Die Mittagspause

Mittagspause

Ganz ruhig ist es hier. Ich sitze wieder auf meiner Bank und starre Löcher in die Luft. Wie dicke, bräunlich gelbe Regentropfen segeln hunderte Blätter zu Boden. Bedecken das rissige Pflaster mit einem Teppich aus Vergänglichkeit. Fröhlich pfeift der laue Wind um sie herum, lässt sie im Sinken tanzen. Knisterndes Flüstern, gedämpftes Rascheln rahmt die Stille. Ganz ruhig ist es hier.

Der Wiese am anderen Ende haben sie wohl vorhin einen neuen Haarschnitt verpasst. Ganz akkurat. In alternierenden Bahnen von links nach rechts. Amüsiert erfreut sich ein Elsterntrio an den neuen Gegebenheiten. Durchforstet die Halme nach Nahrung. Ich weiß gar nicht genau, was sie zu vertilgen gedenken. Vermutlich Blattläuse. Daher auch ihr Grinsen. Weil man an die Läuse besser herankommt, wenn der Rasen eine Kurzhaarfrisur trägt. In der weitläufigen Überfülle hat sich das Triumvirat aufgeteilt. Jede hat ihren eigenen Claim. Mit exklusiven Schürfrechten. Es ist genug für alle da, kein Grund sich bei der Nahrungssuche ins Gehege zu kommen. Ab und an tritt eine auf ein Blatt, das mit lautem Knirschen nachgibt. Ansonsten ist es ganz ruhig hier.

Gedankenverloren betrachte ich das instinktive Kopfgewackel und Bodengescharre und Halmgepicke der Vögel. Langsam bekomme ich auch Appetit. Selbst fressen macht fett. Und die Zurschaustellung der Selbstversorgung hungrig. Glücklicherweise habe ich mir eben selbst etwas besorgt. Durch die Alufolie hindurch wärmt ein soeben frittiertes Backfischbrötchen meine rechte Hand. Da kann so eine Elster nur von Träumen. Obwohl sie vermutlich die ein oder andere glänzende Münze zur Bezahlung von transportablen Fischstäbchen vorrätig hätte. Langsam gebe ich meinem Blick Fokus, sammle die Sinne ein. Mit viel zu lautem Knistern entferne ich die Schutzschicht der Mahlzeit. Im Augenwinkel kann ich sehen, wie eine Elster interessiert von ihrem Tagwerk aufblickt. Wahrscheinlich hat sich ein Lichtstrahl in der Aluhülle verfangen und lässt sie direkt ins Vogelhirn funkeln. Unbeirrt setze ich das prasselnde Entblättern des Frittierguts rasch fort. Nur noch ein kurzer erleichterter Pfiff, weil ein dicker Tropfen Remouladensoße knapp an meinem Bein vorbei zu Boden segelt, dann ist es wieder ganz ruhig.

Eine echte Schönheit ist der Bratling, welcher eben noch so mopsfidel im Frittierfett schwamm eigentlich nicht. Aber Aalfred, der mir drei Euro für Rohstoffe und Zubereitung abgeknöpft hat, hat ihn mit Liebe handgefertigt. Krachend zerschneidend mein Gebiss die Kruste und ich beginne zu kauen. Der Blick wandert auf das nun freigelegte Innere der Speise. Ja, ist schon Fisch. Aber was für einer nur? Hätte man auch mal fragen können, anstatt nur geistlos zu konsumieren. Nicht das ich hier am Ende Delphinpuperzen und Blauwalblaslöcher in mich reinschaufele. Danach schmecken tut es erst einmal nicht. Obwohl ich keinen Referenzgeschmack in meinem Erinnerungsvermögen habe. Naja, wenn genannte Reste der Verwertungskette dieses Aroma haben sollten, munden sie ganz vorzüglich. Unmerklich nicke ich meiner Zunge anerkennend zu, während der Blick schon wieder in die Stille verschwimmt. Nur der raschelnde Tod der herabstürzenden Blätter, ansonsten ist es ganz ruhig.

Keine Menschenseele weit und breit. Als ob man ganz allein wäre auf der Welt. Als Passante am Erdenrund vorbeischleicht und aus der Distanz das Treiben mustert. Gut so. Mit der linken Hand fische ich das Mobiltelefon aus dem Rucksack. Wie hübsch die Baumfrisuren hier auf den Boden haaren, sollte mal notiert werden. Flink und geübt gelange ich zur nötigen Applikation, wo dann das Elend wieder einsetzt. Mit dicken Fingern taste ich einhändig Kauderwelsch auf die LCD-Leinwand. Glücklicherweise kennt mich das Gerät und errät zumeist beinahe richtig, was ich eigentlich sagen wollte. So enthält der entstandene Text am Ende zumindest genügend Anhaltspunkte auf den festzuhaltenden Gedanken, um ihn nachdenken zu können. Ich senke die Hand und hebe den Kopf. Ziellos starre ich die Welt an und grübele, ob noch etwas vermerkt werden soll. Ich bemerke erst einmal nichts und beiße kraftvoll in den panierten Fisch mit dem Salatsmoking. „Ach siehste“, denkt die Murmel da, „schön ruhig ist es hier“. Und während ich kauend den Fischsaft meine Zunge umspielen lasse, notieren es die wurstigen Finger.

Und da ich nun ohnehin meine Anmerkungen zur Wirklichkeit erweitere, bietet sich die Gelegenheit zu prüfen, was es kürzlich eindrückliches festzuhalten gab. Mit wischender Geste navigiere ich mich durch die Erinnerungen. Alles nur angerissene Fragmente. Zurufe, welche den alten Gedankenfluß wiederbeleben sollen. Wisch, weiter. Wisch, weiter. Die Zeit ist knapp und ich kann gerade nicht jedes geistige Fass neu aufmachen. Wisch, weiter. Da bleibt das Unterbewußtsein an einigen Zeilen von Erich Kästner hängen. Ganz gewitztes Bürschchen eigentlich. Traut man ihm oft gar nicht zu. Mit den ganzen fliegenden Klassenzimmern und doppelten Lottchens. Und während mein Blick über den goldenen, sonnendurchwirkten Blattvorhang und durchs Rund streift, hallen seine Worte in meinem Kopf nach: „Einsam bist du sehr alleine. Aus der Wanduhr tropft die Zeit. Stehst am Fenster. Starrst auf Steine. Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben. Weißt Bescheid.“

Ganz ruhig ist es geworden. Während die Aussicht zwischen gelb und braun und grün und Stein verschwimmt. Der Wind scheint etwas kühler und rücksichtloser, wie er mir so spottend um die Nasenspitze pfeift. Das Bewußtsein zieht sich ins Innere zurück. Wo es warm ist. Keine Menschenseele weit und breit. Schade eigentlich. Fast kann ich mich von außen, von oben, sehen. Wie ich da sitze mit dem halben Backfisch in seiner Aluhose. Auf der Bank aus braun lackiertem Holz, die auch schon bessere Tage gesehen hat. Umschwebt von blätternem Wandel, Vergänglichkeit, Zerfall. Als atmendes Zentrum einer Welt, die die Luft anhält und doch nur bis zur Nasenspitze reicht. Dahinter tobt das Leben. Dahinter sind sie alle. Und wollen irgendwohin. Oder kommen irgendwoher. Oder sagen irgendwas. Ganz hektisch und laut. Hier ist es still.

Hier unterhalten sich nur die Stimmen im Kopf miteinander. Erzählen, was die Augen berichten. Was die Nase sieht, der Mund hört. Manchmal streiten sie sich, geben Widerworte, aber eigentlich sind sich immer alle einig. Schöne, einfache Welt, in der man immer recht hat. Nur auf sich Rücksicht nimmt. Nur seine Ansichten halbgar hinterfragt. Schöne, zu einfache Welt. Ganz melancholisch wird mir obenrum. Könnte der Herbst sein. Oder Autosuggestion. Was weiß ich, ich bin ja kein Tierarzt. Jedenfalls weiß der Herbst mich gekonnt aus dem inneren Exil zu lösen.

Padautz! weht er mir das dickste und feuchteste Blatt, das verfügbar war, in den treudoofen Blick. Da biste aber ganz flink wieder Herr deiner Sinne. „Ähh“ ekelt sich der erschrockene Geist und „Menno“ artikuliert es die Zunge. Zeitlupe beendet. Die Welt nimmt wieder Fahrt auf. Ich bin zwar nur Beifahrer, sitze aber immerhin wieder im Auto. Mit letztem Knistern wird der Backfischparka zusammengeknüllt und in den Mülleimer bugsiert. Rasch das Verdauungsnikotin in Flammen gesetzt und dann auf zurück in die Realität. Mit ihrem Klingeln und Klimpern und Tuten und Tröten und Quietschen und Quatschen und Dudeln und Dröhnen. Morgen schon komme ich ja wieder her und betrachte die Zeit. Von meiner kleinen Bank aus. In Stille. Ach, wie schön ruhig ist es hier.

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