morgen ist heute schon gestern

morgen ist heute schon gestern

Komm! Wir laufen in die Zukunft. Hand in Hand. Oder zumindest erst einmal nebeneinander. Wären wir gestern losgelaufen, wären wir morgen schon da. Jetzt könnte es länger dauern. Aber so ist das halt mit uns.

Wir glauben alle Zeit der Welt zu haben, dabei rieseln die Körner der Sanduhr langsam auf uns herab. Bis zu den Knien stehen wir in Saharabrut. „Später“, sagen wir, „Später“. „Was soll schon passieren?“. Der Preisträgersatz des diesjährigen Darwin Awards. Alles soll passieren. Alles könnte passieren. Alles kann passieren. Also komm! Ich will für dich da sein. Ich will da sein wo du bist. Ich will dich in meinem Dasein haben. Komm!

Und wir laufen. Auf den Silberstreif zu. Dahinten am Horizont. Wer den da wohl hingemalt hat? Nicht daß das die greisen Scherzkekse von der versteckten Kamera waren. Denen sterben die Schenkelklopfer weg. Daher gibt es keine Rücksicht mehr auf Anstand und Moral. Niedertracht dank Quotenmacht. Ärsche. Erscheint mir aber vielleicht etwas pompös für die Bagage. Ach, was soll´s. Volles Risiko.

Manchmal muß man auch etwas überaus männliches machen. Der Gefahr ins Gesicht lachen. Ein Rhinozeros mit fester Stimme in die Schranken weisen. Einen Stepptanz in einem Minenfeld aufführen. Den Barkeeper der Hindenburg um einen B52 bitten. Oder einen Blick in deine Augen wagen. Volles Risiko.

Ganz aufwendig bist du okular gestaltet. Viel mehr Linien und Kreise und Leuchten als man erwartet. Ein wundervoller Blick, der mir den Mut aussagen könnte. Oder die Sprache. Oder den Verstand. Ein Blick wie eine Kriegsnacht. Obenrum wird es dunkel und das Leben strömt in den Keller. Ein Blick, dem man ein Possessivpronomen schenken will. Ein „meine“ würde dir gut stehen.

Aber ich zerdenke schon wieder alles vorab. Wir laufen noch auf die monochrome Zukunft zu, da habe ich sie schon ausgemalt. Mir ausgemalt. Mehrfach. Dabei weiß ich gar nicht, welche Stifte du dabei hast. Welche Farben. Wenn wir beide dort leben wollen, sollten wir auch gemeinsam streichen. Ist dann irgendwie auch stabiler. Als ob man Tücher von der Rolle Küchenpapier abreißt. Eigentlich würde eines ausreichen. Aber man ist unvernünftig und nimmt zwei. Zur Sicherheit. Obwohl nichts mehr sicher scheint. Kommst du?

Ich will die Zukunft mit dir entdecken. Sie vermessen und kartieren. Wenn das nicht zu vermessen klingt. Der letzte große weiße Fleck auf meiner inneren Uhr. Wie riecht es dort wohl? Vielleicht wie die Biolehrerin aus der Grundschule. Nach Möbelpolitur. Oder Fernet Branca. Wie in der Zukunft wohl das Wetter ist? Wechselhaft vermutlich. Mal so, mal so. Ob es in der Zukunft fliegende Katzen gibt? Oder eckige Bälle? Oder Gitarren mit siebzehn Saiten? Egal eigentlich. Hauptsache, es gibt dich in der Zukunft.

Nur mit dir finde ich sie. Mein Kompass ist geborsten, aber du bist mein Polarlicht. Ein seltenes Spektakel überragender Schönheit, dessen Anblick Demut und Glück in mir auslöst. Mein Weg zur Unendlichkeit. Meine Vervollkommnung. Mehr als ein Kreis. Gemeinsam sind wir eins. Ein Möbiusband. Ohne oben, oder unten. Ohne links, oder rechts. Ohne du oder ich. Führe uns also. Ich komme. Folge unersättlich deiner Gravitation. Strebe dir taumelnd, hirnlos nach. Immer in Gefahr zu verglühen.

Dennoch gewappnet. Liebeskummer ist wie eine emotionale Impfung. Gerade erst aufgefrischt. Schon hat das Herz erneut den Anker ausgeworfen. Land in Sicht. Lass uns anlanden. Komm! Lass uns Hand in Hand von Bord gehen. Oder zumindest erst einmal nebeneinander. Hauptsache wir laufen los. Schließlich haben wir nicht alle Zeit der Welt. Volles Risiko. Den Rest soll die Zukunft entscheiden.

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