Die Weibergeschichten

Weibergeschichten

Ganz sorglos sitzen wir im Sonnenschein. Blinzeln ein wenig, wenn er uns in die Blicke tropft. Lächeln und erzählen kleine Nichtigkeiten. Amüsante Halbwahrheiten, augenzwinkernd vorgetragen. Erquickende Ansichten und Aussichten, die voller Charme über deine Lippen tanzen. Parkett für Träume. Staunend besehe ich das freie Glück. Die Zeitlosigkeit. Will mir jedes Detail einprägen. Erinnerung für kalte Tage. So viele Eindrücke jedoch, daß man kaum Ausdrücke dafür findet. Überwältigt vom Neuronenfeuer. Versengt von der Flut der Wahrnehmungen. Alles gleichzeitig gedacht.

Dann gleitet deine Fingerspitze sanft, fast unmerklich, über die kleinen Leberflecke auf meinem Arm. „Wie Sternbilder“, findest du. Und findest Einhörner und Galeeren und Dattelpalmen zum Nachzeichnen. Wohlig zittert die Haut unter jedem Strich. Fasziniert betrachte ich deine Faszination. Wie dein grinsender Blick von kleinen Fältchen gekrönt ist, als du deine Bahnen ziehst. Überlegst, was hier zu sehen sei. Ganz leer schaue ich und doch restlos begeistert. Versuche Worte zu finden, mein Empfinden zu beschreiben. Einzig kenne ich sie wohl noch nicht. Diese Worte, die es bräuchte. Mein Blick wandert über das Glühen, welches dir vom Himmel umgehangen wird und ich kann mir kaum einen Reim darauf machen, wie solche Schönheit zu ertragen ist. Wie man nicht verrückt wird vor Glück. Dann stolpert doch ein Vers am limbischen System vorbei.

„Wie strahlenflutend Sonnenlicht, Kontur dir der Frisur zerbricht, und jedes Haar in güld´ner Gischt, mit seinem Nebenmanne mischt. Wie feiner Wind in Zärtlichkeit, um jede einz´lne Strähne freit, und mit dem Glühen bald vermengt, in zartem Kusse dich umfängt.“. Ich lasse die hübsche Wortgruppe am Erinnerungsvermögen vorbeiziehen. Versuche mir wenigstens Ansätze zu merken. An was ich gerade denke fragst du mit amüsiertem Blick. „An meine liebste Tageszeit“, sage ich leise. Verwundert huscht ein Rudel Fragezeichen über deine Miene. „Wann ist die denn?“. Eine Sekunde schaue ich noch ohne Fokus ins goldene Lodern, dann suche ich deine Augen, sehe tief hinein und erwidere mit sanfter Stimme: „Genau jetzt.“. Genau jetzt bleibt die Zeit stehen. Verlangsamt sich zumindest. Jetzt kann man genau sehen, wie das Gehörte zu Gedanken wird. Wie Gedanken langsam die Mimik formen. Sich in ihr austoben. Das schönste Lächeln der Welt zeichnen. Dann schon senken sich die Lider, der Blick ein wenig. Vor Scham und Ergriffenheit. Was mich ergriffen hat, weiß ich unterdessen gar nicht mehr.

Ganz hin- und hergerissen bin ich von meiner Hingerissenheit. Will sie eigentlich gar nicht zulassen. Neutral bleiben. Doch es scheint aussichtslos. Wie der Versuch mit sich selbst Schach zu spielen. Nach jedem Zug das Brett zu drehen. Anfangs gibt man sich für beide Seiten noch vergleichbare Mühe. Versucht planvoll und gewitzt unerwartet zu ziehen. Erwartungsgemäß ist jedoch nichts unerwartet. Man kennt die Strategie des Opponenten. Irgendwann beginnt man einer Seite, anfangs unbewußt, Vorteile zu verschaffen. Strebt dem gewünschten Ausgange zu. Wie ein Münzwurf zur Entscheidungsfindung, der wiederholt wird weil die falsche Seite oben lag. Eigentlich weiß man was man will. Wer gewinnen soll. Man sträubt sich nur. Versucht sich machtlos zu wehren. Mit Kieselsteinen einen Damm zur Springflutabwehr aufzuschichten. Hält kurz durch und daraufhin nichts mehr ab. Naturgewalten sind nicht aufzuhalten.

Schon strömt ein Hormon ums andere. Ein Wunder, daß überhaupt noch Platz für Blutkörperchen besteht, während sich der Körper in hilfloser Machtlosigkeit ergeht. Sie dir die Hirnchemie auf links drehen. Farben und Töne und Gerüche ganz aufgerüscht durch die schwindende Realität paradieren. „Huch“, denkst du, „heute riecht die Welt aber vortrefflich“ und schreibst es deinem allgemeinen Hochgefühl zu. Dabei hat der Nachbar unten nur einen neuen Weichspüler ausprobiert und die murkeligen Socken zum Trocknen auf den Balkon gehängt. „Oha“, bemerkst du, „diese Blume ist aber ganz außergewöhnlich prächtig.“. Dabei ist da nur ein Zahnpastaspritzer auf der Brille, der das Licht günstig bricht. „Holladiewaldfee“, pfeifst du durch die Zähne, „dieser Vogel hat wohl Operettengesang studiert.“. Dabei untermalt der Wind das Gezwitscher nur mit dem Klingelton von Oma Ernas Rentnerhandy zwei Stiegen weiter.

Aber das ist mir alles egal. Wird direkt bei der Ankunft im Gehirn unter „Gerade unwichtig“ abgelegt. Meine Sinne sind mit dir befasst. Mit uns. Wie wir sorglos im Sonnenschein sitzen. Mit schwerelosen Mundwinkeln und glänzenden Augen. Voller Lachen ob neckender Wortgefechte. Kein morgen kennen oder gestern. Nur jetzt. Wo die Sekunden im Takt des Herzschlags vergehen. Und dieser rasend und gleichzeitig voller gemächlicher Zufriedenheit ist. So muß sich Freiheit anfühlen. So fühlt sich Glück an. So soll sich Unendlichkeit anfühlen.

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