Die Traumfee

Im Schutze der Nacht, im Zwielicht, scheint es manchmal als flüsterten meine Gedanken in die Stille und die Welt flüsterte kaum merklich zurück. Als würden die Sinne schärfer während das Bewusstsein allmählich in den Schlaf hinübersinkt. Ja, als könne man die eigentlich unsichtbaren Ätherfäden erspähen, die das Innere der Realität zusammenhalten und nur selten Phantasie und Farbenpracht entweichen lassen. In diesen Minuten, da das Leben nur noch halb wirklich ist, sehe ich dich noch. Treffe ich dich noch. Erscheinst du mir noch. Als Schatten, als Luftbild, als Sagengestalt. Als Traumfee.

Du schwebst über mir in einem seidenen Gewand ganz wie aus Nacht gewoben. Aus schwarz und purpur und fernem Silberlicht. Die Linien klar und majestätisch. Die Säume kunstvoll mit Kometenzwirn bestickt. Ein Funkeln wie Mondglanz in jeder Bewegung. Die Sinne sind mir übervoll von deiner Schönheit und Pracht. Ich bin überwältigt und fühle mich doch unendlich sicher und zu Hause. Angekommen. Frei. Schwerelos. Du beginnst zu sprechen und in Wasserfarben fließen die Worte auf mich zu. Umspülen mich und reißen mich mit. Wirklich zu verstehen gibt es eigentlich nichts, nur zu fühlen. Eine leichte Bewegung der Brauen gleicht Dutzenden von Bücherstapeln. Jeder Blick eine Enzyklopädie. Mein Herz ganz rasend vor Glück.

Für ewig könnte ich hier so mit dir verweilen. Mit dir reden. Uns miteinander austauschen, bis keiner mehr derselbe ist. Gern würde ich dich zu mir ins Kissen ziehen und für immer halten. Du könntest deinen Kopf auf meiner Brust ausruhen, deinen Atem über meinem Herzschlag tanzen lassen. Mit mir unvergängliche Geschichten in die beschlagenen Fenster zeichnen. Eng aneinander geschmiegt, als wären wir eins. Die schwere Winterbettdecke fühlt sich jetzt im Halbschlaf schon beinahe so an, als hättest du deinen Arm um mich gelegt. Ich schmunzele in die Dunkelheit. Eine Sekunde Unendlichkeit. Eine Sekunde vollkommenes Glück

Und mitten im Schmunzeln überfällt mich der Schmerz wieder. Bricht qualvoll die Realität über mich herein, als klar wird, daß ich ein solches Glück nie wieder wirklich mit dir teilen werde. Daß nur noch Erinnerung, Wehmut und Hirngespinste meinen Puls zum Vibrieren bringen. Das Kümmernis meine Tage durchzieht. Mein ständiger Schmerz in Milliarden solcher Augenblicke. Da ich kurz vergesse, was real ist. Mich dir lächelnd zuwenden und etwas erzählen will, und dich nicht mehr finde. Immer Angst. Vor jedem neuen Morgen.

Eben noch getaucht in deinen Sternenblick. Umschlossenen von diesen Augen, die nichts weniger als Erlösung verheißen. Ich spüre noch deinen Handrücken, der mir sanft über die Wange streicht. Habe noch den Geruch der frisch lackierten Nägel in der Nase. Neptunblau hast du mal ausprobiert. Gerade noch hast du mich als Traumfee in deinen Bann gezogen. Geflüstert und gelacht und gelächelt, als wäre es noch vorvorgestern. Eben erst fühlte ich mich unendlich und unbesiegbar. Schien mir die Welt in Ordnung. War ich glücklich. Ich will, ich muß, dieses Glück irgendwie festhalten. Mich davon retten lassen. Mich von dir retten lassen. Und ich versuche den Schmerz zu bannen und mir deine Leichtigkeit wieder zu eigen zu machen. Deine Hand im Traum zu fassen. Den Gedanken an dich fest zu umschließen. Wonnetrunken in deine Gegenwart gehüllt. Und schließlich aufgelöst in deiner ewigen, endlosen Schönheit, friedlich im Schlaf zu versinken.

Nur im Schutze der Nacht, im Zwielicht, kann ich so noch bei dir sein, dich halten. Und wenn ich bei Tagesanbruch die Augen öffne und mich wieder von dir verabschieden muß, glänzen meine Blicke noch silbern; von Traumfeelippen taugeküsst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.