Die Zukunft kommt

Schlauchomat

Aus Gründen, deren Ursprung und Umfang ich hier nicht weiter zu erörtern gedenke, bin ich in den Besitz eines neuen Mobiltelefones gelangt. Eigentlich wäre besagte Anschaffung nicht unbedingt notwendig gewesen, aber das schlanke Kerlchen hatte seine inneren Werte so aufreizend in Tabellenform gegossen, daß meinem inneren Nerd das Blut ganz mächtig gen Süden schoß und sich die daraus entstehende Aufregung zugleich zur Brieftasche aufmachte. In schon schmerzlichem Grade zwar, mußte das Bargeldsuspensorium erleichtert werden, aber die Verheißungen der multimedialen Zukunft hatten mir schon die Sinne venebelt. Sogar mit einer liebgewordenen Tradition ließ mich der zukünftige Fernsprecher brechen: Ich würde mir eine Micro-SIM-Karte besorgen müssen. Ein Unterfangen griechischer Epik, wie sich rasch zeigte.

Mit nicht geringem Stolz weiß ich oft anzuführen, daß mich seit geschätzten fünfzehn Jahren die identische, mobile Rufnummer begleitet. Wer sich also die Mühe machte, genannte Zahlenkombination im letzten Jahrtausend auswendig zu lernen, kann auch noch in diesem, barrierefrei, mit mir Kontakt aufnehmen. Die gönnerhafte Unbescheidenheit, mit der ich diesen Fakt stets kund tue, basiert auf der Erkenntnis, daß es gelungen ist, dem ewigen Update- und Veränderungswahn unserer technophilen Welt, zumindest in diesem minimalen Teilaspekt, ein Schnippchen zu schlagen. Noch bemerkenswerter wird dieses nostalgische Festklammern an der einmal eingeprägten Zahlenfolge, eingedenk der Tatsache, daß auch die verknüpfte SIM-Karte seit Jahr und Tag die selbe ist. Markentreue einerseits, doch auch der Aufdruck „D2 Mannesmann“ andererseits. Ganz steinzeitlich sieht das aus, beinahe als würde man seine Status-Updates bei myspace posten und seine Freunde über den MSN-Messenger oder im AOL-Chat darüber informieren. Aber warum den Aufwand eines Austausches in Betracht ziehen, wenn die Karte aus technischer Sicht und über den Wechsel durch ein gutes, halbes Dutzend Telefone immer noch hervorragende Dienste leistet. Zwar mangelt es ihr an einigen moderneren Eigenschaften, aber diese Gegebenheit sollte ich in der aufkommenden Odyssee zu meinem Vorteile verkehren.

Nachdem nun also feststand, daß ein weiteres Festhalten an dem steinalten Relikt nicht mehr möglich wäre, das neue Gerät war bezahlt und unterwegs, begann ich zu eruieren, wie ein Austausch mit möglichst wenig physischem und pekuniären Aufwand zu bewerkstelligen sei. Hierbei ist anzumerken, daß die Verlockungen von subventionierten Mobiltelefonen bei Abschluß einer 24-monatigen Vertragsbindung mich nie so recht zu überzeugen wußten. Obgleich ich eigentlich nie vorhatte den Anbieter meiner Telekommunikationsdienste zu wechseln, und die nun vorliegenden Daten beweisen, daß meine Trägheit dies auch zu verhindern wußte, war es doch schön in der Vorstellung von immer herrschender Freiheit zu leben. Aus diesem Grunde betreibe ich meine mobile Kommunikation bis zum heutigen Tage mit einem Prepaid-Tarif und liege damit derzeit sogar wieder überraschend geschmeidig im Trend. Schon immer habe ich meine Kostenstruktur durch modulares Hinzubuchen von Optionen abzudecken gewußt und konnte so meinem wechselnden Telefonieverhalten Rechnung tragen, ohne daß die Rechnung zu hoch wurde. Gemeinhin vermittelten mir die Damen und Herren von D2 Mannesmann, beziehungsweise nun Vodafone, auch bei jeder Aufladung meines zur Verfügung stehenden Guthabens das Gefühl nur beinahe ein Kunde zweiter Klasse zu sein. Kernige Kurzmitteilungen mit werbendem Inhalt erreichten mich, ein minimalistisches WAP-Kundenkonto wurde mir geboten und ab und an gab es sogar kleine, digitale Geschenke. Daher konnte ich natürlich nicht ahnen, daß sobald ich mit einem Begehr an die Belegschaft heranzutreten gedachte, man mich deutlich spüren lassen würde, daß die Unstetigkeit meines Beitrages zum Geschäftsjahresendergebnis, meine Service-Optionen einschränkte.

Zuerst galt es also herauszufinden, wie ich meine betagte SIM gegen ein neueres Modell kleineren Formates tauschen konnte. Rasch ergab ein kurzes gegoogle, daß man mir vermutlich eine Gebühr für diese Dienstleistung aufbürden werden würde. Erster Mißmut machte sich breit, aber die Würfel waren bereits gefallen und mir blieb keine Wahl. „Naja“, denkst du trügerisch, „vielleicht ruf´ ich da einfach mal an und umgarne die ein wenig, langjähriger Kunde und so, dann kann man da bestimmt noch was machen.“. Gesagt getan. Oder vielmehr eben nicht, denn auch das Service-Team ist klar und deutlich in ein Vertrags- und Prepaid-Kundenkontingent aufgeteilt. Zum Nachteile des letzteren. Obschon ich mich als versiert im Umgange mit diesem Internet bezeichnen würde, verging nämlich beinahe eine Viertelstunde, bis ich, ganz hinten und unscheinbar versteckt, die Rufnummer der zuständigen Abteilung erspähte. Hätte ich monatliche Oboli entrichtet, wäre die Sache nach Sekunden in einem Gespräch gemündet. Endlich gefunden also rasch die Nummer gewählt. Kostenlos obendrein. Zumindest ein geringes Zeichen der Wertschätzung. Nach kurzem Tuten erst einmal die Bandansagenhölle. „Wenn Sie Ihre SIM-Karte versehentlich an ein Haustier verfüttert haben, drücken Sie die 1..“ und so weiter. Bei „3“ endlich die Option mit einem Menschen in Rede und Gegenrede zu treten. Hastig rufe ich das Zahlenfeld des Fernsprechers auf und drücke genannte Taste. „Wir möchten Sie darauf hinweisen, daß  für Gespräche mit unseren Service-Mitarbeitern eine Gebühr fällig wird.“. Soviel zu kostenlos. Arschmaden. Den darauf folgenden Hinweis, daß das Gespräch zu Schulungszwecken aufgezeichnet werden könnte, ignoriere ich geflissentlich. Jetzt dudelt ein wenig Fahrstuhlmusik, bevor sehr schnell und nach kurzem Tuten eine junge Dame das Wort in akzenthaltigem Deutsch an mich richtet. Entweder handelt es sich um eine Hommage an die gerade anbrechenden Winterspiele in Sotschi oder die Ahnen dieser jungen Frau waren tatsächlich Sektjäger aus der Krim, jedenfalls durchwirkt ein fleißiger, russischer Flickenteppich, voller rollender „R“s, ihre Sätze.

Dank vorangestellter Recherche gut vorbereitet, lege ich ihr dar, daß ich schon seit geraumer Zeit das Mobilfunkangebot ihres Konzerns in Anspruch nehme, nun aber feststellen mußte, daß meine SIM-Karte gar kein UMTS unterstützt und ich diese daher kostenfrei tauschen möchte. Die neue könnte außerdem gleich ein wenig mehr micro sein. „Garr kein Prroblem“, beginnt sie zu lügen, während sie unnatürlich oft meinen Namen wiederholt, „fürr einen langjährrigen Kunden wie sie mjachen wirr das natjürrlich kostenlos. Bitte nennen sie mirr einfach ihrr Kundenkennworrt.“. Da trifft dich doch der Blitz beim Scheißen. Kundenkennwort. Nachdem ich ihr gerade erläutert habe, daß ich schon seit einer Ewigkeit im Besitz der Karte bin. Kundenkennwort. Keine Ahnung. „Keine Ahnung“, resigniere ich ihr zu. Sie gibt mir zu verstehen, daß ohne das geheime Wort der Micro-SIM-Tresor von Vodafone wohl nicht zu öffnen ist und ich weiter ohne UMTS leben müsste. Verzweifelt bin ich bereit selbst undenkbarste Strohhalme zu ergreifen: „Kann ich die Karte nich einfach in einem Vodafone-Shop tauschen?“, bettle ich beinahe. „Sie kjönnen auch in eine Vodafone-Shop-Laden gehen“, sagt sie redundant, „und da tauschen lassen. Kjönnte aberr Gebührr kosten.“. Da haben wir den Salat. Dämliches Kennwort. Dämliche Vergesslichkeit vielmehr. Sagt einem ja auch keiner, daß man das in fünfzehn Jahren vielleicht mal bei der Hotline aufsagen muß. Jetzt kostet mich der Spaß vermutlich 25 €. Doch Oksana, in der Aufregung habe ich ihren wirklichen Namen vergessen, hat noch eine Spitzenidee: „Sie kjönnen in Vodafone-Shop-Laden auch einfach ihrr Kennworrt änderrn lassen und dann noch einmal anrrufen. Dann ist wiederr umsonst.“. Potzblitz, genial. Ich besiege das System mit seinen eigenen Tentakeln. Ich bedanke mich für den Hinweis und lege auf. Astrein, so kann es gehen.

Und so gehe ich am nächsten Tag, nach Beendigung meiner Werktätigkeit, zum kleinen Vodafone-Shop (-Laden) und schildere tränenreich meine UMTS-losigkeit. Erschüttert versichert mir der Mitarbeiter umgehende Behebung der Sachlage. Schon keimt Hoffnung auf eine Ankunft in der fernmündlichen Zukunft, als ihm jedoch noch etwas einfällt: „Ach ja“, fragt er praktisch ohne Nachzudenken, „Vertrags- oder Prepaid-Kunde?“. Verdammt. „Prepaid“, antworte ich wahrheitsgemäß. Seine Miene scheint diesen typischen, trügerischen Verkäuferglanz zu verlieren. „Dann geht´s nich. Also dann nur an der Hotline.“. „Aber die haben mich doch hier her geschickt. Wegen dem Kundenkennwort. Das weiß ich natürlich nach so langer Zeit nicht mehr. Ich würde das gerne ändern lassen.“. „Nein“, sagt er langsam, „kann ich nicht machen.“. Verdammte Bürokratie. Hat denn hier keiner irgendwelche Befugnisse? „Aber ich kann es Ihnen sagen!“, fügt er mit einem Lächeln des Triumphes hinzu. Blödmann. Schnell nenne ich ihm die Eckdaten meiner Verbandelung mit Vodafone und er tippt eifrig in seinem Computer herum. Dann nennt er mir das uralte Geheimwort. Mittlerweile komme ich mir wie Indiana Jones vor, der die Geheimnisse einer versunkenen Indiokultur lüften will. Verblüfft stelle ich fest, daß ich nie im Leben auf das Passwort gekommen wäre, verstehe aber warum ich es gewählt habe und bewundere ein wenig die Pfiffigkeit meines viel jüngeren Ichs. Kryptologie 1, setzen. Ich notiere das Gehörte mental und stiebe mit einem kurzen „Vielen Dank!“ von dannen.

Wieder zu Hause rufe ich erneut den Kundenservice an. Ich lausche dem Band, drücke die 3, ignoriere die dräuende Aufzeichnung zu Schulungszwecken und höre kurz mittelschlechte Musik. Dann tutet es. Oksana hat heute wohl frei, denn ich werde von einem jungen Herrn begrüßt. Interessanterweise scheint er aber ihr Bruder oder dergleichen zu sein, da sich beide den selben rollenden Akzent teilen. Oder das Call-Center von Vodafone steht in Minsk. Out-Sourcing und so. Auch er gibt mir verbal tätschelnd zu verstehen, daß ich ein langjähriger Premiumkunde sei und man daher den Wechsel natürlich kostenlos vornehmen werde. Spätestens jetzt ist klar, daß ich hier in gebrochenem Deutsch verscheißert werde. „Bitte njennen Sie mirr einfach Ihrr Kundenkennworrt.“. Jetzt ist es soweit. Damit hat er nicht gerechnet. Ich hole kurz Luft und rezitiere dann, stolz wie ein Erstklässler, der endlich „Oma“ lesen kann, das soeben aus den historischen Tiefen befreite Freigabezitat. „Sehrr gut“, lobt er mich, „njun ist das kein Prroblem. Sie krriegen die Karrte in 3 Werrktagen.“. Oksana hatte gestern auf Nachfrage noch von 3 bis 4 Tagen gesprochen. Irgendwer lügt hier. Doch damit nicht genug: „Dann mjüssen sie hierr nochmal anrrufen, damit wirr die Karte frreischalten kjönnen.“. Geilo. Nochmal der Quark. Wieviel es kostet eine Minute mit denen zu parlieren hat mir unterdes auch noch keiner mitgeteilt. Aber das ist jetzt auch egal. Die Zukunft kommt. Per Post. In, etwa, 3 Werktagen. Hervorragend. Ich bin so froh mein Ziel erreicht zu haben, daß ich mir sogar noch „Zwei Superr-Angebjote“ vortragen lasse. Artig notiere ich sogar wirklich etwas und täusche den eifrigen Telefonanten nur teilweise. Dann bedanke ich mich und lege auf. In wenigen Tagen sprechen wir uns erneut Vladimir. Oder Oksana. Oder wie ihr in Wirklichkeit heißt. Wenn meine Micro-SIM hier eintrifft und ich endlich euren grandiosen Service bestimmungsgemäß nutzen kann. Die Zukunft kommt.

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