Die Teetasse

Teetasse

Ich habe mir ein Nest gebaut. Aus meinen vielen Kissen. Einen Unterschlupf, einen Kobel, einen Bau, ein Krankenlager, eine Lagerstatt. Ein sicherer Hafen, in dem die Wellen der Bewusstlosigkeit über mich hinwegbranden. Kleine Stücke meiner Zurechnungsfähigkeit reißen sie doch immer mit. Greifen wütend und mit feuchten Händen nach mir. Ein aufbrausender Sturm der Gedankenlosigkeit. Umhergeworfen wie Treibholz.

Hölzern ohnehin alles. Jede Bewegung ein knarzendes Ächzen. Die Glieder steif und schmerzensvoll. Wie Pinocchio komme ich mir bald vor. Pinocchio mit dem Holzwurm unterm Nabel. Da. Schon wieder. Der Ruf der Natur. Das wurmt mich gewaltig. Notgedrungen throne ich und warte. Schal kleckert mein Blick aus dem Fenster. Man kann den Herbst aufwachsen sehen. Wie sein orange-braunes Haar ungestümer wird. Der Mantel kalt und nieselig. Während der Sommer dahinscheidet, scheint mir auch meine Lebenskraft herbstlicher. Auf dem Weg aus dem Bad schaue ich mir im Spiegel ins Gesicht. Ackerfurchen und Verzweiflung. Frisur im Kampf mit Schwerkraft. Einzig meine Augen scheinen nicht so recht zu passen. Schimmern wie feuchtes Glas. Der günstige Schwippschwager von Diamanten. Sogar blauer als sonst. Saphirblick dank Körpermittenversagen? Oder zündet der Geist die Nebelscheinwerfer an und lässt sie aus den Auslässen lodern? Vielleicht weiß ich auch nur nicht wirklich, wie mein Spiegelbild mitten am Tag aussieht.

Mit zombiegleicher Eleganz schleppe ich mich wieder in meine Festung der Genesung. Weiche Wände für einen weichen Keks. Der Magen gluckst bei diesem Gedanken. Ständig verlangt er nach diesem oder jenem, obwohl ich eigentlich keinen Appetit habe. Schon längst habe ich aufgegeben der kulinarischen Anspruchslosigkeit von Zwieback zu entfliehen. Krümmeliges Vergnügen in Knackistan. Geschmacklich zwischen Putzschwamm und Kinderzahnpasta. Je nachdem, was die unterforderte Zunge sich so ausdenkt. Abwechslung erfährt sie nur durch den Tee. Ich trinke Unmengen davon und wechsle daher gern die Sorte. Zwar ist jeder Versuch eine standardisierte Geschmacksrotation anzulegen an meiner derzeitigen geistigen Bröseligkeit gescheitert, aber immerhin trinke ich kaum zweimal hintereinander dieselbe Geschmacksrichtung. Zäh, als wäre die Luft aus Sirup, wende ich den Kopf, um zu sehen, welches Gebräu derzeit auf mich wartet.

Grüner Tee mit Brennessel. Als „detox“ beschreibt der Hersteller die speziellen Fähigkeiten dieser Mischung. Ich fühle mich zwar derzeit allenfalls mit Geisteskrankheit vergiftet, aber gut zu wissen. Irgendwann nähern sich die Sorten geschmacklich sowieso an. Als ob man einen heißen Garten ablecken würde. Nur halt an unterschiedlichen Stellen. Ich nehme vorsichtig einen Schluck des noch dampfenden Aufgusses. Langsam, ölig bald, gleitet die heiße Masse meine Kehle hinunter und vermengt sich in der Körpermitte zu einem warmen Ball. Eine Wohltat. Ich atme laut mit schiefem Lächeln aus. Noch ein kleiner Schluck. Um Körper und Geist wieder in leistungsfähigen Einklang zu bringen. Damit dieses Vorhaben auch symbolisch klar wird, habe ich extra ganz hinten aus dem Schrank meinen N´Sync-Becher hervorgekramt. Keine Ahnung woher ich den habe oder wie lange schon oder, vielleicht am wichtigsten, warum ich ihn überhaupt besitze. Schließlich würde ich kaum behaupten ein besonderer Anhänger des musikalischen Schaffens genannter Kapelle zu sein. Bin wohl auch eher nicht die Zielgruppe.

Dennoch hat dieser verblasste Vierfarbdruck auf dem weißen Porzellan eine aufmunternde Wirkung. Wie sie dort hocken mit kaum erkennbaren Gesichtern. Wie sie Justin Timberlake stehend und groß und mit deutlichem Gesicht in die Mitte geschoben haben, weil wohl schon klar war, wer es auch allein zu etwas bringen können würde. Wie auf der gegenüberliegenden Seite fett und rot der Namenszug aufgetragen ist. „N´Sync“ schreit die Tasse. Als wolle sie mir sagen, dass ich endlich wieder eins werden soll. Mit mir. Und der Realität. Ich wäre durchaus geneigt ihr zuzustimmen, wenn nicht gerade wieder eine fiebrige Welle über mich hinwegschwappen würde. Sie reißt meine Kraftreserven mit sich und lässt mir einen hübsch glasig verklärten Blick da. In Zeitlupe stelle ich den Boybandbecher ab und beginne mich im Kissennest einzugraben. Es ist zwar erst Herbst, aber ich mache wohl erstmal einen kleinen Winterschlaf.

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