Mein Zeigefinger

zeigefinger

Mein Zeigefinger will heute ein Rennfahrer sein. Setzt sich seinen kleinen weißen Helm mit dem ausgefransten schwarzen Blitz an der Seite auf. Zieht mit zittrigen Händen den Kinngurt fest. Atmet tief durch. Und macht sich auf. Auf den Weg deine Kurven zu umkurven. Kurven an Stellen, wo andere nicht einmal Stellen haben. Kurven, die sich ohne Schranken sanft an deinen schlanken Flanken endlos bald gen Boden ranken. Ganz schwindelig kann einem da werden.

Lieber langsamer fahren. Mit Bedacht. Mit offenen Augen und offenem Munde. In feiner Rundung deinen Hals empor. Kaum merklich schon die Wange passiert. Im Gegenlicht schimmert sie manchmal wie ein wohlriechender Babykopf von feinstem Flaum. Indes der Zeigefinger eilt vorbei. Will sich, kann sich, von der Schönheit nicht gefangen nehmen lassen. Vor ihm erhebt sich in spiralener Geschmeidigkeit das Ohr. Ganz unschuldig. Ganz leise. Vielfache sanfte Kreise. Wie das Notenblatt eines Schlummerliedes. Beeindruckt umkreist der Finger die Schnörkel. Trifft viel zu rasch auf ihr Ende. Gleitet jedoch sanft hinüber auf das Jochbein. Das schwungvolle Jochbein. Voller elegantem Enthusiasmus und dynamischer Noblesse. Wie mit einem rasanten Pinselstrich aus Erhabenheit in dein Gesicht gelegt. Geschwind gleiten Zeigefinger und Blick daran entlang.

Schon nähert sich voll Verzücken dein mild geschwungener Nasenrücken. Federleicht und voll Vertrauen stolz gekrönt von schmalen Brauen. Auf der Stirn kann es mitunter holprig werden. Runzelst sie oft wegen meiner Eskapaden. Schlaumeiersprüche und Sinnlosigkeiten. Elegant durchmisst mein Finger die beinahe unsichtbaren Gräben. Schmiegt sich an ihnen entlang. Holt noch einmal tief Luft. Und taucht ins Strähnenmeer ab. Fluten aus Gold und Sonnenlicht. Als hieße man mich Midas. Als hätten sich göttliche Tränen ergossen. In lockerem, lockigen Fluße. In leckerem erdbeernen Duft. Hundert behutsame Bögen. Tausendfach feinster Liebreiz. Eine Ewigkeit könnte man hier verbringen und lächelnd dann in ihr umkommen. So nah an deinen Gedanken. Der Zeigefinger glaubt beinahe sie fühlen zu können. Wie sie grübeln und funkeln und schmunzeln. Und immer zwei Schritte voraus sind. Immer etwas klüger als man selbst. Keinerlei Haderlump-Allüren. Keinerlei Hallodri-Facetten. Klar, voll Strahlkraft und gewitzt. Ganz unvernünftig könnte man werden bei soviel Vernunft.

Und übermütig. Halsbrecherisch hastet der Zeigefinger an deiner Schläfe, deinem Kinn, deinem Hals hinunter. Hebt an die Erhebungen darunter zu erkunden. Beinahe will man ihm schon niedere Motive unterstellen. Lümmel rufen. Oder Lustmolch. Wie er da im Affenzahn den Mount Pectoris erklimmt. Doch was den Finger treibt ist nicht in seinen Lenden zu finden. Obgleich ein ähnlich starker Sog ihn zu leiten scheint. Schnurstracks fließen seine Bewegungen. Erreichen ihr Ziel rasant. Innehalten. Einatmen. Herzschlag. Dein wunderschöner Herzschlag. Voller Kraft und Zärtlichkeit. Wundervollste Melodie. Jeder Takt, jeder Schlag, als werfe man einen Stein in einen ruhigen See. Konzentrische Kreise erhabenster, erhebender Pracht. Du atmest ruhig, dein Herz in feinem Gesang. Und doch meint man alle Gefühle zu spüren. Die Wellen, die sie durch den Körper schicken. Freude und Leid und Wut und Verzweifelung und Glück und Zufriedenheit.

Und Liebe. Wie unsagbar sich die Liebe hier anfühlt; direkt an deinem Herzen. Von überwältigender Schönheit, die den Atem raubt, den Verstand frisst. Man ist eins und gleichzeitig millionenfach zersprungen. Kaum lassen sich Worte finden. Man muß wortlos bleiben. Der Ohnmacht nahe. Glücklicherweise hat der Zeigefinger den kleinen weißen Helm aufgesetzt. Schutz und Anker im Angesichte unbegreifbarer Ergriffenheit. Langsam und beinahe widerwillig entzieht er sich der magnetischen Kraft. Kann nur ungläubig mit dem Kopf schütteln. Unglaublich, wie du all dies in dir vereinst. Unglaublich, daß du mich teilhaben lässt. Unglaublich. Unglaublich.

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