Die gute Zeit

gute Zeit

Eigentlich kommt es mir immer so vor, als ob ich nicht genügend Zeit hätte. Oder die vorhandene nicht ausreichend ausquetsche. Beinahe ein schlechtes Gewissen ab und an, wenn Müßiggang und Träumerei wieder ein paar Stunden gefressen haben. Schließlich fragen die verkrusteten Porzellanwaren nicht, warum man sie noch nicht wusch. Oder die Textilien, warum man sie noch nicht auf Stoß gefaltet hat. Sie sind einfach sauer und fressen es in sich hinein. Ich merke das oft gar nicht, da ich doch mit fröhlichen Gedanken auf Du und Du durch die Welt tänzele und Ziffernblatt und Uhr einen guten Mann sein lasse.

Schließlich gibt es derlei viel zu sehen, zu bestaunen und zu bedenken. Junge Damen beispielsweise, die auf dem Wege sind sich unter Menschenmengen zu mengen, um ihren Horizont in der Horizontalen zu erweitern. Bald bricht ein Kampf im kleinen Grüppchen aus. Jede würde gern an der Außenkante des Bürgersteiges flanieren, um bei jedem abgestellten Fahrzeug Kriegsbemalung und Haarschmuck inspizieren zu können. Jedoch nur einer ist die regelmäßige Kontrolle des Äußeren vergönnt und sie nutzt das Privileg auf das Äußerste. „Wahnwitz“, mag das eigene Hirn da rufen, aber die Damen hören es nicht und schauen und schlendern weiter. Man tut es ihnen gleich; kopfschüttelnd jedoch. Der Blick schüttelt sich fokuslos mit. Die Gedanken driften ab.

Ob der „kleine Rabe Socke“, jene dem Anschein nach beliebte Kinderbuchfigur, in seinen Jugendjahren seine Eltern wohl wegen seelischer Grausamkeit vor das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gebracht hat? Wer benennt sein Kind schließlich schon nach Fußbekleidung? Nur Geisteskranke, Junkies und hochgradige Fetischisten, wenn man mich fragt. Glücklicherweise fragt mich aber niemand, da ich durchaus noch weitere Kontroversika beizusteuern hätte. Unter anderem die Ansicht, daß Mozart sich, bei allem Genius, vorwerfen lassen muß, unserer Zeit etwas hinterher gewesen zu sein, da er kaum tighte Jogging-Tracks gedropt hat. Ich bin kein Bassist, aber das muß man wohl mal sagen dürfen. Schließlich ist diese Ansicht für die Entwicklung des Sportmusikkommentares irre relevant.

Und so durchwandert derartiges die Runkelrübe, während man das Leben verstreichen lässt. „Ihr habt Uhren, ich hab´ Zeit!“. Man dichtet sich so seine Wirklichkeit zusammen. Notfalls auch in Reimform. Und über die Liebe: „Der Steinmetz und die Schneiderin; er hämmerte, sie strickt für ihn. So macht das Sinn und ist genehm, da Meißeljacken unbequem.“. Blödsinnigkeiten am Morgen. Jetzt, da das Hirn nämlich nicht mehr von Teer und Nikotin wohlig warm eingewoben wird, normalisiert sich sein Sauerstoffgehalt wieder. Kürzlich noch Hochgebirge, Anden will man sagen, nun anderes. Urstromtal vermutlich. Auf dem Boden der Realität. Eingenordet. Da muß man es überraschend befragen, wenn es sich gerade die Hose hochzieht. Mit der Kneifzange. Denn allerhand dümmliches will noch bedacht sein.

Allein welch´ Reichtum an Ideen aus der Beobachtung der Mitmenschenschaft erwächst. Wie sie handeln und wandeln. Kürzlich erst diese fürchterliche alte Dame, deren Jahresringe in hartem Duell mit ihren Augenringen lagen und wohl nur mit der Radiokarbonmethode gezählt hätten werden können. Obschon ihre beinahe tonlose, aschfahle Haut mehr der Schwer- als der Spannkraft ausgesetzt war, schloss sie todesverachtend einen vierundzwanzigmonatigen Mobilfunkvertrag ab, um „öfter mit ihrer Tochter zu sprechen“. Besagte Erbin dürfte beschriebener Erblasserin hinsichtlich Geburtstagstortenkerzenanzahl in nichts nachstehen und demnächst wohl ihren 75. feiern. So etwas nennt man dann Zuversicht.

Und daraus lässt sich lernen. Wenn nämlich diese Funk Uhr Abonnentin, mit wenig Aussicht den nächsten Frost zu überstehen, gut gelaunt der Zeit den knochigen Mittelfinger zeigt, dann kann ich das allenthalben. Auch wenn die Beschwingtheit der Alten vermutlich daher rührt, daß sie jetzt ihre goldenen Jahren verlebt und nicht mehr jeden Morgen um halb drei mit dem Kartoffellaster zum Saatgut polieren fahren muß. Derlei ist mir fremd. Ich esse sogar äußerst selten Kartoffeln. Zuviel Arbeit, zu wenig Zeit. Schließlich gelingt es mir jetzt ja schon kaum die vorhandene ausreichend auszuquetschen. Vermutlich.

2 Comments

  1. Ja danke, manchmal erscheint die gute, alte Zeit sehr traurig auch in der Gegenwart. Dejavue. Irgendwie ver zweifelt und doch klar und eindeutig. Ja, traurig und geht schon. Was soll´s.
    Der Ton ist getroffen, ja immer mal wieder. Einfach ergreifend,
    gern gelesen.
    Mit freundlichem Gruß, sabine

    • Henman

      Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Hat mich sehr gefreut. Besonders natürlich das Lob 😀

Schreibe einen Kommentar zu Sabine Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.