Die offene See

Allmählich verliere ich mich in der Uferlosigkeit dieser merkwürdigen Tage. Alles ist offene See. Ohne Leuchtfeuer oder Eilande. Ohne Sternbilder und Sextanten. Ein flauer Wind kräuselt die Häupter der Sekunden leicht. Sie scheinen regungslos und ewig. Eine kaltherzige Sonne brennt mit unerbittlicher Hitze hernieder. Meine Lippen sind aufgesprungen, die Haut faltenreich vertrocknet. In mir ist tiefe Dunkelheit.

Die Grenzen der normalen Einsamkeit sind weggebrochen. Ihre Umrandung fehlt. Und so fließt sie nun munter durch alle Stunden und Atemzüge und Gedanken. Greift mit schwarzer Hand an die Hälse der Ideen und schnürt ihnen die Luft ab. Das gerissen brutale Vermissen, mit dem sich ansonsten immer ganz gut verhandeln ließ, lacht mir nun spottend ins Gesicht. Es ist zu neuer Stärke herangewachsenen. Nun, da die Welt sich aufzulösen scheint, brauche ich dich mehr denn je. Als Fixpunkt in einer verschwimmenden Realität.

Noch viel größer und leerer scheinen die Tage nun ohne dich zu sein. Meine Existenz viel sinnloser. Einzig Einsamkeit, die von Warten zusammengehalten wird. Sorge um dich mischt sich immer wieder darunter. Die nagende Frage, ob es dir gut geht, du geschützt bist. Ein Schmunzeln mischt sich ab und an darunter. Wenn ich an deinen warmen Blick, dein Lachen denke. Sehnsucht mischt sich oft darunter. Besonders in den Momenten, da alles unendlich still ist. Wenn es sich anfühlt, als würde ich fallen und einfach nur nach deiner Hand greifen will.

Zaghaft habe ich versucht Kontakt herzustellen. Jede Nachricht übervorsichtig formuliert. Aus Angst dich zu überfordern oder zu verwirren oder unbewußt zu kränken. Aus Angst, ich könnte etwas Falsches sagen. Dabei versuche ich nur dir nah zu sein. Ein wenig näher zumindest. Weil ich mich in deiner Nähe stark fühle. Und wichtig und klug und frei. Wenn ich neben dir bin, sind alle Ängste Nebensache. Und so versuche ich flüsternd ein wenig deiner Aura zu erhaschen, weil gerade jetzt die Furcht mich unter Wasser drücken will.

Endlos scheinen die Ozeane dieser Tage zu sein. Jeder Tropfen eine Doppelstunde. Ich vermische und vermenge mich mit dieser Weitläufigkeit. Vergehe in ihr. Alle Dämme, alle Konstanten sind weggebrochen. Ringsum nur ewiger Horizont. Alle Existenz, alles Dasein anscheinend sinnlos. Es fehlt auch die Kraft, um neue Sinnhaftigkeiten zu entdecken. Längst ist das Fernrohr in den Tiefen der See versunken. Längst starre ich myopisch in die Ferne. Tränen im milchigen Blick. Längst fehlt den Gedanken jeder Tiefgang. Es ist nur noch Dahinleben. Ziellos. Einsam. Alles ist offene See in diesen merkwürdigen Tagen.

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