Agathe

Agathe war ein mißmutiges Mädchen. Voller Ingrimm und Geringschätzigkeit. Schon beim Aufwachen war sie übellaunig. Wohl auch, weil man sie Agathe geheißen hatte. Kein anderes Kind, weder in der Schule, noch im Mikadoverein, hatte einen solch altmodischen Namen. Brian hießen die, und Chelsea oder Detmold. Namen mit dem Unterton von Freiheit und Möglichkeiten. “Agathe” dagegen klang als pinkle ein nierenkrankes Frettchen am Straßenrand auf eine rostige Fantadose. Fand Agathe. Unfassbar gewöhnlich und allerhöchstens mit dem Unterton von Verzweiflung und Selbstaufgabe. Kein Wunder also, daß sie genervt war.

weiterlesen »

Die Qual der Wahl

Ich schreibe jetzt einfach mal los. Sonst sitzen wir hier morgen noch. Seit einer halben Stunde grübele ich nämlich hin und her, was wohl Thema meines Traktats sein sollte. Obendrein ist auch die Form Bestandteil hirninterner Diskussionen. In Kombination tausende Möglichkeiten. Worüber also, auf welche Art, berichten?

weiterlesen »

lovequarrel

Bisweilen gerät man unvermittelt in ein Streitgespräch liebevoller Natur, in dessen Verlauf sich Rede und Gegenrede so elegant die Argumente zuspielen, daß man meint der verbalen Version eines südamerikanischen Tanzes beizuwohnen. Wenn die Dame ganz aufgeregt ihre Sätze ausbaldowert, die stets von einem ausführlichen, kurvigen, pektoralen Subtext begleitet werden, der schon an einem schlechten Tag ein halbes Dutzend Widerworte in die Erwerbslosigkeit entlassen könnte. Wenn man mit gedankenverlorenem Blick darauf Aufmerksamkeit zu simulieren sucht und damit seinen eigenen Behauptungen schmiedeeiserne Kugeln an die Knöchel kettet. Wenn sich ihr Puls dergestalt in die Schlussfolgerungen mengt, daß man ihn in Dezibel messen könnte. Wenn man Lautstärkelücken für eigene Beimengungen sucht und bald aufgibt ihnen Logik hinzu zu fügen. Wenn sie Zusammenhänge konstruiert und Verbindungen herstellt und Ereignisse verknüpft, welche eben noch ganz gemütlich und vor allem in Unkenntnis voneinander im warmen Nebel der Vergangenheit herumlungerten.

weiterlesen »

gute Zeit

Eigentlich kommt es mir immer so vor, als ob ich nicht genügend Zeit hätte. Oder die vorhandene nicht ausreichend ausquetsche. Beinahe ein schlechtes Gewissen ab und an, wenn Müßiggang und Träumerei wieder ein paar Stunden gefressen haben. Schließlich fragen die verkrusteten Porzellanwaren nicht, warum man sie noch nicht wusch. Oder die Textilien, warum man sie noch nicht auf Stoß gefaltet hat. Sie sind einfach sauer und fressen es in sich hinein. Ich merke das oft gar nicht, da ich doch mit fröhlichen Gedanken auf Du und Du durch die Welt tänzele und Ziffernblatt und Uhr einen guten Mann sein lasse.

weiterlesen »

Sauerstoffmangel

Schon als ich mich entschlossen hatte nur noch auf dem Balkon zu rauchen, begann mein Schreibritual darunter zu leiden. Kein lässiges Zurücklehnen und sinnloses Gepaffe mehr, während man über eine Wortgruppe nachgrübelte. Stattdessen alle paar Minuten hinaus rennen und dort die zweite Hälfte der Zigarette mit Macht wegsaugen, weil man eine Idee hatte und diese schnell notieren wollte. Nun, da ich mich entschlossen habe gar nicht mehr nikotinabhängig zu sein, wird die ganze Sache noch einen Zacken schärfer.

weiterlesen »

Kollege Schlafmütz

Während man noch als kleiner Drei-Cocker-Spaniel-Hoch durch die Welt vagabundiert, ist das Leben einfach und schön. Voller Entdeckungen und wundersamer Winkelzüge ist die Existenz. Beinahe jeden Tag lernt man eine neue Farbe kennen. „Ach, das ist also lila? Nicht schlecht, was sich rot und blau da ausgedacht haben. Respekt.“. Auch Freunde zu finden, könnte kaum leichter sein. Man gesellt sich einfach zu einer Gruppe spielender Kinder, und schon ist man auch ein Cowboy oder Indianer oder Ritter oder Weltraumpirat mit überzogenem Dispo und zwei Vaterschaftsklagen. Nur weil du da bist, denken erst einmal alle, daß du ein dufter Typ bist und wollen ihre Zeit mit dir verbringen. Mit der Zeit wird das anders. Zum einen, weil das Interesse am Weltraumpirat spielen mit dem Alter merklich abnimmt und zum Anderen, weil es gesellschaftlich eher kritisch gesehen wird, wenn ein stoppelbärtiger Mann Kinder auf dem Spielplatz fragt, ob sie nicht seine Freunde sein wollen.

weiterlesen »

Der Fokus

Kaltes Neonlicht hüllt das Klo in eine heimelige Bahnhofsatmosphäre. Ich starre auf die Reflektionen in den eierschalenfarbenen Fliesen und weiß nicht, ob es flackert oder ich langsam das Augenlicht verliere. Blinzelnd zucken die Gedanken im Takt mit und springen von einem Thema zum anderen. Den Augen gleich, kaum in der Lage Fokus zu erlangen. Erinnerung mischt sich mit Phantasie und ich muß schmunzeln. Wenn es nur so gewesen wäre.

weiterlesen »

Mittagspause

Ganz ruhig ist es hier. Ich sitze wieder auf meiner Bank und starre Löcher in die Luft. Wie dicke, bräunlich gelbe Regentropfen segeln hunderte Blätter zu Boden. Bedecken das rissige Pflaster mit einem Teppich aus Vergänglichkeit. Fröhlich pfeift der laue Wind um sie herum, lässt sie im Sinken tanzen. Knisterndes Flüstern, gedämpftes Rascheln rahmt die Stille. Ganz ruhig ist es hier.

weiterlesen »

Grosskotz

Ich könnte mich schon wieder über meine Überheblichkeit aufregen. Nun gut, vielmehr über meine Selbstüberschätzung. Trotz besseren Wissens. Weil die Stimme der Mahnung und Warnung keine Chance hat gegen das selbstbewußte Reinrufen der Arroganz. Und immer wieder auf ihre Beschwichtigungsversuche hereinfällt. Im Endeffekt: Selbst schuld. Nun habe ich den Salat.

weiterlesen »

Kinderlein

Allzu oft sieht man Gestalten Kinderwagen schieben, bei denen man sich fragt, wer bei der Produktion des Inhalts assistieren wollte. Verlebte Fleischberge mit fettigen Haaren, die kaum das 25. Lebensjahr erreicht haben. Ihre Kleidung ruft: „Arbeitsamt“ und sie selbst ihren Zöglingen: „Maikel-Jared bist du eigentlich doof? Guck´ wo du hinrennst. Ich zahl´ doch nicht den Auto von fremde Leute.“ zu. Die arme Brut. Direkt am Startblock die Schuhe mit den Stahlbetonsohlen ausgehändigt bekommen. Und nur, weil ihre Produktion so einfach war.

weiterlesen »