Halma im Hirn

Halma im Hirn

Erneut deutet sich ein giraffenschwarzer Tag an. Punktuell Scheiße. Dann aber vom Scheitel bis zur Sohle. Melancholisch plätschern die Gedanken dahin. Harmlose Rinnsale noch, die sich jedoch hastdunichtgesehen zur Breite des Brahmaputra zu vereinen wissen. Die Stimmung gleicht dem Unterdeck eines Sklavenschiffes des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Schwankend. Und schon nach kurzer Zeit beschissen.

Die Gedanken flach und substanzlos. Ödnis soweit das innere Auge zu reichen vermag. Derweil hat die Welt Probleme im Fokus zu verbleiben. Tanzt und schwimmt und flirrt vor den äußeren Augen entlang. Einem ungelenken Bauchtanz gleich. Oder dem vielgerühmten Männerballet der Faschingstage. Die Wirklichkeit ist übergewichtig, an all den falschen Stellen behaart, hat das Rhythmusgefühl eines angeschossenen Notstromaggregates und trägt hautenge, rosa Ganzkörperleggings. Inklusive Tutu. Und darin soll man nun leben. Oder was man so leben nennt.

Der Lebenshauch ist alldieweil nämlich schon zu einem schwachen Glimmen verkommen. Gerade genug, um den innersten Kern in Rotation zu halten. Die Hülle ist ohnehin längst erstarrt. Zerbrechlich und spröde wie grauer Schiefer. Jede Bewegung könnte in einem klirrenden Scherbenhaufen enden. Wenn auch im Oberstübchen kräftig ausgemistet wurde. Kaum noch Tassen da. Alles hübsch mit Watte vollgestopft, durch die die Hirngespinste nun diffundieren. Dumpf und entfernt. Ausgebleicht. Fast meint man den vollmundigen Geschmack und sanften Abgang eines professionell zubereiteten Cannabisrausches auf den Synapsen zu schmecken. Erinnerung an schlechtere Tage.

Die Miene ist verschüttet. In der Umgebung löst dies einigen Unmut aus. Spiegelsuggestion vermutlich. „Lach doch mal, sing doch mal, quatsche doch mal wieder ausführlich Zusammenhangloses“ sagt man mir. Wie beim Untergang der Titanic muß man sich bald vorkommen. Also, als ob man der Eisberg wäre. Gleitest gelangweilt durch´s Meer, kümmerst dich um deinen eigenen Scheiß – Zack! – 1514 Todesopfer an den eisigen Händen kleben. Da vergeht dir das Lachen und dein Zwerchfell ist wie Europa. Nicht der Kontinent. Der Jupitermond. An molligen Tagen -150 Grad Celsius. Ansonsten eher kühl. Kurzum: Hier bewegt sich gar nichts. Kein Zwerchfell, kein Stimmband. Wenn die Stimmung auf den Nullpunkt steigen würde, wäre das ein Fortschritt. Oder wie es der Volksmund ausdrückt: „Wenn es hier nur noch ein wenig turbulenter wird, bricht wohl eine Beerdigung aus.“.

Grabesruhe auch nächtens. Wenn ich wieder sinnlos ins blaue Grau starre und versuche an etwas anderes zu denken. Fast nie fällt mir etwas ein. Berittene Boten, fliegende Fische, ein Belle-Bad für Hunde. Hamster, die anlässlich der ersten Nagetierexpedition in einer Taucherglocke das Witjastief 2 erkunden. Alles Schwachsinn und rasant in Auflösung begriffen.

Gramgebeugt hält dann wieder der Paroxysmus der Grübelei Einzug. Alle Gedanken nur wie Schach. Ein Dialog, bei dem man versucht die Antworten des Gegenübers vorauszuahnen. Einen Schritt, zwei Schritte, drei Schritte. Wobei hier keine klaren Regeln gelten und die Vorhersagen immer unwahrscheinlicher werden. Aufgefüllt mit Vermutungen. Am Ende starr wie der König, während die Königin einen leichtfüßig umtanzt. Glanzloser Emaille gleich erstarren diese Gedanken grau auf dem Gesicht. Nicht, dass das Tageslicht sie noch abwüsche.

Und so blickt einen dann aus dem Spiegel ein eher nicht HD-fähiges Gesicht an, dem man gern mal ein, zwei aufmunternde Backpfeifen anheimstellen möchte. Verzagen im Schlafrock. Was soll man sagen? Zu sich selbst. Kopf hoch. Weitermachen. Wird schon. Ein Lügengebäude so dünn wie welkende Blätter. Ich glaube mir trotzdem. Weil ich will. Weil ich muß. Weil die Lüge so zur Wirklichkeit wird. Und weil die Beziehung zu meinem Hirn, anders als die Interaktion mit Menschen, klar definiert ist. Das Denken meiner Gedanken ist wie Halma mit einem zweifach Handamputierten: Keine Spielchen.

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