Die Singlebörse

Singlebörse

Breitbeinig und von einem Hauch von Arroganz umweht, lehnt die Plakatwand an der Bushaltestelle und hindert deren Dach vor dem Hinabstürzen. Ein Job mit geringen Aufstiegschancen aber reichlich Abwechslung. Jüngst erst hat man ihr ein neues Plakat auf das Wams gestickt. „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über PARSHIP“ steht da zu lesen und ich komme nicht umhin „Donnerwetter, Herr Vetter!“ zu denken.

Alle 11 Minuten. Fast 6 Neuverliebungen pro Stunde. Eine bestechende Quote im überlaufenen Markt der digitalen Eheanbahnungsinstitute. Und dann soll Deutschland allen Ernstes noch aussterben? Und dann ist es immer noch nötig, daß Landwirte fragwürdiger geistiger Möblierung im TV nach Kumpaninen fahnden? Und dann föhnt man sich extra noch den Bartflaum lockig, um, lässig an den Autoscooter gelungert, den ein oder anderen steilen Zahn zu becircen? Wie passen der markige Plakatslogan und die wahrgenommene Realität also zusammen? Recht gut, wie ein wenig Nachsinnen zeigt.

Selbst wenn wir uns einmal der irrationalen Annahme hingeben wollen, daß auf genannter Seite im 11-Minuten-Takt rosarote Brillen aufgesetzt werden, so sagt dies doch noch nichts über die Gegenseitigkeit aus. Denn die gestellte Aufgabe „Bringe zwei Menschen dazu sich in einander zu verlieben und bis ans Ende aller Tage glücklich und blöde grinsend durchs Leben zu stapfen“ ist keineswegs erfüllt, wenn ein schmierbäuchiger Wüstling sich durchs bebrüstete Angebot klickt und alle 11 Minuten neu verliebt. „Eine Veganerin, die gern Slipknot hört? Das passt ja perfekt. Ich habe hier diesen halbvertrockneten Kaktus, also durchaus Sympathien für Grünzeug, und hören kann ich praktisch schon mein ganzes Leben lang. Ich glaube ich bin verliebt!“. Doch sogar wenn die Liebessuchenden ernsthaft die Profile der potentiellen Kandidaten mit dem eigenen abgleichen, hindert der dem Digitalen eigene Mummenschanz sie daran eine realistische Einschätzung zu treffen. Viel zu leicht ist es, bei den Fragebögen zu betrügen. Sei es bloß aus fehlerhafter Selbsteinschätzung oder dem niederen Bedürfnis sich interessanter zu machen.

Nur weil dir noch niemand vorgeworfen hat, das kredenzte Mahl sei ein rechter Schlangenfraß und eine Zungentransplantation derzeit mehr als wünschenswert, kannst du bei „Hobbies“ nicht einfach leichtfertig „Kochen“ ankreuzen. Nur weil man weisungsgemäß volles Brett auf das Reh zuhält, welches nachts die Straße quert, anstatt riskant drumherum zu kurven, ist man noch lange nicht „tierlieb“. Nur weil man die letzten zehn Jahre wegen Ehegattensplittings behelfs einer Axt im Knast zugebracht hat, ist man noch lange nicht „häuslich“. Und nur weil man sich die ganz merkwürdigen Internetpornos, in denen Gegenstände und Körperöffnungen miteinander Bekanntschaft machen, die nie voneinander hätten hören dürfen, mit großem Eifer zu Gemüte führt, ist man noch lange nicht „sexuell aufgeschlossen“.

Schreiben beziehungsweise ankreuzen tun sie es aber alle. Man will ja gut dastehen. Der erste Eindruck zählt. Die Furchen und Unebenheiten des Lebenslaufes sind da hinderlich. Obwohl vielleicht gerade diese Fehler und Macken der Lackmus-Test für eine möglicherweise längerfristige Bindung sein können. Kann man auch bei schwindender physischer Anziehungskraft, oftmals bedingt durch die Anziehungskraft der Erde höchstselbst, die einst so putzigen Unzulänglichkeiten tolerieren, ja gar liebgewinnen? Sieht man sich in der Lage dauerhaft mit einer Zähneknirscherin oder einem Schnarcher die Schlafstatt zu teilen? Ist ein „Bäuchlein“ auch noch attraktiv, wenn es sich über die Jahre zu einer ausgewachsenen Altkleidertonne transformiert? Ist das mit leichtem Strich aufgetragene Make-Up auch noch so betörend, wenn sich auf die Dauer darunter Faltengebirge himalayischen Ausmaßes verbergen?

Und was schon beim persönlichen Kennenlernen schwer einzuschätzen ist, wird beim digitalen unmöglich. Dem Hang zur Selbstüberhöhung geschuldet. Von dem niemand sich frei machen kann. Kein Wunder also, daß sich alle 11 Minuten jemand verliebt, wo doch nur fleischlich korrekt proportionierte und mit interessanten Charakteren ausgestattete Paarungswillige zur Auswahl stehen. Keine grauen Mäuschen oder alkoholkranken Schlägertypen. Keine Furien oder großmäuligen Waschlappen. Nur A-Ware. Da malt man sich rasch Hals über Kopf eine Zukunft aus, welche, unter objektiven Gesichtspunkten betrachtet, höchstens in einem Paralleluniversum mit fliegenden Birken und bellenden Wäschetrocknern stattfinden könnte. Zack – verliebt!

Selbst, daß jede Hoffnung auf Erwiderung dieser größten aller Romanzen schon bei der ersten Kontaktaufnahme scheitert, scheint wenig abschreckend. Denn egal mit wieviel Fehleinschätzung oder Bösartigkeit du dir ein unrealistisches Profil zusammengezimmert hast, irgendwann muß deinen hochtrabenden Behauptungen auch tatsächliche Substanz beigemengt werden. Da hilft es nicht viel eingangs „Chefarzt einer hirnchirurgischen Privatklinik von Weltrang“ einzutragen, wenn du hintendran deine private Nachricht mit „Na, Bock zu ficken du geiles Stück…“ eröffnest. Oder im vorgenannten Satz „ficken“, „Bock“ und „geiles“, sagen wir mal orthographisch unorthodox auftreten lässt. „Na, Bog zu fiken, du geilen Stück…“. Der derart Angeschmachteten dürfte recht flott bewußt werden, daß du keinesfalls mit der Obsorge verschlissener Hirne betraut bist und sicher auch nicht, wie an anderer Stelle behauptet, zu den „mehrfachen olympischen Bronzemedaillengewinnern im Frisbeegolf“ gehörst. Anstatt dir also willfährig ihre Fortpflanzungsorgane entgegen zu recken, wird sie dir wahrscheinlich viel lieber eine kleben wollen. Weil du ihre Zeit verschwendest. Sie muß sich eilen. Die hormonelle Uhr tickt. Das unterdessen sie selbst nicht ganz richtig tickt und das Konfliktverhalten eines tollwütigen Waschbären hat, stand natürlich auch nirgendwo. Vielleicht sogar noch einmal Glück gehabt.

Während mir all das also durch die Birne schießt, als ich an der übermütigen Plakatwand vorbeigehe, entscheidet sich rasch, daß dergestalt im Wallungsbereich wohl nichts zu deichseln ist. Der hierzulande auf derartigen Portalen lastende Schatten der Verzweiflungstat tut sein übriges. Denn wenn ich eines nicht bin, dann ist es verzweifelt. Eher im Gegentum. Denn auch wenn die Dinge sich vielleicht etwas langsamer entwickeln, wenn man sie nicht forciert, antreibt oder eben aktiv zu ändern sucht, so zeigt mir die Erfahrung doch, daß das Leben gern einmal überraschende Wendungen zu unvermuteten Zeitpunkten präsentiert. Urplötzlich neue Blickwinkel eröffnet. Eben mal so alles vermeintlich Gekannte auf links dreht. Voller Wohlwollen jedoch und einfach um die Nummer interessant zu halten. Und dann denkst du lächelnd „Donnerwetter, Herr Vetter!“ und genießt die Schönheit des Augenblicks, welche ein 11-Minuten-Takt nie bieten könnte.

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