Ein Volk von einem

Volk von einem

Manchmal bin ich mein eigener bester Freund. Und wir haben nur Flausen im Kopf. Manchmal bin ich kein guter Umgang für mich. Ein Volk von einem. Für das die verschwommene Unendlichkeit des Universums direkt hinter der Nasenspitze anfängt. Und auch davor gelegentlich flackert. Ein Volk von einem. Umfangen von weißem Rauschen. Gleichsam hundert Stimmen im Kopf. Hundert Stimmen in der Dunkelheit. Mit hundert Meinungen und Fragen und Ideen. Dennoch manchmal einsam. Ein Volk von einem.

Wie Magma ist diese Einsamkeit. Meist bemerke ich gar nicht, daß sie da ist. Kochend und brodelnd tief unter der Oberfläche. Aber wenn sie einen Weg nach draußen findet, ist sie überwältigend und unaufhaltsam. Ein brennender Lavastrom, der alles in seinem Weg verglüht. Auf Asbestflößen treiben verpasste Gelegenheiten in seinen Fluten. Ein Volk von einem. Und doch ständig uneins. Alles Selbstgespräch. Inner Dialog. Selbstreflexion. Hinterfragen jedes Handschlags. Entscheidungen zu lange abwägen. Volksabstimmung von einem.

„Du musst mehr rausgehen. Unter Menschen. Das Leben entdecken“ ruft man mir zu. Doch ich bin eher Amerika, denn Kolumbus. Mit mir selbst genug beschäftigt, allenfalls bereit entdeckt zu werden. Voller Scheu vor langen Seereisen und Skorbut und Sturmflut. Die Sicherheit des Hafens vorziehend. Ohnehin sind Menschen anstrengend. Voller Erwartungen und unausgesprochener sozialer Sitten. Ein Volk von vielen. Ebenso divers wie diffus. Verwirrend undeutlich. Andeutend, implizierend, umschreibend. Meist bleibt nur zu schätzen, was gemeint ist. Auf Grundlage von Beobachtung und Erfahrung. Meist liegt man falsch. Wird wieder vorsichtiger. Wägt länger ab. Zieht sich in seinen Kopf zurück. Ein Volk von einem.

Als hagerer Monolith umstürmt von den Wellen des Lebens. Die an der Substanz reißen und Stück für Stück abtragen. Allmählich nur, aber kraftvoll. Die Sinne ständig von Reizen überflutet. Töne und Farben und tausend Geschichten. Alle wollen irgendwohin. Haben irgendetwas vor. Lassen essentielle Aspekte ihres Lebensweges durch Äußerlichkeiten porträtieren. Reichtum und Sucht. Resignation und frohen Mut. Aussichten und Abgesänge. Ich will auch irgendwohin. Aber wir lassen uns Zeit. Ein Volk von einem. Mit unklarem Ziel.

Es ist eine Suche. Nach Glück, Zufriedenheit, Ruhe. Substanz in der Vergänglichkeit. Und dann doch wieder nur ewiges Karten zeichnen und Pläne schmieden und Träumen, ohne jemals wirklich aufzubrechen. Aus Furcht vermutlich. Weil immer gleich mitschwingt, was alles schief gehen könnte. Weil hundert Stimmen, hundert Bedenken haben. Ein furchtsames Volk von einem. Mit einem Augenpaar, das sich in einem anderen zu spiegeln sucht.

So viele ungeteilte Gedanken. Wäre nicht Humor und Überraschung und bisweilen Augenzwinkern in ihnen verborgen, höhlten sie das Bewußtsein langsam aus. Mit den bohrenden Spiralen, die sie im Schädel ziehen. Kaum Möglichkeiten ihnen Kraft zu nehmen. Nehmen zu lassen. Kein Ventil, nur wachsender Druck. Ständiger innerer Kampf. Diskurs, Krieg. Ein Volk von einem. Angefüllt mit Kannibalen.

Ab und an gibt es ein Aufleuchten in der ewigen Finsternis. Wenn ein vermeintlicher Ebenpart irgendwo im Mittwoch herumlungert und wie Wochenende lächelt. Von einem Gespinst aus floralen Flügelschlägen umwoben. Sanft den Kopf neigend und mit unmerklichen Fingerspitzen am Reißverschluß der Jacke entlang fahrend. Ihn ergreifend und dich heranziehend. Auf Atemdistanz und näher. Näher. Ganz kurz keine Fragen mehr, keine Furcht. Bis du die Nähe bemerkst und Unsicherheit aufsteigt. Risikoavers. Das alles so klar scheint, macht alles nur noch unklarer. Ein Volk von einem. Mit neuer Königin?

Du weißt es nicht. Kannst nichts kontrollieren. Flucht oder Kampf. Jedweder Ausgang der Situation wird zehn Schritte vorausberechnet. Fast wie Schach. Mit einem Brett voller Bauern gegen die Königin. Illusion jedoch, weil du eigentlich nur ein Bauer bist. Chancenlos. Und wieder wird alles nur Mutmaßung, Abschätzung. Wieder überlegen und grübeln und nachdenken. Spontan heißt nächste Woche. Vorerst Volksbefragung. So entsteht Stillstand und Bewegungslosigkeit. Und jeder hat etwas zu meckern. Im Volk von einem.

So bleiben sie unter sich. Drehen sich im Kreis, obwohl eigentlich alle vorwärts wollen. Sind sich selbst der beste Freund und kein guter Umgang füreinander. Aneinandergekettet jeden Fortschritts beraubt. Jeder Möglichkeit der verschwommenen Unendlichkeit Konturen abzuringen. Gemeinsam einsam. Viele mit so wenig. Ein Volk von einem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.