nebenbei, wie nicht gewollt, die Finger präsentiert, an deren Enden sorgsamst sind, die Nägel manikürt. Auch modisch, das behaupt´ ich mal, siehst du dich up-to-date, hast angelegt was gerad´ modern, wie´s in der Vogue drinsteht.

Im Legginsstoffe eingepresst, der halbsoviel im Höchstfall fässt, was andernorts man Schenkel nennt, und nicht als Büffelhüfte kennt. Darüber hält mit aller Kraft, der Knopf der Jeansshortbunde rafft, das gute Stück am Hinterteil, und bietet zuviel Ausblick feil. Auch obenrum, voll Sexappeal, verhüllst du massiges mit Stil. Ein Top samt dünner Nudelträger, malt farblich hier ´nen Kontrapunkt, zwängt katzenkotzenfarben ein, was sollte mal ein Busen sein. Doch wenn auch jeder Kleidungsnaht, mit Schweißgesicht das Bersten schwant, so glühst du doch vor Arroganz, vor selbstverliebtem grundlos´ Glanz. Ganz vornehm ist dein Habitus, mit langen Fingern Rauchgenuß, ein tänzelnd Nilpferdgang dabei, mit Hüftgewackel, Trampelei. Man hört fast wie genervt du seufzt, wenn einer durch den Weg dir läuft, und mit fluchesvollem Blick, und Ekel ziehst den Kopf zurück. „Ich bin Ludmilla, liebe Leute, ein Gottgeschenk an euch, die Meute. Ein Anblick zum Spontangebet, wo er bald wandelt, gar nur steht. Mein Antlitz blankes Ebenmaß, als ob ein Engel nachts draufsaß. Die Haare strahlend Silbergold, gekonnt das Make-Up, nicht gewollt. Und ed´lste Tücher hüllen ein, was Marmor könnte gut auch sein. Ein Körper wie ein Lobgesang, mit Beinen bis zum Boden lang. Und ihr erdreistet euch bisweilen, hier quer durch meinen Pfad zu eilen? Mir meine Blicke zu verstellen, mit euren ruinierten Zellen? Mit euren Lumpen, euren Fetzen, euch gegenüber hinzusetzen?“.

Nun mag natürlich möglich sein, daß du nicht selbst dich schätzt so ein, aus bösem Willen, Übelmut, doch täte dir ´ne Ansprach´ gut. „Mein liebes Fräulein Speckgebirge, ich mach´ es kurz, da ich schon würge. Ganz flau wird mir die Körpermitte, bei deinem selbstverliebten Schritte. Denn ganz so toll, wie du wohl glaubst, du niemand hier die Sinne raubst. An Farben ins Gesicht gezimmert, was an Faustmißbrauch erinnert. Die Haare dünn und ausgehellt, daß Fußnägel es einem wellt. In Kindergrößen eingesperrt, Fleischesmassen unbeschwert, und ständig du Gefahr verheißt, das hier alsbald Gewebe reißt. Von alledem wär´ abzuseh´n, würd´st du nicht wie Graf Koks hier steh´n. Wie Fleischeslust in Speck gehaucht, wie aufsummiert, was Paarung braucht. Als sei der Blick zu Dank gezwungen, da du die Optik ausgewrungen und hättest dir mit ihrem Kern, die Huld verdient von nah und fern. Als seist du besser als die meisten, die Faulen, Dummen, Trägen, Feisten. Als wäre deine Scheiße Gold, man wunschlos dir Tribute zollt. Mein liebes Fräulein Presswurstpelle, ich halt es kurz, ganz auf die Schnelle. Es ist und bleibt mir unerklärlich, warum du hältst dich für begehrlich. Warum du anzunehmen denkst, das erektil du viel verrenkst. Welch blinder Spiegel dir gesteckt, das man nach dir die Köpfe reckt. Als hätt´ man Pudding reingezwängt, die Leggings deine Bein´ umfängt. Und ein Sack Zwiebeln scheint verschnürt, wo Wellenform den Bauch lang führt. Mein liebes Fräulein Achsotoll, nehm´ lieber nicht den Mund so voll. Mach´ mal piano, bleib entspannt, denn das wird wirklich anerkannt. Wer wirklich schön, auch innerlich, braucht solche Maskerade nicht.

Eine andere Generation

Es hilft nichts, wir müssen den Fakten in die Augen blicken: Es hat mich erwischt. Zwar nicht gänzlich unerwartet, aber in der plötzlichen Konsequenz dann doch überraschend. Da kannst du noch soviel hochtrabende Worte benutzen und davon schwafeln, ja beinahe träumen, daß dir das niemals passieren wird. Interessiert keine Sau. Irgendwann ist es soweit. Durch das Raster gefallen, zur Seite gekehrt, irrelevant geworden. Volles Brett reingefallen. Ins Generationenloch. Da kannst du soviel Nickelodeon und Viva schauen wie du willst, den Internet-Trends hinterher hecheln oder annehmen zu wissen welche Kleidung gerade hip ist. Irgendwann ist es soweit. Diese Jugend von heute. Du verstehst sie nicht mehr. weiterlesen »

Da töne ich neulich noch wie der Großwesir von Großkotzistan von blendender Gesundheit. Von nur marginalen Abnutzungserscheinungen. Ja sogar von partiell unfassbar angestiegenen Sinnesleistungen. Und nun das. Schläfrigkeit. Aufruhr im Magen-Darm-Trakt. Drohende Druckkulisse hinter den Sichteinlässen des Gesichts. Als klassisch ausgebildeter Hypochonder will ich gar nicht wissen, was das Internet mir für Krankheiten andichten würde, wenn ich die Symptome in eine entsprechende Seite eintippte. Masern vielleicht. Kam gerade erst was im Fernsehen drüber. Masernepidemie momentan in München und Berlin. Und ich habe die ganze Woche in einem kaum klimatisierten Raum mit Berlinern und Bayern verbracht. Obwohl man bei Masern wohl, noch bevor eine hübsche rot juckende Maserung den Körper einwebt, erstmal Halsschmerzen und Fieber hat. Kurzer Check. Beides negativ. Außerdem bin ich ja vielleicht sogar geimpft. Diese sozialistischen Schergen haben das ja recht genau genommen. Fifty-fifty Chance vermutlich. weiterlesen »

Ein Reisebericht

Manchmal hat man eine ganze Menge zu berichten. Zum Beispiel, daß ich üblicherweise eher reiseavers eingestellt bin. Dieses ganze „Gleis erreichen“ und „Abfahrt nicht verpassen“ steht nämlich im diametralen Gegensatz zu meiner sonst ruhigen und planvollen Handlungsweise. Außerdem sind da immer alle. Und wollen irgendwo hin. Mit ihren Koffern und Anhängern und Geschwindigkeitsübertretungen und Körpergerüchen. Ich bin eigentlich lieber da, wo nicht alle sind. Da nun aber, trotz übermenschlicher Versuche meinerseits, das Leben sich nicht daran hindert lässt, sich global auszubreiten, sehe ich mich manchmal genötigt meine „comfort zone“ zu verlassen, den Wanderstock zu greifen und entlegene Orte aufzusuchen. Noch seltener kommt der Umstand zum Tragen, daß zwei dieser nervenaufreibenden Vagabundierereien sich nahtlos in einander über begeben. Doch selten ist nicht nie. Und so kam es, daß ich innerhalb einer Woche mein, dies teilnahmslos, ja desinteressiert, zur Kenntnis nehmendes, Vaterland vom hohen Norden bis hin zum tiefen Süden durchmaß. Die dabei gemachten Beobachtungen sollen im folgenden dargelegt werden.

Der erste Reiseabschnitt sollte mich in den Norden führen. Grund die Strapazen auf mich zu nehmen war, einiger Spießgesellen gleichen Nachnamens angesichtig zu werden, welche sich entschlossen hatten dort ihren Lebensmittelpunkt zu eröffnen. Als Transportmittel der Wahl war rasch die Deutsche Bahn auserkoren, da das Fehlen einer Erlaubnis Fahrzeuge zu pilotieren und der recht ärmlich strukturierte Netzausbau der Fernbusse eigentlich nur diese Möglichkeit übrig ließen. Glücklicherweise ist ein Bahnbillet heutzutage recht komfortabel über dieses Internet, von dem man immer hört, zu erstehen. Startbahnhof, Zielbahnhof, gewünschte Reisezeit und Anzahl sowie Alterskategorie der Reisenden ausgewählt, einen halbwegs akzeptablen Preis überwiesen, ausgedruckt, fertig. Fast so einfach wie Schwarzfahren. Und man muß sich nicht vier Stunden auf dem Klo verstecken. Nachdem dieser erste Schritt erledigt war, begann die Planung der Befüllung der Gepäckstücke. Allerhand Kleinigkeiten und Klimperkram waren zu bedenken. Akkumulatorenladegeräte für mitzuführendes Hochtechnologieequipment, Gastgeschenke, um die Eingeborenen milde zu stimmen, ein ausreichender Satz Textilien, um sich keine Blöße geben zu müssen, eine feine Auswahl an Toilettenartikeln, ein, zwei zeitraubende Kriminalromane und was halt sonst noch so an Bagage in die Ritzen und Nischen eines eigens erworbenen Gepäckstückes passt. Kleinteiliges, sowie eine Banane und eine Wasserflasche wanderten in den schon etwas heruntergekommenen Rucksack. Schon brach ein jungfräulicher Montag an und es hieß Aufbruch.

Der Norden

Mit der erwartbaren physischen Leichtigkeit eines Diätgestählten wuchtete ich meine Habseligkeiten gen Abfahrtsort der Lokomotive, bestieg einen der ihr willenlos folgenden Wagons und begab mich zur ersten Umstiegsstation. Ohne großes Federlesen wurde mir sofort vor Augen geführt, aus welchem Grunde ich es normalerweise nicht auf mich nehmen möchte die Annehmlichkeiten des ÖPNV zu nutzen. Eine bunte Schar anderer Nutzer hatte sich versammelt. Behinderte sich gegenseitig im Vorankommen. Musterte einander. Erzählte lauthals vom vergeigten Mariuhana-Urintest. „Obwohl ich echt nur passiv mitgeraucht habe“. Bei jeder neuen abgerissenen Gestalt Risikoanalyse. Ist der verrückt genug mich mittels eines Stielkamms und Bluttatandrohung zur Herausgabe meiner Barschaft zu nötigen? Man kann den Leuten nur vor den Kopf gucken. Und selbst das ist manchmal kaum erträglich. Zu meinem Glück setzte irgendwann Rationalität, die Erkenntnis, daß ich den anderen herzlich egal war, ein. Ich griff mir also eines der mitgeführten Bücher und las mit aller Kraft die darin enthaltenen Sätze. Einen nach dem anderen. Kurz nur war ein weiteres Umsteigen erforderlich. Hierbei lotste man mich auf einem Bahnhof mit gerade einmal vier Gleisverbindungen, welche mit 1, 2, 41 und 140 wohl von einem Betrunkenen getauft worden waren, zu letzterem. Als der Zug hielt entschloß ich mich, um der Effizienz willen, den ersten freien Platz zu besetzen. Das eben dieser ein recht unbequemer Klappsitz war, sollte erst über die knapp anderthalbstündige Reisezeit Wirkung zeitigen. Praktisch sofort machte jedoch ein anderer Makel auf sich aufmerksam.

Meine Sitzgelegenheit befand sich nämlich vis-a-vis des Bordabortes und als, höchstwahrscheinlich wissenschaftlich noch kaum untersuchte, bemerkenswerte Tatsache lässt sich festhalten, daß praktisch ununterbrochen irgendjemand irgendwas auf dem Zugklo zu erledigen hatte. Die könnten da eine Drehtür einbauen. Allein die schiere Anzahl genervt enttäuschter Mienen, welche der Erkenntnis folgten, daß der Lokus gerade belegt ist, hätten einen selbst depressiv machen können. Ich entschied das Schauspiel vom meinem Logenplatz aus zu besichtigen und nicht unter Vorspiegelung einer Verdauungsaktivität den Ursprung der Beliebtheit des rollenden Loches quasi „hands on“ zu ergründen. Ohnehin war das Ziel rascher als vermutet erreicht. Ich entstieg dem Gefährt und musste zu meinem Bedauern feststellen, daß das erwartete Empfangskomitee, Konfetti hätte ich als optional durchgehen lassen, durch Abwesenheit glänzte. Naja, wahrscheinlich hatte sich die nervöse Vorfreude auf mein Eintreffen in streßbedingtem Übergeben Bahn gebrochen und so eine Abholung verhindert. Vielleicht hatte ich aber auch nur zu lange auf das Bahnklo gestarrt und so meine Fähigkeit Einschätzungen abzugeben getrübt. Es half nichts, ich schleppte mein Gepäck zu der mir bekannten Adresse. Glücklicherweise war die Straßenführung unangetastet geblieben, so daß es mir leichter Hand beziehungsweise leichten Fußes möglich war den gewünschten Ort anzustreben. Überraschenderweise traf ich einige Meter vor dem Eintreffen doch noch auf das etwas ausgemergelte, da nur aus einer Person bestehende, Empfangskomitee, welches Verwunderung ob meiner angeblich zu frühen Ankunft vorgab. Es bekam eine kurze, spitze Antwort serviert und dann überschattete schon Wiedersehensfreude allen marginalen Mißmut. Man führte mich ins Quartier, wo der Teil der Anwesenden, welche mich noch nie oder nur in einem erinnerungslosen Alter gesehen hatten, spontan in Tränen und Flucht ausbrach. Ich mußte annehmen, daß die stundenlange Zugfahrt mich bis ins Groteske entstellt hatte, fand diese Vermutung jedoch vom Spiegelbild beinahe unbestätigt. Daher mutmaßte ich, daß ich aus der kindlichen Froschperspektive eine recht imposante Erscheinung darstellen mußte, ein Gedanke, dem ich trotz seiner augenscheinlichen Unwahrheit einiges abgewinnen konnte, und daher sich wohl Furcht der Kindsgemüter bemächtigte. Noch wußten die kleinen Sabberkönige nicht, daß ich mir selbst nachsagte mich bei Kindern und Tieren einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen, auch wenn sie sich schnell diesem magnetischen Sog ausgesetzt sahen. Obschon das Leben mit all seiner Frustration und Enttäuschung und stupiden Wiederholung recht prächtig an den Kapillargefäßen meiner Phantasie herumgefeilt hat, habe ich mir doch ein kindliches Gemüt bewahrt. Eine Kommunikationsebene, die von Logik unverstellt, die unvoreingenommene Sicht und Begeisterungsfähigkeit des Heranwachsenden zu emulieren weiß.

Kurzum, rasch hatte ich zwei, später drei, neue Freunde, wobei der artikulationsfähigste und mir schon durch Namensvetternschaft innigst verbundene, sich äußerst mühte einen Top Ten Platz auf der Liste „Menschen ohne Schulbildung, die ich echt knorke finde“ zu erreichen. Mithin war es ihm sogar möglich, mich dazu zu überreden an seinem überraschend prall gefüllten Terminkalender, allein „Essen“ und „Schlafen“ füllten weite Bereiche des Tages aus, teilzunehmen und ihn zum Kinderturnen zu begleiten. Hierbei zeigte sich, daß Kinderturnen, eine Veranstaltung für Menschen von null bis drei und ihre Erzeuger, genau mein Ding ist. Bis auf die Kinder. Und das Turnen. Denn eigentlich sollte die Aktivität in „Müttertreffen mit Kindern in ständiger Todesgefahr“ umbenannt werden. Während die Gebährerinnen die Zeit nutzen, um über dies und jenes und anderweitiges außerhalb der üblichen Windelwechslungszeiten zu parlieren, stürmen und strolchen die Nachzuchten nämlich durch eine Turnhalle, in der allerhand Todessehnsucht heischendes Equipment aufgebaut ist. Seile und Bälle und Stangen und Kästen und irgendwie zuwenig Matten. Alles klettert und springt und rennt sich beinahe um. Bis auf die Mütter. Diese sind wohl befähigt auf beeindruckende Weise nur aus dem Augenwinkel eine Gefahreneinschätzung vorzunehmen und erst kurz vor ultimo einzugreifen. So kaum es auch, obwohl ich Blut und Wasser schwitzte, kaum zu Verwundungen. Zusätzlich versuche ich immer noch dieses beunruhigende Gefühl einzuordnen, das entsteht, wenn ein wildfremdes Kleinkind auf dich zugerannt kommt, einen Meter vor dir stehen bleibt und dich mit riesigen Kinderaugen und einem halben Lächeln taxiert. Um kein Öl ins Feuer zu gießen und sozusagen aus Überlebensreflex habe ich stets zurückgelächelt, was die kleinen Neugierlinge zu befriedigen schien.

Die restlichen Tage waren mit den Bauarbeiten an einem hölzernen Gartenpavillon bei gleichzeitiger steter Sorge ein Kind könnte sich zersägen, erschrauberziehern oder mit Lasur verdünnen, prächtig ausgefüllt. Ein unifarbener Sonnenbrand war mir als Beweis meiner outdoor Aktivitäten beschieden. Die Zeit eilte ungefragt zügig dahin und verstand es vorzüglich sich zwischen Mahl- und Schlafenszeiten extra dünn zu machen. Dennoch war die Grundstimmung ein herzenwärmendes Lachen. Ein lehrreicher Exkurs in die Faszination, welche Traktoren, Bagger und Enten auf beinahe Zweijährige ausüben. Und der Gewinn einiger überraschender Erkenntnisse. Zum einen stellte ich fest, daß die einzig Lego-Steinen nachgesagte Fähigkeit sich auf amüsant schmerzhafte Weise in die barfüßige Schlaftrunkenheit des Erwachsenen zu zwängen, auch und ebenso unverhofft vom Playmobil Bauernhof- und Schienensortiment übernommen werden kann. Desweiteren ist es schon mal erfrischend, einen augenscheinlich Alkoholkranken zu beobachten, der sich anstatt drei Pullen Öttinger und eine große Goldkrone als Medizin zu erstehen, die Freiheit herausnimmt nobel zu Grunde zu gehen. Schließlich erfüllen ein Sixpack Becks und eine Magnumflasche Weißwein den Zweck auch. Und letztlich ist es sehr überraschend, wenn nach einigen Sonaten und Arien, unvermittelt der Filmkritiker vom „Klassik-Radio“ seine Gedanken zu „Iron Man 3“ äußerst. Noch überraschender war die Wertung von vier von fünf Sternen. Scheint also gelungen zu sein der Film. Zu hören bekam ich eben beschriebene Einschätzung, als ich mich bereits auf dem Rückweg nach Hause befand. Glücklicherweise bot sich die Möglichkeit an, in einem, ansonsten bis auf den letzten Quadratmillimeter mit Stoffen und Mobiliar und Elektrowerkzeug vollgestopften, Fahrzeug als Passagier mitzureisen. Diesmal kein Klo weit und breit, ein kurzer Halt auf einer Autobahnraststätte einmal ausgenommen, sondern nur der Asphalt, der sich durch die Landschaft frisst. Alles in allem eine recht ereignislose aber komfortable Art zu reisen. Ich begrüßte diesen Umstand auf das außerordentlichste, da, nach nur einer Übernachtung, schon meine Weiterfahrt in den Süden der Republik geplant war.

Und so hieß es nach meiner Ankunft rasch die Klamotten zu waschen, eine geringe Menge Lebensmittel zu bevorraten und ebenso kurz wie intensiv die Stille der selbst gewählten Einsamkeit auszukosten. Nun gut, ich entwarf noch rasch das Motiv einer Traktor fahrenden Ente, um es auf ein T-Shirt zu drucken, welches mein neu gewonnener Freund stolz seinen Kindergartenkumpanen präsentieren konnte, aber auch dies geschah in dem Bewußtsein, das meine ruhigen Stunden gezählt waren. Hätte ich geahnt, das die Zeiger der Inkubationsuhr schon tickten, hätten ich mich vielleicht sogar anders entschieden. Doch noch war die Krankheit obskur. Schon am nächsten Tage also wieder die Taschen gepackt und ein anderes, geräumiger bestautes Fahrzeug bestiegen. Beinahe sechs Stunden ging es Richtung Süden.

Der Süden

Da dort keine Namensvetter ihr Lager aufgeschlagen hatten, bezogen wir ein Hotel. Geschmeidig hatte es sich in die Landschaft und baulichen Gegebenheiten einer Kleinstadt eingefügt. Die Teppiche hübsch gesaugt, die Vorhänge akkurat und die Bediensteten freundlich und allesamt mit rollenden Rs kommunizierend. Obschon ich nicht selbst gebucht hatte, war daran gedacht worden mir ein Raucherzimmer vorzubestellen, was ich als glückliche Fügung erwies. Auch das Nachtlager und der Hygienestandard waren einwandfrei, so daß ich mich anschickte wohlgemut die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Doch schon der erste Schlaf brachte Ernüchterung. Da die aufkeimenden Hitzewallungen wohl nicht auf meine noch ausstehenden Wechseljahre zurück zu führen waren, mußte ich mich der Gewissheit stellen einem Fieber anheim gefallen zu sein. Und Reisefieber war es mit Sicherheit nicht. Vielmehr hatte eines der sabbernden und hustenden und ständig in der Nähe meiner Kopflöcher herumkrauchenden Kinder von der Küste mir wohl einen hübsch zeitbombig verpackten Virus mitgegeben. Zum Fieber gesellte sich nach dem Aufstehen noch ein mächtig an die Innenwand der Stirn drängender Kopfschmerz, welchen nicht einmal eine halbe Morgenzigarette zu kurieren wußte, so daß ich eher lieblos am liebevollen Frühstücksbüffet herumstocherte.

Aber auf meine Physis konnte keine Rücksicht genommen werden, und so arbeiteten wir zehn Stunden am Projekt, welches Reiseanlass gewesen war, nahmen eine Mahlzeit von einer Speisekarte bayrischer Spezialitäten ein und trennten uns, auf das mich Schlaf kurieren möge. So war am darauf folgenden Morgen auch der Kopfschmerz verschwunden, nun zwickten aber Hals und Stimmbänder. Ich betrat den ans Zimmer gelöteten, recht geräumigen Balkon und versuchte erfolglos morgendliche Bergluft als Medizin zu utensilisieren. Ein kratziges Husten verspottete meine Bemühungen. Meinem ungebremsten Suchtverhalten geschuldet, versuchte ich dennoch eine Zigarette zu rauchen, schließlich musste man die gegebenen Möglichkeiten ausnutzen, doch rasch gab ich den schmerzhaften Versuch wieder auf. Der Tag verlief wie der vorangegangene. Ein mürrisches Frühstück, Arbeit, Arbeit, Arbeit, ein schmackhaftes Mahl im Hotelrestaurant, frühe Nachtruhe. Schon am nächsten Morgen sollte es endlich wieder für längere Zeit nach Hause gehen. Uns stand nur noch eine längere Autofahrt ins Haus. Nach einigen Verzögerungen seitens der fahrzeugsteuernden Partei beglichen wir unsere Unterkunftsrechnung, betankten den Wagen und stieben gen Norden los. Die Passage verlief vorfallsfrei und ich wurde dankenswerterweise direkt vor meiner Haustür des Gefährts verwiesen. Zwar war es zu einigen Verzögerungen gekommen, weil, reiseüblich wieder einmal alle anderen auch da waren und irgendwohin wollten, aber nun war zum Glück keiner mehr da. Außer mir. Und ich hatte mir, nach zehntägiger Abwesenheit eine ganze Menge zu berichten.