Die Nachtgedanken

Die Nachtgedanken

„Kann ich dir sagen, was ich wirklich denke?“, fragt er ins Lavendellicht des Vorabends hinein. „Was ich wirklich, wirklich denke?“. „Klar. Immer.“, antwortet sie. Ihr Kopf liegt sanft auf seinem Arm, seiner Schulter. Schwebt im Takt seines Atems. Er kann ihre vanillenen Gedanken riechen, schmeckt die warme Aura. Nahrung für seinen Herzschlag, der den ihren in vollendeter Synchronität zum Tanze bittet.

„Das ein oder andere Schaltjahr habe ich ja auch schon mitbekommen.“, beginnt er, „Den ein oder anderen Winter vorüberziehen und diesen und jenen Sommer aufblühen sehen. Genügend Zeit also, um sich so seine Gedanken über die Dinge zu machen.“ Seine Stimme ist warm, nur fast zu leise und fließt in angenehmer Entspanntheit in den Raum. „Und selbst wenn ich weiß, daß mein Verständnis endlich ist, ich niemals alles wissen oder erfassen kann, so dachte ich doch immer ich hätte mir einen groben Reim auf die Welt gemacht. Welche allgemeinen Regeln und Prinzipen gelten. Welche physikalischen Gesetze alles zusammenhalten. Was Menschen ausmacht und wie menschliche Beziehungen funktionieren. Was Licht ist und was Schatten. Und dann kamst du.“

Sie hört, daß sein Blut schneller rauscht. Sanft streicht sie über seinen Arm, um ihn zu bestärken. „Bitte. Weiter.“ Er räuspert sich vorsichtig und fährt fort: „Oft wenn ich dich anschaue, ist es als würde ich völlig neu sehen lernen. Als öffnete ich zum ersten Mal die Augen, nach ewiger Nacht. Deine Züge, dein Gesicht, wie ein Sonntagmorgen. Warm und weich. Unsagbar schön, beinahe nicht wahr. Ohne Zeit. Jeder empfindungsvolle Blick lässt einen mit ganzem Herzen glauben, daß es niemals wieder Montag wird. Bezaubert, verzaubert, begeistert ruht mein Blick auf dir.“ Wild tanzt sein Herz nun ihm Brustkorb. Mit einer Kraft, welche mühelos zweien genügen würde. Nur vom herausspringen zurückgehalten durch die Rippen, die sich wie Gitterstäbe um es legen. Beinahe bricht ihm die Stimme weg, als er weiter spricht.

„Ich betrachte dich und denke schon in Poesie. Will deinen Zwillingsgestirnblick loben, dessen kraftvoll schöne Sonnenstürme von deinen Lidern bedeckt werden. Leicht, wie Morgennebel, in schwereloser Liebkosung. Ich fühle beinahe wie sie sich atmend heben und deine Augen aus flüssigem Licht freigeben. Zu strahlen, zu scheinen, zu glühen, zu wärmen. Ich möchte über deine Wange streichen. Duftendes Engelsflüstern, das deinen Blick unterstreicht.“. Nun schwinden ihm die Worte und eine ungewisse Stille wächst an. Zwei, drei Mal schluckt er. „Was ist? Sprich weiter.“, muntert sie ihn auf. Presst sich enger an ihn, umschlingt ihn beinahe. „Was ist? Sag schon.“.

„Ich weiß nicht. Ich wage mich ja kaum derartiges zu denken, zu schreiben, gar auszusprechen. Beinahe lächerlich muß man sich ja vorkommen, wenn man sich so jauchzend von der Flutwelle der Emotionen hinfort spülen lässt. Keine Wälle, keine Dämme, keine Abwehr aus Rationalität oder Verstand. Entgegen aller Sozialisation. Pures Bauchgefühl. Hormone, die Lambada tanzen. Und dann ist da dieser süße, bittere, warme Schmerz, der mir das Vermissen misst. Wilder innerer Aufruhr, der deine Abwesenheit anzeigt. Orange und lila und türkis fühlt sich, füllt sich, die Körpermitte an. Ein Loch in den Gedanken, wo du sonst bist.“ Wieder schluckt er und als ihm klar wird, daß er schon längst den Mut gefunden hat alles, alles zu sagen, weilt sein Herz schon auf der Zungenspitze. Er fasst sich etwas und fährt kräftiger fort.

„Und wenn ich dich so vermisse und so gerne mit dir reden möchte, weiß ich oft gar nicht über was. Vermutlich möchte ich nur deine Stimme hören. Reicht das als Begründung um anzurufen? Darf man das sagen: ‚Der Grund meines Anrufes? Du.‘? Ich denke dann darüber nach, warum du mir so fehlst und bin immer wieder immens verzückt darüber, dass deine wundersame, ehrfurchtgebietende Schönheit, zu deren Beschreibung ein normaler Wortschatz kaum ausreicht, bei weitem nicht das schönste an dir ist.

Selbst die kantigsten Buchstaben und sperrigsten Sätze wirken sanft und erlesen wenn deine Lippen ihr Quell sind. Deine Worte füllen mich an, füllen mich aus, füllen mich auf. Füllen mich ab, machen mich freudestrunken. Du bist witzig, gewitzt und wundervoll. Ein Beleg für die Evolutionstheorie. Genetisch tiptop beieinander. Die Krone der Schöpfung. Und ihr Zepter. Wenn du lachst, bin ich glücklich. Als hätte ich die zehn besten Ideen meines Lebens gleichzeitig. Wenn du lächelst, brenne ich mit Zuversicht. Wie du die Dinge angehst, die Welt siehst, Probleme löst. All das inspiriert mich. All das löst auf, was ich über das Leben und seine Regeln zu glauben wußte. All das macht mich glücklich.“ Und er räuspert sich ein letztes Mal: „Du machst mich glücklich“.

Einige leichte Sekunden der Stille hallen nach. Langsam schiebt sie sich zu seinem Gesicht empor und küsst ihn. Es scheint als könne sie trotz der Dunkelheit tief in seine Augen sehen. Wandernd gleitet ihr Blick an der Verletzlichkeit seiner Mine entlang und sanft wandelt sie sie in ein glückliches Grinsen. „Du machst mich glücklich!“.

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