Die Meditation

Meditation

Wenn ich des Morgens durch die erwachende Welt laufe, dieser Tage schimmert sie im grau-blauen Licht des anbrechenden Herbstes oft wie Edelstahl, schlagen meine Gedanken regelmäßig Purzelbäume. Mit ihrem frisch gewienerten Pfefferminzatem und der kindlichen Zuversicht, daß der Tag wundervoll verlaufen muß, grinsen sie staunend die Einsamkeit des halbschlafenden Lebens an. Wie Meditation ist es fast, sobald sich der Takt der Schritte und des Herzens angleichen und der Geist losgelöst vom Körper zu schweben scheint. Freiheit die schönsten Firlefanz gebiert.

Ich stelle zum Beispiel fest, daß es eigentlich nur zwei verschiedene Geschwindigkeiten geben müsste. Zumindest nach meinem Dafürhalten. Schrittgeschwindigkeit und Lichtgeschwindigkeit. Erstere zum staunenden Betrachten der Schönheiten von Mutter Natur und zum Lustwandeln, die andere um sich von Ort zu Ort zu bewegen. Diese ganze automobilene Hektik und das wilde Gestrampel in viel zu niedrigen Gängen bei den Fahrradfahrern geht mir nämlich ganz schön auf die Nerven und stört die reinigende Ruhe des Morgens. Unter Umständen würde ich eine dritte Zwischengeschwindigkeit für das Waldgetier zulassen, damit wie eh und je gejagt und geflüchtet werden kann. Aber dann ist Schluß.

Wundervolle Kinderlogik wohnt diesen Gedanken inne. Trotzig möchte ich auch manchmal aufstampfen, um sie durchzusetzen. Und mich jünger zu wähnen. Wenn ich mir schon wieder so erwachsen vorkomme, weil ich dem Spliß meiner Zahnbürste mit einem verantwortungsvollen Neukauf begegne. Wenn man befürchtet den Zugang zu den bekloppten und unverstellten Ideen eines neugierigen Geistes zu verlieren. Wenn man versucht mit der Zeit zu verhandeln. Um sich wenigstens wie ein 50 Cent Stück fühlen zu dürfen. Zwar zu groß um noch bei den Kleinen mitzuspielen, aber noch nicht groß genug um zu den Großen zu zählen. Häufig genug wird meinem Antrag stattgegeben.

Damit ich wieder über Kinkerlitzchen nachdenken kann. Ob etwa die weitestgehende gesellschaftliche Akzeptanz von großflächigen und unveränderlichen Tätowierungen nicht in anachronistischem Widerspruch zu den hohen Anforderungen an Dynamik und Flexibilität heutzutage steht. Oder ist sie eine Antwort auf diese? Überall angemalte Menschen. Wie im Kindergarten oder bei einem indigenen Südseevolk. Vermutlich ist in einer Welt, in der alle immer vielseitiger sein sollen, das Bemalen der Haut der letzte Strohhalm der Einzigartigkeit. Einzigartig blöd finde ich das. Kunst, zumindest im besten Falle, auf einer veränderlichen und zumeist gebogenen Leinwand anzubringen. Besser noch Zitate oder pfiffige Bonmots in ausländisch. Nicht viel besser als die Wand einer Dorfbushaltestelle. Obwohl man die mal ordentlich mit Brennspiritus durchfeudeln kann. Ich, für meinen Teil, versuche meine genetische Ausgangslage lieber auf anderem Wege zu verschönern.

Eher intern und obenrum wird hier der Stuck verfeinert. Wenn mir wieder einmal eine Wissenslücke gewahr wird. Kürzlich erst bemerkte ich, daß mein Kenntnisstand über die Flora sich noch auf einem eher rudimentären Niveau befindet. Ich betrachtete nämlich das Leben und die Menschen darin im Vorbeigehen, und stellte mir vor, welche Stimmen diese Leute wohl hatten. Laut oder leise, knarzig, kehlig, quietschend, samtig. Man meint das ja manchmal schon an der Mimik ablesen zu können. In Folge wollte ich nun meine imaginären Persönlichkeitsprofile noch weiter verfeinern und überlegte, wie die Menschen wohl riechen mochten. Allerdings zeigte sich schnell, daß mir der Referenzrahmen fehlte. „Oh, diese Frau riecht sicherlich wie eine Aster“, dachte ich, vermutlich weil ihre Frisur leicht an die Blütenform erinnerte. Dann bemerkte ich, daß ich keinerlei Ahnung hatte, wie eine Aster riecht. Oder eine Hyazinthe oder eine Kornblume oder ein Tausendschönchen. Man muß ja wohl annehmen, daß es dort massive Unterschiede gibt. Kaum scheint es mir mit diesem Makel möglich abgerundete Beschreibungen von Personen zu liefern.

Schließlich will man ja auch für Blinde schreiben, deren Anrecht auf fetzigen Lesestoff nicht weniger ausgeprägt ist. „Durch das geöffnete Fenster kann ich das leise Klappern der Klammern im Hof hören. Hellblau weht nun auch der Duft des Weichspülers hinauf. Veilchen oder Chrysanthemen oder Papageienwurz vermutlich. Ich trete an die Öffnung und betrachte das beinahe ereignislose Schauspiel. Die Nachbarin schimmert in einer natürlichen Schönheit. Ihre Lippen scheinen immer kurz vorm Lächeln zu sein. Fingerfertig heftet sie die bunten Wäschestücke an die Leine und ich glaube zu erahnen, daß ein warmer Duft sie umsteht. Ein Duft wie zuhause. Ein Duft nach Bäckerei und Bücherladen. Ich atme sanft und tief ein und lächle.“.

An derlei denke ich, wenn ich als meditativer Wanderhüne durch den Morgen gleite. Mit offenen Augen und Synapsen. Die Gedanken immer ein wenig unberechenbar, nicht auszumachen, unvorhersehbar, inkonsequent, unwägbar, Quarkstrudel. Lache oft über Einwürfe innerer Stimmen. Grinse das Licht an wie es hübsch durch die Blätter scheint oder den Wolken eine glühende Krone malt. Feixe über das Eichhörnchen, das todesmutig über die Fahrbahn spurtet und auf der anderen Seite in hastiger Spirale die Birke hinauf fliegt. Schmunzle über ein beinahe vergessenes Lied, welches auf einmal im Kopfhörer auftaucht und singe innerlich nach 20 Jahren wieder laut mit. Bin fröhlich zu einer Uhrzeit, da die meisten mit Hackepetergesichtern rumlaufen. Halb halb. Oben schlechte Laune und unten miese. Mich kümmert´s kaum. Ich bin glücklich, daß Glück in so vielen Kleinigkeiten verborgen ist. In Nuancen und scheinbaren Unwichtigkeiten. Und ich bin glücklich, daß ich noch oft genug die Kinderaugen habe, um diese Nuancen zu sehen, während ich lächelnd und in staunender Meditation durch den Morgen gleite.

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