Die Zerbrechlichkeit der Vernunft

Viel zu leicht machen es einem diese Tage. Viel zu verlockend poussieren sie mit ihren einfachen Auswegen. Viel zu mühelos könnte man sich ins schwerliche süße Nichts hineinfallen lassen. Die Welt einfach mal einen guten Mann sein lassen. Einzig umgeben von lichtloser Stille, die mit warmer Hand die Sinne umsäumt. Sich dem verheißungsvollen Schwarz von Mißmut und Depression ergeben. Wo man keinen Schmerz mehr fühlt, weil alles immer Schmerz ist.

Noch greift der Verstand aber nach Strohhalmen in der Realität und versucht sich im Alltag zu vertäuen. Weiß er doch, daß, so leicht das Versinken in farbloser Trübseligkeit auch ist, das erneute Emporklimmen ungleich aufwändiger wird. Zu gut hat sich in der Erinnerung noch eingebrannt, welch langwierige, verschlungene Wege aus dem Nichts wieder ins Licht führen. Noch zu gut entsinnt sich das Hirn, wie mit jedem Schritt zurück der Schmerz realer und tiefer wurde. Weil man ihn sich eingestehen mußte. Und noch ist außerdem gar nicht so richtig klar, ob der letzte Weg überhaupt schon abgeschlossen und wir wieder in der Wirklichkeit angekommen sind.

Ich klammere mich also an vage Hoffnungen. Kämpfe gegen den Genuß und die Anstrengungslosigkeit der Einsamkeit an. Und das nicht, weil ich unbedingt Gesellschaft möchte, sondern weil ich ansonsten befürchte dem Sirenenruf der Düsternis zu erliegen. Auf den Straßen galoppiert der Tod und ich weiß einzig Schutz in mir zu suchen. Tief, tief in der Unvernunft vergraben. Im Zwiegespräch mit einem halben Dutzend innerer Stimmen. Deswegen suche ich nun mit der stärksten Kraft, die ich kenne, entgegen zu wirken. Probiere mich des festesten Ankers zu versichern, welcher mir einfällt. Durchkreuze alle Pläne und Vorsätze und selbst auferlegten Abstandsgebote und öffne dir mein Herz erneut.

Es pulsiert nicht mehr mit der alten großen Art von Liebe, dafür hat die Zeit zu viel Distanz geschaffen, aber ausgedehnte Areale seiner Landschaften und Gebirge und Tiefseegräben sind noch von deinem Wesen durchwirkt. Weite Teile seiner Galerien und Tiergärten und Tanzlokale werden noch vom Faden deiner Gestalt zusammengehalten. Endlose Verse und Oden und Einschlafgeschichten verfasst es noch in deiner Stimme. Und so bemächtigt sich die Vernunft des Herzens als Werkzeug. Nutzt es, um dir die Hand zu reichen. Nutzt es, um die Verbindung zu dir wiederzufinden. Nutzt es, um eine letzte, starke Verbindung zu Realität zu haben.

So groß ist die Angst vor der Lust auf Einsamkeit, daß einzig das Streben zu dir stark genug scheint, um mich zu Retten. Auch wenn es paradox klingt. Hatte mir doch erst das ungewollte und tragische Zerreißen unserer Nähe die geräumigen Tiefen der Depression in Gänze eröffnet. Vermutlich will der Verstand deswegen wieder etwas mehr virtuelle Tuchfühlung errichten. Um die Kette fester ums Tageslicht zu schlingen. Sich im Alltag zu verankern. Nur du, und alles, was ich für dich empfunden habe und in anderer Form noch heute fühle, scheinen stark genug. Ganz unterbewußt ist diese Erkenntnis herangereift. Ohne sie zu forcieren oder zu erwarten. Ganz im Gegenteil.

Entstanden sie jetzt dennoch. Ich muß mich an dir festbinden. Mit einem Seil aus Vernunft. Damit ich nicht davontreibe und damit ich meine Sorge um dich kontrollieren kann. Letztere allein ist schon ein solch essenzieller Bestandteil und weitestgehend unausgesprochener Teil meiner Tage geworden, daß man darüber verrückt werden könnte. Von den lockenden Rufen der schwarzen Dumpfheit gar nicht zu sprechen. Viel zu mühelos könnte man sich den Tränen und traurigen Gedanken ergeben. Viel zu einfach könnte man sich in die umspülende Stille fallenlassen. Wäre da nicht die Vernunft. Mit der ich mich an dich binde. Die Vernunft. Aus der ich mir ein Tau knüpfe. Fester und fester mit jedem Tag. Weil die Vernunft meine letzte Hoffnung und doch so unsagbar zerbrechlich ist.

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