Endlich Einsamkeit

endlich einsamkeit

Endlich Einsamkeit. Minimale Humaninteraktion. Nur das nötigste. Ansonsten Stille. Wunderschöne ohrenbetäubende Stille. Jauchzend stolzieren die befreiten Gedanken in sie hinein und ich singe ihnen ein Wanderlied. Mit lächelndem Instrument. Ich lasse die berauschende Dunkelheit über mich hinweg branden. Manchmal muß ich sogar ohne Vorwarnung lachen. Vor Glück. Vor Einsamkeit. Vor Pflichtbefreitheit.

Keiner sagt mir was ich machen soll oder wann ich irgendwo sein muß. Ich mache nur, was mir gefällt. Rein gar nichts. Mit leeren Augen starre ich der Zeit in den Ausschnitt und lausche ihr beim Voranticken. Ganz stumpfsinnig. Ganz frei. So konturlos, daß jede Anspannung von mir abgleitet. Gemütszustand: Teflon. Tirilierendes Teflon. Wenn alle woanders sind, bin ich bei mir. Kann mir endlich zuhören. Meine Gedanken vernehmen. Obwohl, dem Vernehmen nach, größtenteils Aberwitz vorgetragen wird. Wundervoll. Minuten, Stunden mit Sinnlosigkeiten verplempert. Jede Sekunde nährt jedoch die kreative Kraft. Den künstlerischen Ausdruck. Buchstaben und Formen und Noten und Farben und Zahlen und Linien und Erinnerungen fügen sich allmählich zusammen. Unklares wird klarer. Hirn- und Herzstrom werden wieder paralleler. Freiheit.

Frei vom nervensägenden Zwiespalt etwas tun zu müssen, was man nicht will. Weil man sich sozial oder ökonomisch verpflichtet fühlt. Alles neu. Mein Kopf, meine Regeln. Erstmal Brainstorming. Keine Idee ist falsch, ruhig alles reinrufen. Auf den billigen Plätzen wird man mutiger. Wenn außen keiner zuhört, wird innen auf die Pauke gehauen. Ich werde immer weicher. Gelenkiger. Im Geiste und auch muskulär. Blockaden, Stützskelette, Schutzbehauptungen, Scheuklappen lösen sich auf. Die starre Hülle, die den Alltag schultert verschwindet. Ich werde zur Amöbe. Zum glücklichsten Pantoffeltierchen der Welt. Endlich Einsamkeit.

Keine Etikette oder zwischenmenschliches. Keine Handschläge, Umarmungen, Blicke, Worte. Keine Last. Menschen sind kompliziert. Mit Erwartungshaltungen und Gefühlen und Hintergedanken und Subtext. Ständiges Lavieren. Ständiges Planen. Wie sage ich was, um mein Ziel zu erreichen. Zwanzig Sätze und Gegensätze vorausgeplant. Wie beim Schach. Mental ermüdend. Ständig muß man sie im Auge behalten. Ihre Mimik studieren, ihre Blicke deuten, ihren Tonfall interpretieren. Muß sich in sie hinein versetzen und ihren Standpunkt nachvollziehen. Zusätzlich wird man selbst Teil dieses Mummenschanzes. Dieser sozialen Maskerade. Dieser schleichenden Unehrlichkeit. Sagt nicht, was man denkt. Sagt, was akzeptabel ist. Erwartet wird. Nutzt das Öffentl-Ich. Hält die anderen hinter Stirn und Lippen im Zaum. Ständiger Druck. Nur frei in Spiel und Gespräch mit Kindern und Tieren. Weil sie auch frei sind. Ohne Sorgen. Drauf los plappern. Sagen was sie denken. Handeln wie sie denken. Ehrlich. Brutal ehrlich bisweilen. Aber frei und erfrischend.

Endlich Einsamkeit, um selbst auch frei zu sein. Und während es vielen schwer fällt allein zu sein, erwächst mir daraus doch die größte Wonne. Weil ich gar nicht reden will oder quatschen oder flüstern. Weil ich außer der Stille nichts hören möchte. Zu kurz sind diese Momente normalerweise. Wenige Stunden am frühesten Morgen. Fast Nacht. Wenn alle schlafen und ich mit der Welt allein bin. Still und schön. Wir schauen gegenseitig in uns hinein. Keine Pläne. Pure Existenz. Alles und gleichzeitig nichts. Wir fließen dann ineinander. Auch wenn die Zeit immer argwöhnisch schaut und sich selbst im Blick behält. Doch nicht jetzt. Jetzt schmecken die Minuten wie Unendlichkeit. Sanft wogende Grenzenlosigkeit. Aus der sich die Gedanken ein Bettchen bauen und träumen. Ich lächele und seufze vor Glück. Endlich Stille. Endlich Einsamkeit.

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