Die Heilkraft

Welch wundersame Heilkraft wohnt doch dem Gehen inne. Dem Schlendern, Flanieren und Wandeln. Welch zauberhaften Rhythmus entspinnt doch das Laufen. Das Stromern und Schwärmen und Strolchen. Welch vergnügliches Unterfangen ist doch die Wanderschaft. Das Pilgern, Marschieren und Pirschen.

Wie frei kann doch das Herze sein. Wenn man niemals irgends ist. Immer in Bewegung, immer nirgends. Wenn der Takt der Lungen dem Takt der Schritte angeglichen und alle Gedanken fließen und strömen. Dann kann ich manchmal endlich Sinn aus meinen tausend Fragen, Ängsten und Nöten machen. Beginne ich mich zu verstehen. Dann baue ich mir oft üppige Luftschlösser aus prächtigen Trugschlüssen und versuche alle Seiten einer Situation zu beleuchten. Denke hin und denke her. Überlege auf und ab. Ersetze fehlendes Wissen durch Vermutungen und Wünsche. Dann versuche ich alles abzuwägen. Einzuschätzen. Auszumachen. Mit großer Mühe und oft ohne Sinn.

Dennoch hilft dieses Grübeln im Gehen den Stimmen im Hirnstamm Einhalt zu gebieten. Ihre Kakophonie auszumisten. Sie bisweilen sogar zum Verstummen zu bringen, wenn ein kesser Sperling den Weg kreuzt und halsbrecherisch die Wipfel umkurvt. Ohnehin helfen die vielen kleinen Details der Welt, an denen viel zu oft beachtungslos vorübergeeilt wird, die Phantasie anzuregen und neue Impulse ins Denken zu schleusen.

Wie sich der Regen in immer neuen Mustern auf den Gehwegen verteilt, der Tau seine Tropfen an den kahlen, knospenlosen Zweigen baumeln lässt, befeuert mir die Synapsen. Wie auf allen Nummernschildern codierte Botschaften verborgen sind, wie quietschende Bremsen Melodien der Kindheit verbergen, wie verwitterte Heckaufkleber von Reisen nach Sylt berichten, füllt mir die Imagination. Wie die Krähen die Abfalleimer durchwühlen, wie die Flaschensammler es ihnen gleichtun, wie die Stadtreinigung den Spender für Hundekottüten nachfüllt, lässt mich Hirngespinste ersinnen. Wie viele einzelne Handschuhe jedes Jahr auf den Straßen herumliegen und wo wohl ihre einsamen Partner sind, lässt mich erfinderisch werden. Wie jeder Blick das ganze Leben fasst und doch nur einen halben Atemzug lang dauert. Wie man alles in einer Sekunde sehen kann und doch nur der kleinste Ausschnitt ins Auge fällt. Wie man Unendlichkeit spürt, weil man nur an der Oberfläche kratzt und dennoch alles irgendwie schon einmal gesehen hat. Wie man keinen Schmerz spürt, weil es noch so viel mehr zu spüren gibt und doch jeder Schmerz sich ins Herz schleicht, weil sich immer eine gemeinsame Erinnerung erblicken lässt. Als das lässt mir die Gedanken pulsieren.

Ihr Metrum treibt mich weiter. Tick und Tack. Und Tick und Tack. Schritt für Schritt ohne wirkliches Ziel. Hauptsache in Bewegung bleiben, weiterdenken, wenn schwarze Fetzen in die Gegenwart ragen. Das Heil in der Flucht suchen. Als könnte ich vor mir selbst, vor meinen Erinnerungen und Einbildungen fliehen. Als hätte ich den Punkt nicht schon längst verpasst, an dem gewisse Gedanken hätten abgeschlossen sein müssen. Immer voran. Immer neue Impulse. Immer die Sinne an frische Eindrücke geheftet. Im Gehen wird aus dem Alleinsein beinahe nie Einsamkeit. Im Laufen ist Alleinsein sogar von Vorteil. Wenn man ohnehin keines Anderen Hand zu halten hat. Da hält man sich an sich selbst und strebt voraus. Immer weiter.

Bis das Wandern seine wundersame Heilkraft entfaltet und die trüben Gedanken zu Lächeln werden. Bis eine Zufriedenheit unbekannter Herkunft einsetzt, weil keine Kraft mehr zum Lamentieren da ist. Bis alles Traurige und aller Schmerz so kräftig hin- und hergewälzt sind, dass es erst einmal für eine Weile reicht. Ich grinse dann Nichtigkeiten an und fühle meine Leere wie mit Zuckerwatte gefüllt. Süß und filigran und vergänglich. Surreal. Irreal. Auf gewisse Weise ein Placebo. Und doch lasse ich mich in diese temporäre Hängematte fallen, um wenigstens kurz wieder im Besitz der kindlichen Leichtigkeit zu sein, die immer ein Eckpfeiler meiner Persönlichkeit war und mir so unabwendbar entglitt. Noch immer übe ich so, um eines Tages wieder ich selbst zu sein und ein vergnügtes Wanderlied pfeifend mit hüpfenden Schritten durch die Botanik zu eiern. Welch vergnügliches Unterfangen wird dann wohl erst die Wanderschaft.

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