Mein kreatives System

Das kreative System

Immer später wird es hell. Man riecht den Herbst schon nahen. Nervös stromern die Eichhörnchen am Blattwerk entlang und legen Vorräte an. Der Wind pfeift ihnen kühl und gleichgültig durchs Gefieder. Auch mir weht er klar um die Nase, während ich in der Dämmerung stehe und still die erste Zigarette des Tages verbrenne. Ich liebe diese Stunden, wenn ich mit der Welt allein bin; würde sie sogar noch mehr lieben, wenn ich die Welt noch sehen könnte. Aber damit ist es wohl erst einmal vorbei.

Bevor ich auf den Balkon hinausgegangen bin, habe ich mir einen Pullover und eine Jacke übergestreift, der September spasst nicht mit Temperaturen. Schon gar nicht morgens um halb fünf. Das harte Los des Frühstaufstehers. In automatisierter Folge habe ich mir den Glimmstengel ins Gesicht geschoben und entzündet. Schuldbewußt kurz gezuckt, als das Klicken des Feuerzeuges die wohltuende Stille durchschnitt. Nun stehe ich wortlos da und lausche dem Knistern der Glut. Ihr feuriger Schein brennt fast ein wenig in den Augen, da ich gemeinhin darauf verzichte morgens ein Licht einzuschalten. Alles liegt an seinem Platz und geübte Handgriffe ermöglichen die Navigation im Halbdunkel. Passt irgendwie besser zur Geräuschlosigkeit. Ich drehe mich um und inspiziere das lichtlose Wohnzimmer durch die Balkontür. Fast scheint es, als würde es mich zurück ansehen, doch schnell wird klar, daß hier nun mein Spiegelbild mit zerzaustem Haar meinen Blick erwidert.

„Eigentlich ganz gut,“, denke ich, „daß mich außer den Eichkatzen niemand sehen kann. Mit meiner Bettfrisur und dem noch schlafenden Schlafzimmerblick. Einem Mungo nach ´nem Kobrakampf nicht wesentlich unähnlich.“. Mutig wandern die Augen die restliche Gestalt ab. Wie sie sich, zusammengesunken in ihrem textilen Panzer, vor der Morgenluft versteckt. Ganz blau bin ich. Also gewandet. Von Kopf bis Fuß. Blaue Schuhe, blaue Hose, blaue Jacke. Vermutlich sogar blaue Lippen. „Steht dir“, denkt es obenrum kurz. „Kein Wunder, daß das deine Lieblingsfarbe ist“. Lächelnd prüft der Blick erneut die Farbigkeit, die bei den vorherrschenden Lichtverhältnissen eigentlich kaum auszumachen ist. Unerwartet taucht auf einmal das mentale Bild einer 5 auf. Nach anfänglicher Verwirrung bin ich geneigt anzunehmen, daß sich die Lieblingszahl gedanklich einfach nur zur präferierten Farbe gesellen will. Ach, 5, mit deinen klar strukturierten Teilbarkeitsregeln, ich mag dich. Und gerade wollen die Gedanken ins Schwärmerische abdriften, als urplötzlich eine Erinnerung ins geistige Rampenlicht tritt. Blau ist fünf.

Wie vom Donner gerührt stehe ich der alten Idee gegenüber. Schnell reiht sie die dazugehörigen und ebenso alten Bilder in rascher Folge auf. Stimmt, da war ja noch was. Normalerweise versuche ich ungern zu erklären mit welchen Behelfskonstruktionen, Systemen und Eselsbrücken mein Verstand versucht sich einen Reim auf die Welt zu machen. Besonders seit in kindlichen Tagen, meine, wie ich heute weiß beinahe zutreffende, Vermutung zur Herkunft der Namen der Wochentage von einer Lehrkraft abschätzig verlacht wurde. Das mögen meine Ideen nicht, ausgelacht zu werden. Aber die alte Denkstruktur, die hier im Morgennebel wieder ins Licht des Bewußtseins trat, war so verblüffend, daß ich sie gern teilen will.

Ich mag etwa 4 oder 5 Jahre alt gewesen sein, als ich mein Farbmodell entwickelte. Damals hatten wir keine Playstations oder Angry Birds oder E-Bikes sondern bestenfalls Phantasie und bunte Stifte. Man stellte sich also wundersame Abenteuer vor und zeichnete sie dann, so gut es die mangelnde Fingerfertigkeit erlaubte, auf ein Blatt Papier. Anfangs war es egal, ob die Sonne grün, das Gras schwarz und der Hund lila war. Doch raschte zeigte sich, daß Aussenstehende dem Inhalt der Abbildung leichter folgen konnten, wenn man versuchte den Dingen ihre natürliche Farbgebung zu verpassen. Allmählich erkennt man Beziehungen zwischen den Farben, entwickelt eine Annahme, welche gut zueinander passen oder optisch einen schlanken Fuß machen. Irgendwann wurde mir dann klar, daß es ein System geben mußte. Eine Ordnung in der jede Farbe ihren Platz hatte und in der dieser Platz etwas über die Beziehung zu den anderen Tönen aussagte. Kein Mensch wußte etwas von RGB oder CMYK oder Pantone oder RAL. Und wenn doch, hätte zumindest keiner gewußt, daß ich diesbezüglich Informationen benötigte, weil das System einzig in meinem Kopf entstand.

Leider sind die Erinnerungen etwas bruchstückhaft, aber soweit ich noch weiß, war die Ordnung an der Helligkeit der Farben ausgerichtet. Jeder Farbe war eine Zahl zugeordnet. Die 1 stand für weiß. Am anderen Ende des Spektrums war die 10, die schwarz symbolisierte. Dazwischen tummelte sich der Rest. Die 2 war gelb, die 3 rot, die 4 grün und die 5 blau. An 6, 7 und 9 kann ich mich nicht mehr entsinnen, daß die 8 für braun stand weiß ich indes noch. Es war ein gutes Gefühl der grenzenlosen Welt der Kreativität auf diese Weise eine Substanz, eine Grundlage eingewoben zu haben. „Hier ist ein Klumpen Phantasie, hier sind deine nummerierten Werkzeuge, ein jedes einzigartig in seiner Gestalt, los geht´s!“. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob die Systematik mein Schaffen wirklich beeinflußt hat. Ob gerade Zahlen und die korrespondierten Farben besser zusammenpassten und man sie deswegen so verwendete, oder ob benachbarte Zahlen hübscher zusammen aussahen, ist mir heute nicht mehr klar. Und eigentlich sind auch nur die 5 und blau geblieben. Meine Lieblinge.

In der Farbpsychologie sagt man wohl, daß blau die Farbe der Geistesarbeit ist und für Genauigkeit und Pünktlichkeit steht. Aber auch für Ferne, Perspektive, Raum und Phantasie. Für eine entspannende Stille, den zurückgezogenen und selbstgenügsamen Moment der Erholung. Und damit beschreibt man mich dann auch recht gut. Fand ich jedenfalls, als ich im morgendlich kühlen Wind stand, dem Knistern der Zigarette lauschte und mein bläuliches Schimmern im Lichte des aufziehenden Tages betrachtete. Auf den Lippen ein Schmunzeln der Dankbarkeit für die naive Unschuld meiner uralten Ideen. Ich mag es immer noch, mein kreatives System, auch wenn es längst durch ausgefeiltere Ordnungen, die größeren Geistern entsprungen sind, ersetzt wurde. Aber die Erinnerung an den Stolz den ich empfand, als dem Chaos der Eindrücke ein zerbrechliches, löcheriges Regelwerk übergestülpt war, ist auch heute noch wohlig warm.

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