Es könnte schlimmer sein

es koennte schlimmer sein

Hin und wieder ist das Leben wie der Mount Everest und man weiß nicht, ob man eher Edmund Hillary oder Tenzing Norgay ist. Oder ein Yak. Mit einer Hüftprothese. Die größte aller Aufgaben liegt vor einem. Die Göttinmutter der Berge. Scheinbar unerreichbares. Doch man schreitet voran. Dann und wann ist das Leben wie ein warmer Aufwind. Es trägt dich, hebt dich, lässt dich schweben. Zerzaust dir liebkosend die Schwungfedern mit Unterstützung. Schwerelos gleitest du voran.

Hin und wieder ist das Leben wie der erste Tag nachdem man mit dem Rauchen aufgehört hat. Zerfressen von unstillbarem Verlangen. Eine körperliche Qual. Ein Sehnen und Flehen und Schmachten. Doch man hustet voran. Dann und wann ist das Leben wie der erste Tag, an dem man sich entschließt mit dem Rauchen aufzuhören. Voller Zuversicht und Hoffnung. Angefüllt mit dem festen Glauben, daß nun eine bessere Zukunft beginnt. Auf- und durchatmen. Schmunzeln. Und man geht entlastet voran.

Hin und wieder ist das Leben ein Kauderwelsch aus Unverständlichkeiten. Reinrufe, Zurufe, Buhrufe. Unklarer Firlefanz. Die Gedanken im Knäuel, die Ohren zerknüllt. Kaum unterscheidbar, was wichtig ist und was nicht. Doch man lauscht sich voran. Dann und wann ist das Leben das schönste Lied. Mit Seidengesang aus Zuckernoten und Trommeln und Zupfen und Tröten. Hintendran auch mal eine Triangel. Ein Beat, der zum Herzschlag wird. Musik, die wie frisches Wasser langsam in einem aufsteigt und belebt und ausfüllt. Takte, die die Mundwinkel eskalieren lassen. Und man tanzt voran.

Hin wieder ist das Leben wie ein Putzplan. Zäh und lang und voller unangenehmer Aufgaben. Kacheln waschen, Küche wienern, Klo wischen. Fenster schrubben, Fußboden saugen, Flurregal scheuern. Alles murren und zaudern ist zwecklos. Laune und Motivation versinken im Wischeimer. Doch man putzt sich voran. Dann und wann ist das Leben wie ein Hotelzimmer. Handtücher einfach auf den Boden schmeißen. Bitte waschen. Schuhe vor die Tür. Bitte putzen. Ein Kissenfort zurückgelassen. Am Abend, nach Abriss, wieder eine Spielwiese. Man fühlt sich leicht und frei von Verantwortung. Man bewundert die professionelle Sauberkeit. Man logiert voran.

Hin und wieder ist das Leben wie eine weite Wüste. Gegenwind und scharfkantiger Sand. Bis zum Horizont kupferfarbenes Einerlei. Trockene Wellen. Staubtrockene Luft. Keine Oasen, keine Karawanserei, die Heimat inmitten von Ödnis bieten könnte. Doch man schlurft voran. Dann und wann ist das Leben wie ein Inselreich. An Inseln reich. Als hätte das Meer Sommersprossen. Hundert, tausend kleine Punkte voller drängenden Lebens. Jedes Eiland neu und anders. Geschmeidige Palmen nebst munterer Äffchen. Farbenreiche Blumen und Papageien. Küssender Seewind und wärmender Sand. Naturarchitektur. Und man staunt voran.

Hin und wieder will man aufgeben. Liegenbleiben. Durchschlafen. Wenn die hängenden Schultern ein Zeichen der riesigen Last sind, die auf ihnen ruht. Wenn das Lächeln längst entschwunden ist und die Mimik bleiern gen Boden strebt. Wenn die Luft wie Götterspeise scheint. Alles nur Widerstand. Alles nur Anstrengung und Qual. Alles arschlos. Doch man darf nicht kapitulieren. Denn dann und wann reißt der Himmel auf. Schwungvoll und doch sanft legt sich die Schönheit des Sonnenlichts auf die Lider. Reißt die Augen auf. Brille nicht vergessen. Die Welt mit klaren Konturen und bunt. Perfekte Details werden auf einmal sichtbar. Details, die normalerweise kein großes Aufhebens um sich machen und einfach ihrem Alltaggeschäft nachgehen. Kleine Blumen in Gehwegfugen. Witzige Straßennamen. Lächelnde Mitmenschen. Alles erkennt man auf einmal. Alles hätte der Blick lesen gelernt und aus sinnlosen Piktogrammen würde Schrift. Alles versteht man auf einmal. Dann und wann ist nichts mehr schwer. Alles gelingt mühelos. Lächelnd und grinsend. Man verschmilzt mit dem Glück.

Und wenn man es richtig anstellt, kann man sogar selbst bestimmen, welcher Art ein Moment, ein Tag, ein Leben ist. Ganz egal in welcher Stimmung man sich gerade befindet, ob himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt, man muß sich eigentlich nur einen Satz merken, um entspannt und gelassen weitermachen zu können. Ein Satz, der als Motivation dient, wenn die Kacke mal wieder so richtig am Dampfen ist und nur Vollidioten mit Klebstoffschnüfflervergangenheit um einen herum zu sein scheinen. Ein Satz, der aber auch als Ermahnung dient, das unfassbare Glück und die gute Laune und die charmanten Lieder auf den Lippen nicht für selbstverständlich zu nehmen. Ein Satz, der aufmuntern oder dankbar machen kann: Es könnte schlimmer sein.

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