Die Wollkobra

Die Wollkobra

Von Zeit zu Zeit wird mein Geisteszustand in Frage gestellt. Schwachsinn, Fiebertraum, Wahnwitz heißt es dann. Von Zeit zu Zeit muß diesen tolldreisten Anschuldigungen wohl zugestimmt werden. Manchmal lässt sich kaum noch verbergen, daß bei mir obenrum manches nicht richtigrum läuft. Das Konfetti und „Fix und Foxi“ Hefte weite Teile des gesunden Menschenverstandes vereinnahmt haben. Bisweilen fällt es schwer Firlefanz, Kinkerlitzchen und Tand im Zaum zu halten. Beispielsweise an jenem Tag, da mir unvermittelt die Idee der Wollkobra ins Gemüt schlängelte.

Eingangs sei angemerkt, daß ich als staunender Beobachter von Genetik und Evolution große Stücke auf die Möglichkeiten ihrer selektiven Zucht halte. Festen Glaubens, daß alles möglich ist, wenn es einen Anpassungsvorteil bringt. Den Stirnrunzlern möchte ich an dieser Stelle kurz das Schnabeltier ins Gedächtnis rufen. Kaum einer würde von mehr als einer Fotomontage ausgehen, zeigte man ihm ein Bild des scheinbar mutwillig zusammengeklatschten Tieres. Dennoch wuselt und wieselt es froh und munter durch sein Reich und stellt sich jedem, der sich nicht entblödet nachzufragen, als „Best of“ Tier vor. Da staunt der überraschte Fragesteller nicht schlecht und eingedenk dieser Möglichkeiten, ist es kaum verwunderlich, daß auch er bei der Evolution mitmischen will. Zwar nicht bei seiner eigenen, aber wenn man zwei echt kleine Wölfe lange genug zusammensperrt, hat man irgendwann – Voilá! – Chihuahuas. Und im Geiste dieses Geistes nun ersann und – sponn ich die eierlegende Wollgiftsau.

Die Wollkobra ist ein Hybrid der obersten Spitzenklasse. Sie vereint die dramatische Anmut einer Kobra mit der umfangreichen Nutzpalette eines Schafes. Außerdem legt sie Eier und man kann ihr Gift melken, um aufregende Cornflakes zu essen oder dergleichen. Die Wollkobra ist ein animalischer Tausendsassa mit 1001 Anwendungsgebieten. Haben Sie schon einmal versucht eine Schafherde durch ein Weizenfeld zu schicken, um die dortigen Kleinnager aufzuspüren und ihnen Schädlingsbekämpfung anheim zu stellen? Wenn ja, haben Sie vermutlich tiefer sitzende Probleme. Wenn nein, liegt es vermutlich daran, daß Sie danach ein niedergetrampeltes Feld voller Weizenmatsch, lachende Feldhamster und eine Herde hungriger Schafe hätten. „Aber wie schützt man denn seine Ernte vor Überbissäugern, ohne sie mutwillig von einer Rotte geistesarm blökender zertrampeln zu lassen?“ höre ich Sie beinahe fragen. Und will antworten: Die Wollkobra! Elegant schlängelt sie sich auf dem Samtbäuchlein durch die Ähren und züngelt der Luft verführerisch ins Ohr. Keinem Halm wird dabei auch nur ein Haar gekrümmt, während die Frisuren der Nager, inklusive ihrer Träger, im Schlangenmagen nachgestylt werden. Die Wollkobra ist schnell und effizient. Und außerdem wegen ihres kuscheligen Fells auch als Haustier bei Kindern sehr beliebt. Ein Lausbub erhabendster Flauschigkeit.

Einer der weiteren großen Vorzüge der Wollkobra ist ihr angenehm logischer Körperbau. Als, sozusagen, Strich in der Landschaft, bringt ihre Zucht eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich. Schon allein die geringe Schulterhöhe, vor allem bedingt durch die Abwesenheit von Schultern, macht den Bau von Zwingern und Gehegen zu einem zweidimensionalen Klacks. Auch der Transport von sogar größeren Herden kann in Posterrollen oder im sogenannten Modus „Lakritzschnecke“ erfolgen. Die Kobra mag es dunkel und ungestört. Doch auch bei ihrer Schur bringt der Gartenschlauchkörper ungeahnte Vorteile. Vorbei die Tage, da man den mannigfaltigen Ecken und Winkeln eines Schafes mit der Schermaschine zu Leibe rücken mußte, während das Frisierte sich mit Maul und Klauen suchte dagegen zu wehren. Die Rasur der Wollkobra ist einfach und auch von Kindern oder Rentnern oder Einarmigen zu bewerkstelligen. Am dünneren Ende einer Art Weihnachtsbaumtrichter sind bewegliche und nach innen gerichtete Klingen montiert. Das Nutztier nun, muß nur mit leichter Hand durch die Gerätschaft gezogen werden und schon hat man auf der einen Seite einen Haufen kuscheliger Wolle und auf der anderen eine zitternde, weil nackte, Wollkobra. Das ganze geht so schnell, daß man sich theoretisch noch flugs einen fetzigen Pullover stricken könnte, wenn man am Horizont einen Schneesturm aufziehen sieht. Die Wollkobra als Lebensretter.

Doch selbst hier hören die unfassbaren Einsatzgebiete des liebenswerten Rackers noch nicht auf. Nicht nur, daß die Wollkobra als wechselwarmes Tier sich praktisch totstellt sobald die Abenddämmerung ein kühleres Lüftchen durch die Stallungen treibt und so ein Garant abendlicher Entspannung ist. Nein, sie liefert auch das Gift, mit welchem man den saufenden, radikalen Rabauken von Nachbarn ein für alle mal klarmachen kann, was „Nachtruhe“ bedeutet. Ruhet in Frieden. Die Wollkobra als ultima ratio. Hat man dann eine angenehm ruhige und traumreiche Nacht verbracht, kann das Frühstück des nächsten Morgens mit einer großen Portion Wollkobrarührei bestritten werden. Da die Kobra außerdem praktisch nur aus Muskeln besteht, ist auch der dazugehörige Schlangenspeck von herausragender Qualität. Die Wollkobra als Hungersbrot.

Zeilenlang könnte ich hier noch die weiteren Vorteile einer Zucht dieses Premiumtieres beschreiben. Allein der possierliche Anblick der drolligen Hütemungos, die die Kobraherde im Weizen zusammenhalten, könnte ganze Seiten füllen. Aber meine Phantasie kann ja nicht die ganze Arbeit machen und ist mithin schon mit anderen Verrücktheiten beschäftigt. Daher lade ich dich werter Leser und/oder Wollkobrazüchter in spe herzlich ein selbst über weitere, alternative Einsatzgebietes des flauschigen Filous nachzusinnen. Außerdem wäre es ganz schön, wenn auch mal jemand anderem Schwachsinn, Fiebertraum und Wahnwitz unterstellt würden. In diesem Sinne: Kobra, übernehmen Sie!

2 Comments

  1. Einfach…. geil…oder….und…“like“. 😀 streunend-staunende Grüße, Sabine

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