Ihr Kinderlein kommet

Kinderlein

Allzu oft sieht man Gestalten Kinderwagen schieben, bei denen man sich fragt, wer bei der Produktion des Inhalts assistieren wollte. Verlebte Fleischberge mit fettigen Haaren, die kaum das 25. Lebensjahr erreicht haben. Ihre Kleidung ruft: „Arbeitsamt“ und sie selbst ihren Zöglingen: „Maikel-Jared bist du eigentlich doof? Guck´ wo du hinrennst. Ich zahl´ doch nicht den Auto von fremde Leute.“ zu. Die arme Brut. Direkt am Startblock die Schuhe mit den Stahlbetonsohlen ausgehändigt bekommen. Und nur, weil ihre Produktion so einfach war.

Schon kurz nach der anfänglichen Verwunderung wird einem nämlich klar, daß die makelhafte, äußere Anmutung der Mutter kein Koitushemmnis ist, wenn die Hormone erstmal wallen. Gegebenfalls macht sogar Alkohol die Sicht erträglicher. Von da ab braucht es eigentlich nur noch Sekunden und schon können wir uns auf die kleine Shaquira-Melanie freuen. Das hat die Natur, weltgewandter Tausendsassa, extra einfach eingerichtet. Auch von den mechanisch benötigten Fähigkeiten her. Einfach damit mehr Nachkommen gezeugt werden. Erhöhter Produktionsausstoß erhöht schließlich die Chance, daß eine evolutionär brauchbare Mutation dabei ist. Pfiffig, pfiffig.

Auch in seiner Gesamtheit ist der Prozess der Nachkommenserzeugung recht anwenderfreundlich gestaltet. Nach dem initialen Akt der Geschlechtsteilverschränkung werden nur wenige Wochen vergehen, bis die freudige Botschaft durch gepflegtes Übergeben der Legehenne überbracht wird. Üblicherweise diagnostiziert dann medizinisches Fachpersonal noch einmal nach und sagt: „Herzlichen Glückwunsch Frau Soundso, sie sind schwanger!“. Eben noch Dorfdiskoschlampe, die für zwei Cuba Libre mit Hinz und Kunz den Genitaltango tanzt, nun in Bälde verantwortlich für einen weiteren hilflosen Menschen. So kann es gehen. Und die Umstände ändern sich, wenn man in anderen Umständen ist. Geschickt wird der Countdown bis zum Tage der Niederkunft durch Erhöhung des Bauchumfangs visuell aufbereitet. Das verstehen sogar die ganz Doofen. Irgendwann zwickt es und zwackt es rhythmisch, zwei, drei Leute rufen „Pressen“ und „Atmen“ und schon kreischt ein neuer Erdenbürger durch den Kreißsaal. So weit, so simpel.

Die eigentliche Herausforderung beginnt erst jetzt. Obwohl man neun Monate Zeit hatte sich darauf vorzubereiten. Das Rauchen aufzugeben, die Steckdosen zu verkleiden, Minimumbekleidung in rosa oder blau geschenkt zu bekommen und grundsätzlich zu begreifen, daß die Tage von zügellosen Ausschweifungen im Stile griechischer Orgien vorerst vorbei sind.

Zugegebenermaßen hatte ich diese Vorbereitungszeit bisher unterschätzt. Dieses langsame Hineinwachsen in die Verantwortung. Dieses Erwachen eines Bewußtseins der Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Kann man ja auch gar nicht wissen. So als Beobachter aus der Ferne. Klar, daß nichts mehr klar ist, wird dir erst, wenn sie dir ohne Vorwarnung und mehrmonatige Vorbereitungszeit direkt zwei Neuankömmlinge im Leben zur Beherbergung unterstellen. Zwo und drei Jahre alt. Grundsätzlich aus dem Gröbsten raus und in engen Grenzen auch zur Artikulation ihrer Bedürfnisse fähig. Außerdem mit der Fähigkeit ausgestattet dir, scheinbar stets in selbstmörderischer Absicht, die Lücken in deinem Sicherheitskonzept aufzuzeigen. Was man sich nicht alles in den Mund stecken kann. Was man nicht alles mit fettigen Fingern betasten möchte. Wie man ständig unkoordiniert und der Anmutung nach betrunken die Wände als Stütze gebraucht. Wie alles laut ist. Sprechen, Schnarchen, Heulen, in die Windeln scheißen. Wie man für letzteres ganz neue Konzepte in der Toleranz den Ausscheidungen anderer gegenüber aufbauen muß. Wie das Spreizen der Beine durch den Windelpopo einen watschelnden Gang produziert und jeden Schritt schön auf dem Bodenbelag klatschen lässt. Rhythmisch ansteigend, wenn gerannt wird. Und gerannt wird eigentlich immer. Weil die Schrittlänge so kurz ist und die Kurzen immer irgendwie aufgeregt sind. Ist ja auch ständig irgendetwas neu. Was man noch nicht gesehen oder gehört hat. Und hier wiederum liegt der besondere Reiz.

Wenn einer in seinem Leben erst drei Witze gehört hat, kannst du ihn auch mit den Steinzeitkrachern von Fips Asmussen beeindrucken. Einmal kurz die Mimik verzogen, als ob eben ein Biss in eine ranzige Zitrone erfolgt wäre, voilá, Beifallsstürme und schallendes Gelächter. Einmal höchst kreativ aus „Hustensaft“ „Hustenschnaps“ gemacht, schon hast du einen running gag. Und wie sie mit selbstgekelterten Worten erzählen, die sich eng an die mangelnde Artikulationsfähigkeit anschmiegen. Geschichten mit Zeitsprüngen und Zusammenhanglosigkeiten und voller Ablenkungen. Da lernst du noch etwas. Im Gegenzug kannst du Teilhabe an deinem umfangreichen Kinderliedrepertoire anbieten. Melodiös fragwürdig, aber textsicher bis in die dritte Strophe. Wenn sie dann beim zwölften Refrain einsteigen und schief mitsingen, kommst du um ein Schmunzeln nicht herum. Ohnehin ist der Krach und die Unordnung und die Aufhebung deiner planvollen Strukturen zu Gunste der ihren rasch vergessen, wenn dich ein Minigesicht, das zu mindestens einem Drittel nur aus Augen besteht, fröhlich und aus tiefstem Herzen anlächelt. Du weißt, daß die Natur hier frech das Kindchenschema ausspielt, um dich zur Brutpflege zu animieren, kannst dich dem Sog aber nicht entziehen. Die Natur ist halt pfiffig und macht es dir leicht das Schwere zu erdulden.

Vielleicht hat sie auch ein wenig ein schlechtes Gewissen. Weil sie es ja auch unendlich leicht macht sich so eine lebenslange Verpflichtung anzulachen. Kleine Schieflage in der hormonellen Hirnchemie, schon wird gepimpert bis der Papa kommt. Und dann die Hebamme. Wenig überraschend ist es im Zuge dieser Betrachtungen dann auch, wenn Gestalten Kinderwagen pilotieren, denen man üblicherweise nicht mal die Aufsicht über die eigene Kalksteinsammlung anvertrauen würde. Aus Angst sie könnten sie fressen. Aber der Wurm kennt kein Abitur. Und blind scheint er bisweilen auch zu sein.

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