Flaschen-Günther und der Hosenmann

Flaschen-Günther und der Hosenmann

So ein Leben braucht Struktur. Eckpfeiler, an denen man die Luftschlangen und Lampions der Irrationalität aufhängen kann. Routinen und wiederkehrende Ereignisse, welche einrahmend den zügellosen Geist umfangen. Immer mittwochs und freitags ist Wochenmarkt. Da brauch man keinen Kalender, nur dort vorbeischlendern. Und dank Flaschen-Günther und dem Hosenmann, brauche ich noch nicht mal eine Uhr.

Ich sehe Unpünktlichkeit als unhöfliche Charakterschwäche an und möchte mich mit ihr nicht gemein machen. Viel Sorgsamkeit verwende ich darauf zugesagte Termine einzuhalten und bin meistens sogar etwas zu früh dran. Bisweilen werden dann schon mal Ähnlichkeiten zu einer Zwangsstörung sichtbar, wenn immer wieder die Zeit kontrolliert und im Kopf die noch zu verrichtenden Abläufe durchgespielt werden. Glücklicherweise konnte ich mir selbst etwas Linderung verschaffen, in dem ich mich verweigere die horrenden Preise zu zahlen, welche für Armbanduhren aufgerufen werden. Zumindest wenn man nicht bereit ist eine rosafarbene „Minnie Maus“-Uhr in Betracht zu ziehen. Nachdem mein Chronograph also vor einigen Monaten die Grätsche gemacht hat, und ich mich nicht im Stande sah einen Ersatz zu beschaffen, bin ich auf die Zeitangaben meines Mobiltelefons beschränkt. Letztgenanntes pflege ich jedoch in meinem Rucksack zu verstauen, was eine kurzfristige Zeitnahme erschwert. Daher ist der Weg zur Arbeitsstelle auch stets ein Weg im temporären Grau. Kaum abzuschätzen wieviel Zeit vergangen ist, seit ich zielstrebig losstapfte. Zwar scheint meine Schrittgeschwindigkeit immer ähnlich zu sein, aber wer weiß das schon so genau. Spätestens nach zweihundert Metern muß ich also annehmen, daß von drei Minuten bis drei Monaten alles abgelaufen sein kann. Wären da nicht periodische Eckpfeiler wie Flaschen-Günther und der Hosenmann.

Eigentlich sieht man nämlich jeden Morgen die gleichen Gestalten. Und da man annehmen kann, daß wenigstens einer von ihnen auch Wert auf Pünktlichkeit legt, kann man gewißermaßen seine Uhr nach ihnen stellen. Als erstes sehe ich immer den Hosenmann und seine Frau. Jeden Morgen um sieben Uhr gehen sie einkaufen. Wohl um den tagesfrischen Fang aus dem Nordpazifik abzugreifen. Sogar samstags. Der Hosenmann trägt ein recht auffälliges Beinkleid aus billigem Stoff und mit schlechtem Schnitt, das seinen humpelnden Gang, er hat auch immer einen Gehstock dabei, durch einen lieblosen Faltenwurf unterstreicht. Außerdem hat er nicht nur einen passabel gestutzten Walroßschnäuzer, sondern auch das dazu passende Gesicht. „Ahh, der Hosenmann“ grinst es mir also allmorgendlich durch die Rübe, wenn ich ihn und seine Angetraute an fast derselben Stelle zum Einzelhändler des Vertrauens abbiegen sehe. Kurz darauf streift Flaschen-Günther meinen Weg. Dieser mopsfidele Gesell mittleren Pflegezustands zeichnet sich zwar auch durch einen gewißen Obdachlosen-Chic aus, seine hervorstechendste Eigenschaft sind aber ein Trolley oder mehrere große Beutel. Mühsam deponiert er diese stets auf dem Gehweg, wenn er in einen neuen Abfalleimer linst, um unentwertetes Pfandgut zu erspähen. Astreine Arbeitsauffassung hat der Mann. Pünktlich wie ein Uhrwerk und schon kurz nach sieben mit Massen von Beute bepackt. Ratternd weiß mein Hirn stets neue Background-Geschichten zu ergrübeln, welche die kurzen Momente unserer Passage umrahmen. Etwa ob der Flaschen-Günther nicht vielleicht in Wirklichkeit Ladislaus heißt. Wo er vor zwei Stunden war. Wie er dazu kam diese Arbeit aufzunehmen, um sich sein täglich Brot, oder eher Korn, zu verdienen. Vielleicht war er früher ja Testfahrer bei Moskwitsch, der nach der Wende umschulte und auf Rummelplätzen freiberuflich die Auto-Scooter tunte, bis ihm eine EU-Verordnung das verbot, woraufhin er sich gezwungen sah im dritten Bildungsweg den Abschluß als „Jäger und Sammler“ zu machen. Im Fach „Jäger“ leider immer etwas abgelenkt von den stoppelig rasierten Beinen seiner Banknachbarin, erhielt er nur ein „mangelhaft“ und spezialisierte sich deswegen auf den Sammelaspekt. Wer weiß.

Um sicher zu gehen, daß ich nach diesen ausufernden Denkprozessen noch im Zeitplan bin, hilft es als nächstes auf YouTube-Jens zu treffen. Während er, dem Günther nicht unähnlich, auch immer ein rollendes Gepäckstück hinter sich herzieht, könnten ihre weiteren Lebensentwürfe wohl nicht unterschiedlicher sein. YouTube-Jens ist nämlich zum einen erst etwa fünfzehn Jahre alt, zum anderen dem Vernehmen nach noch nicht auf einen selbstständigen Broterwerb angewiesen und trägt schließlich immer sein Mobiltelefon vor sich her. Schön im Querformat zwanzig Zentimeter vor der Brust gehalten, den Kopfhörer im Ohr. Ganz gebannt schaut er da jeden Morgen auf den kleinen Bildschirm und verkörpert die moderne Version des Hans Guck in die Luft. Jens Stiert auf den Schirm. Welchergestalt sich die Medieninhalte, die da konsumiert werden darstellen ist mir nicht bekannt. Aber die Statistik lässt vermuten, daß er sich lustige Katzenvideos reinzieht. Auch wenn er kaum eine Miene verzeiht. Aber vielleicht hat YouTube-Jens einfach nur keinen Humor. Oder ich treffe immer auf ihn kurz bevor das Videokätzchen von der Anrichte plumpst. Nichts genaues weiß man nicht.

Kurze Zeit später passiere ich den Bahnhof, wo ich merkwürdigerweise beinahe nie darauf komme die Zeit vermittels der großzügig angebrachten Uhren zu kontrollieren. Vielmehr ziehe ich meine Rückschlüsse auf den aktuellen Tageszeitpunkt auf die Position der Busse und der Wartenden. Ach ja, die Wartenden. Als letzter Indikator meiner vollzogenen Pünktlichkeit lauert da nämlich dieses Gruselpärchen. Ich bitte zu entschuldigen, daß ich mir für die beiden noch keinen gewitzten Spitznamen ausdenken konnte, aber ihr Verhalten verwirrt mich derart, daß die Energie, die benötigt wird, um ihre Motive zu ergründen, im Namensausdenkarreal des Großhirns fehlt. Eigentlich machen sie nichts. Dies aber auf die merkwürdigste aller Arten. Jeden Morgen steht ihr Fahrzeug, quer zu den Parkplätzen und einige davon versperrend, auf der Straße. Er sitzt am Steuer, sie daneben. Beide starren mit leeren Blick ins Nichts. Keiner spricht und wenn das Radio laufen sollte, haben sie es sehr leise eingestellt. Sie scheinen einfach zu warten. Nun nahm ich ursprünglich an, sie würden einfach jemanden abholen, da einige Minuten später stets der Zug eintrifft. Aber weit gefehlt. Denn als ich mich tatsächlich einmal verspätet hatte, sah ich wie sie ausstieg und wohl zum Bahnsteig ging und er wegfuhr. Daraus muß ich folgendes schließen: Die Frau fährt jeden Morgen mit dem Zug irgendwo hin. Vielleicht zum Flaschensammeln. Sie möchte aber nicht mit Pöbel und Gesocks am Gleisbett warten und bleibt daher bis kurz vor ultimo im Fahrzeug sitzen. Ihr Mann, welcher der Pilot letztgenannten ist, kann mit dem Konzept der Uhrzeit wenig anfangen, und ist daher immer schon zehn Minuten zu früh am Bahnhof. Aus Liebe oder Angst oder Gleichgültigkeit sitzt er dann also bis zur Ankunft des Zuges schweigend neben seiner Else und fragt sich, ob das das Leben ist, welches er sich als aufstrebender Springinsfeld erträumt hatte. Vielleicht sollte ich mal mit mutigen Knöcheln an die Scheibe fingern, diese „kurbeln sie mal das Fenster runter“-Geste machen und in offiziellem Tonfall fragen: „Sagen Sie mal, was machen Sie eigentlich hier? Spähen Sie strukturelle Schwächen der Hochspannungsmasten aus? Sind Sie Terroristen?“. Bisher bin ich jedoch immer weiter gegangen. Die Zeit drängt.

Normalerweise quietschen nun nämlich die Bremsen des Zuges und eine Idiotenstampede setzt ein. Auf einmal sprinten aus allen Ecken und Enden Leute los, die Fahrpläne wohl eher als unverkrampfte Kann-Bestimmung begreifen. Das tue ich nicht, und weiß daher, daß mein Zeitplan 1A aufgeht. Und das sogar ohne Uhr am Handgelenk, da der Hosenmann und Flaschen-Günther und die anderen als temporale Eckpfeiler auf meinem Weg herumlungerten.

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