Kreativität im Krankheitsfall

krank und kreativ

Die vergangenen Tage haben in mir die Erkenntnis reifen lassen, daß mein Hirn ein hochgradiger Hypochonder und unter normalen Umständen ein rechtes Faultier sein muß. Kaum steigt die Kerntemperatur, fieberbedingt, um zwei, drei Grad an, nimmt es schon an, daß der dunkle Schnitter lauert und evakuiert noch einmal schnell alles, was sich an farbenfroher Kreativität aufgestaut hat. In Reimform obendrein. Oder sollte ich nur Zeuge von dem geworden sein, was in der Literatur gemeinhin als Fieberwahn bezeichnet wird? Es bleibt nebulös.

Eine zu kurze und nebenbei oberflächliche Recherche auf Wikipedia könnte Aufschluß bringen. Tatsächlich kann Fieber ein Delirium bedingen, welches neben den üblichen Bewußtseinsstörungen und Halluzinationen auch noch einen verschobenen Schlaf-Wach-Rhythmus zur Folge haben könnte. Delirire ich also seit Jahr und Tag freudig vor mich hin? Durch allmähliche Gewöhnung bemerke ich nur keinen Unterschied mehr? Indizien gebe es. Zum Beispiel als ich letzte Woche einmal in die Arbeit vertieft beinahe vergessen hätte zu Mittag zu essen und sich mein Verstand nicht entblödete diese Erkenntnis wie folgt zu kommentieren: „Pflichtversessen, schlicht vergessen, auch mal Mittagsbrot zu essen, zuckerlos das Blut stattdessen, Gefühl wie Wehen, wenn sie pressen. So reimt sich im Delirium, um Kopf und Kragen man herum.“.

Potzblitz. Subtext direkt im Text. Wenn deine Rübe schon ohne genauere Analyse selbst anmerkt, daß es sich wohl um fieberinduzierten Wahn handeln muß, scheint etwas dran zu sein. Und da denkt man immer, man sei einfach mit einer kindlichen Phantasie bar der üblichen Einschränkungen gesegnet, als sich plötzlich herausstellt, daß da etwas schon auf organischer Ebene ordentlich schief läuft. Sich wohl in der Tat zwei Drähte unter der Mütze berühren, die besser gar nicht erst abisoliert worden wären. Vermutlich hat spätestens die gesteigerte Körpertemperatur die Isolierung geschmolzen oder gerinnen lassen und nun ist obenrum kurz Funkenflug, dann knallt die Sicherung raus und es wird zappenduster. Laternenumzug im gesunden Menschenverstand. Da springen aber ganz fix die Notfallprotokolle an und das Großhirn verhängt den Ausnahmezustand. Mit Ausgangssperre. Zur eigenen Sicherheit. Panik im präfrontalen Cortex.

„Huch“, denkt das Hirn, „die reißen mir hier ja die Hütte unterm Arsch weg. Da werde ich mal flugs meine Wertsachen in Sicherheit bringen“. So kontrolliert also in Folge ein wuseliger Neuronenschwarm die Inventurliste und stellt genervt fest, daß hier eigentlich größtenteils Sperrmüll gelagert wird. Zu welchem Zwecke soll auch bitte schön das Wissen gut sein, daß der Penis des Blauwals bis zu zwei Metern lang wird? Alltagstauglichgkeit 5-. Auch das Terence Hill eigentlich Mario Girotti heißt, stand vor 25 Jahren mal auf einer Micky Maus Sammelkarte und hat sich aus unerfindlichen Gründen im Erinnerungsvermögen festgesaugt. Sinnloses Halbwissen, da ich ohnehin immer wieder vergesse wie denn der Geburtsurkundenname von Bud Spencer war. Genauso selten kommt der Fakt zur Anwendung, daß die Hauptstadt von Zentralafrika Bangui ist. Damals sollte man das jedoch lernen. Vermutlich um sich keine Blöße zu geben, wenn man mal geschäftlich im zentralen Afrika zu tun hat. Beispielsweise eine Schneiderei für schmuckhafte Elefantenwesten eröffnet. Also für, nicht aus, Elefanten. Wäre ja noch schöner.

Schön ist indes nicht, daß solch moderndes Mobiliar die Hirnwindungen verstopft und kaum die nützlichen Mentalnotizen heraus zu filtern sind. Da steigt der Blutdruck in der Murmel nochmal merklich an. Und weil sich der Geist keinen Reim auf diese Unnötigkeiten machen kann, reimt er halt das halbwegs brauchbare Material zusammen. Ohne größere Prüfung. Maus, Haus, raus. Astrein. Wie ein Ertrinkender, der nach jedem Strohhalm greift. Um wenigstens mit einer ordentlichen Portion Cuba Libre in der Blutbahn in die düsteren, kalten Tiefen des Pazifiks hinab zu sinken. Da wird der ausgezehrte Raubfisch aber schön blöd gucken, wenn er sich freudestrahlend und angenehm überrascht das Fleisch-Mon Chéri reinzieht. Selbst schuld.

Natürlich könnte man anmerken, daß dem Hirn doch eigentlich klar sein muß, allein schon aus Erfahrung heraus, das es sich hier nur um eine temporäre Störung der biologischen Abläufe handelt, die rasch ausgeschwitzt ist. Aber der Bregen ist ja auch nicht blöd. Beziehungsweise nicht vollständig blöd. Ab und an linst er nämlich schon mal auf die Uhr und stellt fest, daß der Motor hier schon eine ganze Weile vor sich hintuckert. Ein Kolbenfresser also immer wahrscheinlicher wird. Fortgeschrittenes Alter, das auch vom Fortschritt nicht aufgehalten werden kann. Schleichende Vergreisung, bei der mithin schon der Anblick eines Bazillus spontane Inkontinenz, Vogelgrippe oder Skorbut auslösen kann. Wenn man Glück hat. Daher macht es durchaus Sinn die sinnvollen Gedanken mal eben auf ein dauerhafteres Medium zu exportieren, wenn der Eindruck entsteht die Notfallabschaltung stünde kurz bevor. Selbst wenn dieser Eindruck nur auf den ungebildeten Annahmen eines Hypochonders basiert, der sich sonsthin allenfalls auf der faulen Haut liegend mit Banalitäten beschäftigt. Dementia quo vadis.

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