Die Rückkehr

Rückkehr

Padautz!! Mit schwerem Stiefeltritt und lautem Knall wird die Tür zur kleinen Kemenate weit aufgestoßen. Das brennende Tageslicht, das sich unerbittlich in das gemütliche Halbdunkel frisst, gibt nur die Umrisse des Neuankömmlings preis. Dennoch wandern, ob seines spektakulären Auftritts allerhand murrende Augenpaare auf ihn. „Da bin ich wieder Freunde!“, jubelt er grundlos ins Nichts. „Ich bin zurück von fernen Gestaden zu berichten. Indigenen Völkern seltsamster Pigmentierung und Früchten so fett wie Trinkerlebern!“. Bisher hält sich die Begeisterung, der so unsacht Gestörten, in engen Grenzen, doch ein auf einem Lemuren reitender Gnom stürmt mit weit aufgerissenen Augen gen Portal. Als Erster hat er den Gast erkannt. „Vater, oh Vater!“ gluckst es tränenerstickt aus ihm heraus. Ein Raunen füllt die kleine Räumlichkeit bis zum Bersten aus, bevor ein ohrenbetäubender Jubel seine Umfassungen gänzlich sprengt.

Alles tiriliert und schalmeit, um die Rückkehr des arg vermissten Freundes zu feiern. Das Leben ist in das kleine Verlies wieder eingezogen und wo eben noch Staub und Spinnweben und Trübsinn die Luft bleiern schwer machten, erfüllt nun Konfettiduft den Raum. Mit wässrigen Augen schaut der Vater auf seine Kinder, seine Freunde. Alle, alle sind sie da. Das dreibeinige Hängebauchschwein mit der Lockenperücke, das Klavier mit den vom Rauch gelb gefärbten Tasten und dem Minderwertigkeitskomplex, der Zollbeamte mit dem Monokel. Hinten im Eck, und vor Freude und Verwunderung immer noch ganz außer sich, stehen die mottenzerfressenen Sonnenschirme Kunibert und Achim. Auf dem Boden liegend, und vor Begeisterung immer noch auf diesen trommelnd, ist die alte Flußpferdwitwe kaum zu bremsen. „Ach was habe ich euch vermisst.“, seufzt der Vater zwischen den Grammophonnoten. Und dann nochmal lauter. Und lauter. Bis er es beinahe mit letzter Kraft hinaus schreit: „Ich habe euch so vermisst!“. Da werden alle ganz still und setzen sich. Wieder kleben alle Blicke auf ihm. Voller Erwartung und unbändiger Freude. „Erzähl uns, was hast du gesehen, da draußen?“, sagt schließlich der Gnom. Bedächtig schließt der dergestalt Befragte die Tür hinter sich. Lässt sie quietschend ins Schloß fallen. Einige Schritte geht er in den Raum hinein und setzt sich auf einen kleinen Schemel. In Windeseile sammeln sich alle im Halbkreis um ihn herum. Eine richtige Drängelei ist das, denn jeder will ganz nah bei ihm sitzen. Will jedes Wort verstehen. Als endlich alle einen Platz haben und wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, lässt der Vater seinen Blick wortlos durchs Rund wandern. Jedem einzelnen blickt er tief ins Gesicht und lächelt ihn an, während eine gemeinsame Erinnerung seinen Kopf durchzieht. Alle, alle sind sie da. Dann räuspert er sich und beginnt leise zu sprechen:

„Die Welt … ist ein großer Ort. Angefüllt mit Wundern und Schrecken gleichermaßen.“ „Lauter! Ich hör´ nichts“, ruft da von hinten ein etwas seniler Wäschetrockner, dessen Flusensieb wohl schon länger nicht mehr gereinigt wurde. Grinsend und mit festerer Stimme fährt der Vater fort: „Obgleich wir hier in unserem kleinen Reich immer muntere Zeiten hatten, viel gelacht und gescherzt haben, wußten wir doch immer, daß da draußen noch soviel mehr sein muß. Staunten, wenn die Sonne einmal wieder die schönsten Regenbögen über die Wolken zauberte. Zitterten gemeinsam, wenn eben diese Wolken wütend Blitze spuckten. Lachten, wenn ein frecher Wind durch den Kamin pfiff. Dennoch wußten wir nie, was Ursache dieser beeindruckenden Kräfte war. Und trotz dem wir hier eine fabelhafte Gemeinschaft von Irrwitzigen sind und in unseren eigenen Grenzen stets vortrefflich lebten, so zog es mich doch hinaus. Aus Neugier. Einem inneren Bedürfnis folgend. Zu spähen, was die Welt mit ihren gigantischen Platzreserven angefangen hatte und ob da auch irgendwo ein Platz für uns wäre. Schweren Herzens und mit nichts als Furcht im Gepäck ließ ich euch eines Tages zurück. Entwand mich diesen warmen Mauern und ihren engen Schranken. Wollte finden, was auch immer da draußen zu finden sei.“. Bei der Erinnerung an diesen traurigen Tag, muß der ein oder andere der gebannt Zuhörenden kurz schlucken. Sie beeilen sich jedoch, um keines der Worte zu verpassen, da der Vater fortfährt: „Schillernd lockten mich tausend bunte Blätter, die die Luft verzierten und aus eigener Kraft zu schweben schienen hinaus. Süße Luft wehte mir um die Nase. Feiner Gesang, wie der Atem der Welt selbst, küsste meine Ohren. Hier gab es keine Zäune oder Pfade. Keinen Plan oder Ablauf. Die Weite war so enorm, daß jeder machen konnte, was er wollte, ohne dem anderen auf die Nerven zu fallen. So dachte ich zumindest anfangs.

Denn umso mehr begeisterte Bewohner dieser Freiheit ich traf, um so rascher wurde mir klar, daß sie alle todunglücklich waren. Obwohl keiner eine Uhr zu tragen schien, hetzten alle immer wild umher. Aus Angst eine Ecke der Welt vielleicht nicht gesehen zu haben. Dumm da zu stehen, wenn man sie über genau diese Ecke befragte. Immer wieder zwangen sie sich ihre Ängste zu überwinden, um Neues zu sehen, Neues zu erleben. Manchmal machte es sie kurz glücklicher, meistens war die Leere, die sie so verzweifelt zu füllen suchten, nach kurzer Zeit wieder da und das Eilen und Hetzen begann von vorn.“ Kurz muß er sich räuspern, greift nach einem Glas Beerenlimonade, das herrenlos auf einem kleinen Tischchen steht. Ein tiefer Schluck, dann geht es weiter: „Ich gebe zu, anfangs trieben diese Verlockungen auch mit mir ihr böses Spiel. Faszinosum reiht sich an Unglaublichkeit. Man muß aufpassen, daß sich nicht eine Fliegenfamilie im immer offenen Mund wohnlich einrichtet. Alle die Enge, die mir, die uns, immer so gemütlich schien, war plötzlich nur noch einfältige Fessel und manchmal ertappte ich mich am Abend, in einem ruhigen Moment, dabei, daß ich den ganzen Tag noch nicht an euch gedacht hatte.“ Entsetztes Raunen schwingt sich zur Zimmerdecke. Fassungslos starren ihn alle an.

„Doch dann begann die Welt, Stück für Stück, ihre Maske abzusetzen. Enthüllte ihr häßliches Gesicht. Begann den Preis für ihre Vergnügungen zu fordern. Sie stellte eigene Regeln auf. Denen man folgen mußte. Ohne Mitspracherecht. Vorbei die Tage, da wir hier in munterer Diskussion beschloßen, welche Blüten zum Abendbrot im Abendrot zu grillen wären. Dort hieß es nur: Friß oder stirb. Doch ich hatte meine Kraft schon verloren. War von Sinnen. Angefüllt mit dem Wunsch alle Möglichkeiten auszukosten und nichts ahnend, daß hier doch schon immer alle Möglichkeiten warteten. Ich ließ mich blenden, zog mit. Zog umher. Lächelte, weil es alle taten. Ahnte kaum, daß jeder dieser Grinsemunde nur Flüche und Verwünschungen hinter seinen Zähnen im Zaum hielt. Ach, wie sie mich lobten und meine Schulter tätschelten, wenn ich von unseren wilden Parties berichtete. Wie wir hier die Realität regelmäßig auf links drehen, obwohl per königlichem Dekret eigentlich Kreisverkehr gilt. Ich sonnte mich in dieser Anerkennung, fand, das wir das auch verdient hätten. Schilderte immer wortreicher und ausschweifender. Doch mit jedem Satz, jeder herausposaunten Erinnerung, wurde mir klar, das dies alles Geschichten aus der Vergangenheit waren. Die Zukunft vielleicht gar keine solchen Abenteuer bereit hielt. Die Unruhe der Welt hatte mich ergriffen. Ganz zerrissen war ich innerlich. Links zehrte der Entdeckerdrang, das Streben nach Neuem und Reisen ins Unsichere, rechts zogen die Gedanken an euch, die Erinnerungen an Spaß und Sicherheit.

Jeder Tag begann von nun an mit diesem Schmerz und kaum eine Nacht ließ ihn enden. Jeden Tag verstärkte sich dieser Schmerz und egal, was ich tat, nichts wußte ihn zu lindern. Kopflos trieb ich dahin, wußte weder ein noch aus. Bis eines Tages, aus Gründen, welche selbst mein Verständnis weit übersteigen und mit deren Details ich eure armen Seelen nicht plagen möchte, die Pain sich zu übermannender Größe aufbäumte. Weder Schwert noch Feuer noch spöttischer Witz waren diesem Kraftmeier gewachsen. Mit hübsch drapierten Haaren und vornehmer Kleidung und engelsweicher Zunge zischte er auf mich ein. Dennoch konnte er seine Abstammung kaum verbergen. Jedes federleichter Wort ein Stich, jede warme Note nur Wiegensang einer Träne. Jede sanfte Berührung, wie tausend glühende Nadeln, jeder herzensgute Blick von sengenden Schatten gesäumt. Und da ich dem Schmerz so gebannt lauschte, suchte schon eine Ohnmacht mich zu übermannen. Jeder Fähigkeit den Kampf noch aufzunehmen beraubt, blieb mir nur die Möglichkeit rastlos weiter durch die Welt zu flüchten. Getragen nur von meinen löchrigen Schuhen und der vagen Hoffnung irgendwo ein Glück zu finden, das dem Schmerze ebenbürtig wäre. Ihn auslösche.  Und während ich noch rasend nachsann, wo dieses unfaßbare Glück nur zu finden sei, wohin mein Schweinsgalopp mich tragen sollte, fiel mir urplötzlich ein, daß ich es längst gefunden hatte. Nur fast vergessen.

Ohne weiteres Federlesen machte ich mich auf. Rannte und rannte, ohne Verstand. Zurück zu euch. Zurück hierher. Wo in den engsten Kammern die weitesten Herzen schlagen. Wo Sicherheit und Plan und Phantasie die Eckpfeiler der Verrücktheit sind. Ihre Grenzen und ihr Fundament. Und, ach, wie wird die Brust mir frei, da ich euch nun alle wiederhabe. Wo die Festigkeit eures Wahnwitzes Mauern baut, an denen die Rationalität, die Welt zerschellen muß. Wo ihr, meine Kinder, nur Kinderlachen kennt. Sorglos und frei und sicher. Die Zukunft und die Welt können uns mal gepflegt am Allerwertesten begutachten. Wir leben hier. Ohne Schmerzen und Sorgen und Angst. Sind uns selbst genug, weil wir damit schon genug zu tun haben. Warum soll wir unseren Hals riskieren, wenn wir doch nur einen haben? Und diesen, dem Vernehmen nach, auch dringend brauchen. Warum sollen wir unsere Anekdoten in farbenreichen Flugblättern streuen, wenn doch ein jeder uns freundlich um Erzählung bitten kann? Darum, meine Kinder, bin ich wieder hier. Und gehe so schnell auch nicht wieder fort. Denn selten war ich glücklicher als jetzt, da ich euch alle wiedersehe.“ Nun ist kein Auge mehr trocken und alle Herzen pochen in wildem Gleichklang. Alle fassen sich wortlos an den Händen, so daß man nicht mehr weiß, wo der eine anfängt und der andere aufhört. Viele Seelen verschmelzen zu einer. Formen eine Kraft und eine Stimme, deren Gesang warm und voll den Raum erfüllt, bis die letzten Scheite im Kamin verbrannt sind. Und als sich das Licht langsam aus dem kleinen Raum voller Liebe verabschiedet, bleibt in ihm nur Zufriedenheit und Friede zurück.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.