Ein letztes Mal

Kaum glüht sich ein erster orange-güldener Atemzug durch das dunkelblau der Nacht, quietscht und zwitschert es auch schon im Geäst, daß es eine wahre Freude ist. Da Amsel, Drossel, Fink und Startet man doch jauchzend beschwingt in den Morgen. Da will man den miesen Tätern, den Missetätern, doch einmal verzeihen, daß ihre Hobbylandschaft recht karg wieder aufgeforstet wurde. Außer herum fliegen und morgens, ja beinahe will man nachts sagen, alle aus dem Bett zu brüllen ist da nicht viel. Heute bin ich ihnen ohnehin für ihren Einsatz dankbar. Husch, husch, raus aus den Federn. Der letzte Tag in bezahlter Arbeitslosigkeit ist angebrochen. Im Morgengrauen von morgen wartet schon das Grauen. Der Streß. Die Hektik. Da heißt es heute noch hektisch jeden Tropfen Freiheit aus den verbleibenden Stunden zu wringen.

Aufrührer, der ich bin, habe ich sogar einfach mal versucht bis sechs zu schlafen. Wurde schnell langweilig. Im Kopf ratterte doch schon der Buchstabenbetriebsrat. „Schreib´ mal noch lieber was. Bald ist dafür keine Zeit mehr“, fistelte es im Oberstübchen. Mit Fug. Und mit Recht. Zwar werde ich wohl auch in der nächsten Woche eifrig in die Tastatur greifen, aber dann mit äußerst unkreativen Mitteln. Wo man „Ihnen“ mit großem „I“ schreibt. Und sich unten abschließend freundlich grüßend verabschiedet. Unrealisisch. Gestelzt. Professionell. Dem Schabernack mit befeuchtetem Kamm einen Scheitel geschnitzt. Eine kleine Krawatte umgebunden. Die Mundwinkel wieder gen Süden vernordend. Unheil dräuend wartet diese Perspektive nach der nächsten Erdrotation. Doch die Erde hat einen dicken Hintern. Kann sich nur langsam drehen. Darum jetzt noch einmal: Konfetti! Juchheissa und Täräh! Jogginghosen an, obwohl nichts ferner läge als joggen. Aber auch das Gemächt soll die letzten Freiheitsstunden erleben dürfen. Aus erster Hand quasi. Aber das ist ein anderes Thema.

Wie ein übermütiger Wieselwelpe hüpft die gute Laune, bald taumelt, durch den Morgentau, das Unterholz. Der Kaffee peitscht die Blutkörperchen voran. Carpe diem. Lungern könnt ihr anderntags. Wenn die Lunge wieder in abgesprochenen Schichten mit Teer verziert werden muß. Und nicht wild und lustig wie mir der Schnabel gewachsen ist. Bevor wir wieder Nerven wie Drahtseile brauchen, armdicke Seile aus Spinnenseide gar, ist die Spinnerei nur mit Bindfäden gekettet. Losreißen jederzeit möglich. Ein letzter großer Flug der Unvernunft. Der Kreativität. Der Kurzschlüsse. Bevor wir den Laden temporär schließen müssen. Noch einmal Einhornerbrochenes in wilden Regenbogenfarben auf das Tableau geschmiert, bevor schwarz und weiß, und bisweilen ein flippiges grau, die Zügel wieder übernehmen. Im Ochsenkarren mit Pflug. Heute noch flugs die Stimmung mit Stimme versehen. Lachen, scherzen, singen. Den digitalen Pinsel schwingen. Wie gesagt, die Freiheit wringen. Jetzt noch, wo die Erholung auf dem Höhepunkt ist. Frisch geduscht mit Pfefferminzzähnen. Verwegenes Aftershave. Wildblumen oder dergleichen. Eine Laune zum Bäume ausreißen. Was immer auch die einem getan haben mögen. Eine Stimmung zum Helden zeugen. Wofür auch immer gerade welche benötigt werden. Ein Frohsinn zum froh sein. Das Funkeln unter den Lidern noch Augenschmunzeln und nicht durch Tränen und Verzweiflung getöpfert. Mit Inbrunst gelacht. Begeisterung entfacht. Noch einmal in die Glut gepustet. Heute brennt hier die Luft. Also in einer entspannten, zurückgelehnten Art. Man will sich ja nichts zerren auf den letzten Metern. Oder die Finger verbrennen. Das kann nämlich äußerst schmerzhaft sein, wie ein kürzlich erfolgter Angriff einer Entente aus Hühnerbrustfilet und Olivenöl zeigte. Erst verführerisch gezischt, dann beim Versuch sie anzulangen, meiner Hand an drei Stellen einen geblasen. Auf die schmerzhafte Art. Mieses Pack. Doch derlei ist nun vergessen, hat eine Woche doch gereicht wundersame Regeneration zu vollenden.

Meine Zellen sind schon ein munterer Haufen. Sogar die Hautzellen. Oft vergessene Helden, während die Neuronen allen Lobgesang abstauben. Heute preise ich sie alle. Und gebe ihnen noch einmal einen Tag frei. Teilt euch, wie es euch beliebt, ihr Racker. Treibt Unfug und Klamauk. Was dem König genehm, soll auch euch Bettlern gut zu Gesichte stehen. Morgen schon werde ich euch wieder meinem grauen Willen unterwerfen müssen. Dann gibt es keine Mätzchen mehr. Keine Zickereien. Dann wird funktioniert. Roboterhaft verrichtet. Ohne Zetern und Nachfragen. Fragt nicht, was euer Körper für euch tun kann, fragt, was ihr für euren Körper tun könnt. Oder besser noch: Fragt gar nichts. Klappe zu und gehorchen. Ein wenig schon heute. Wenn wir bumsfidel die Untiefen der unerträglichen Leichtigkeit des Seins ausloten. Verschmitzt an unseren Stunden schnitzen. In Hochstimmung. In bester Laune. Mit einem ansteckendem Lächeln, bei dem sich das Gegenüber vorsichtshalber über den Wartungsstatus unserer Zurechnungsfähigkeit erkundigt. Wir lassen alle Vorsicht fahren. Nach morgen. Ins grau. Dort können wir uns dann ja wieder treffen. Wenn ich durch geschlossene Zähne murmelnd das vermaledeite Federpack verfluche, das zu frühester Nachtstunde ein exorbitantes Fass aufmacht. Gesang? Geschrei! Werde ich wettern. Vergessen haben, welch erquickliche Melodien mir eben nun den roten Teppich ausrollen. Den Tag mit Geigenhimmeln einleiten. Die Dunkelheit in lichte Laune transformieren. Noch einmal bunt gelächelt. Noch einmal weite Augen. Noch einmal heiter strahlen. Noch einmal zügellos und frei.

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