Die Unbehelligtkeit

Unbehelligt

Wie so oft sträubt sich dieser erste Satz in die Tasten gehauen zu werden. Schließlich lastet eine ganze Menge Verantwortung auf ihm. Verheißen, versprechen, vorwegnehmen. Da möchte man schon sicher gehen, dass alle Worte in der richtigen Reihenfolge, faltenfrei und wünschenswerterweise mit pfiffigem Unterton garniert sind. Dabei habe ich in letzter Zeit soviel nachgedacht, dass es eigentlich für fünf oder sechs oder sieben einleitende Sätze reichen würde. Wie es halt immer so ist mit ganz einfachen ganz komplizierten Angelegenheiten.

Eigentlich habe ich es mir dieser Tage recht komfortabel in meiner Komfortzone eingerichtet. Nomen ist da omen. Strukturierte Abläufe und erprobte Pläne schaffen den Rahmen, der in seiner Mitte kindliche Sorglosigkeit zulässt. Mehr noch. Diese Grenzen sind auch darüberhinaus wie Eltern, da sie die Miete bezahlen, die Wäsche waschen und darauf achten, dass ich meine Zähne putze und rechtzeitig ins Bett gehe. Sie sind Mauer und Anker und Kuppel. In ihrem Zentrum wird farbenreich gelacht und lautstark geblüht. Dort ist Sicherheit und Wärme. Ideenreichtum und Glück. Schutz und Freiheit. Denn diese Grenzen sind dynamisch. Lassen sich von innen verschieben. Erweitern, vergrössern. Stück für Stück den Raum zurück erobernd. Vermutlich werden sie sogar durchlässiger. Verblassen langsam in die Welt, da innen neue Festigkeit entsteht.

Dennoch kommt es hin und wieder vor, dass von außen an den Mauern gerüttelt wird. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ schreit es da in passender adventener Analogie. Ungeduld klopft an. Ich bin glücklich und fröhlich und frei und will gar nichts anderes machen oder machen müssen. Man versucht mich ausführlich davon zu überzeugen, dass ich falsch liege und eigentlich unglücklich und einsam und ohnehin zu wenig unter Menschen bin. Menschen. Ich grübele, ob es Sinn macht mich zu erklären. Oft verhaspele ich mich dabei, weil soviele Gedanken gleichzeitig an die Zunge drängen und kaum in der richtigen Reihenfolge rauszubringen sind. Die Nerven rasant, der Mundraum antiquiert.

Dabei will ich doch nur sagen, dass ich wie mein Spiegelbild bin. Ganz reflektiert. Dass ich wie eine Ameise unter dem Vergrößerungsglas bin. Ganz fokussiert. Dass ich dennoch manchmal gleichzeitig infrarot und ultraviolett bin. Nicht mit mir auf einer Wellenlänge. Aber am Ende immer klar und deutlich und hell. Ein bißchen erleuchtet. Keine Bauchentscheidungen. Abwägungen, Überlegungen, Einschätzungen. Entscheidungen nicht nolens volens sondern aus fester Überzeugung und als Ergebnis eines Prozesses. Fundiert auf Fakten. Auch wenn diese Fakten ihren Ursprung mithin in meinen verqueren Ansichten haben.

Dennoch martert man mich. Erklärungen werden verlangt. Für Unerklärbares. Die Lösung ist ohne den Lösungsweg nicht zu verstehen und der ist durch Zeit und Nacht und Grübeln so komplex, dass ich ihn selbst beinahe nicht mehr überblicke. Dennoch quält man mich. Zieht meine Intelligenz in Zweifel. Unterstellt übelfertige Absichten. Vermutet komplexe soziale Motive. Nichts könnte ferner der Wahrheit sein. Denn ich will ja gar nichts. Außer unbehelligt in der Komfortzone sitzen und den Wechsel der Helligkeiten betrachten. Meinen Gedanken nachhängen. Überlegungen anstellen. Mich entwickeln und die Mauern von innen verschieben, erweitern. Euch entgegen wachsen. Stabilität entwickeln. Hinter verblassenden Wällen. Ohne Druck oder Zwang. Aus freien Stücken. Mit aller Freude, die derlei wohl innewohnt.

2 Comments

  1. „Ich will doch einfach nur hier sitzen…“

    Schick den Querulanten einen Loriot- Klassiker….oder bleib einfach nur da sitzen!
    In dem Sinne: Eine schöne Zeit ! Hoffe, Du findest auch im nächsten Jahr so wunderbare, wenig abgeschliffene Worte! Freue mich immer wieder sehr über Deine Halbgedachtheiten!
    LG Heike Joost!

    PS.: Bis jetzt hat bei mir noch keiner einen Termin für Dich gemacht 😉

    • Henman

      Vielen Danks fürs Lob. Es ist Labsal, und dem Vernehmen nach wohl auch Brot, für die Künstlerseele. Nach derzeitigem Kenntnisstand erhalten alle Worte auch 2016 wieder neumodische Norwegerpullis und kecke Haarfrisuren und gestopfte Socken, damit sie gar hübsch daherkommen 🙂

      P.S.: Dass noch kein Termin zum professionellen Gespräch nötig ist, freut und beruhigt mich gleichermaßen

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