Die Gebrechen des Großwesirs

Da töne ich neulich noch wie der Großwesir von Großkotzistan von blendender Gesundheit. Von nur marginalen Abnutzungserscheinungen. Ja sogar von partiell unfassbar angestiegenen Sinnesleistungen. Und nun das. Schläfrigkeit. Aufruhr im Magen-Darm-Trakt. Drohende Druckkulisse hinter den Sichteinlässen des Gesichts. Als klassisch ausgebildeter Hypochonder will ich gar nicht wissen, was das Internet mir für Krankheiten andichten würde, wenn ich die Symptome in eine entsprechende Seite eintippte. Masern vielleicht. Kam gerade erst was im Fernsehen drüber. Masernepidemie momentan in München und Berlin. Und ich habe die ganze Woche in einem kaum klimatisierten Raum mit Berlinern und Bayern verbracht. Obwohl man bei Masern wohl, noch bevor eine hübsche rot juckende Maserung den Körper einwebt, erstmal Halsschmerzen und Fieber hat. Kurzer Check. Beides negativ. Außerdem bin ich ja vielleicht sogar geimpft. Diese sozialistischen Schergen haben das ja recht genau genommen. Fifty-fifty Chance vermutlich.

Aber für eine Durchschnittserkältung fließt hier zu wenig Nasensaft. Dann unter Umständen doch eher chronische Frühjahrsmüdigkeit. Schließlich ist die Batterie meiner Uhr schon seit einigen Wochen leer. Da kennt sich keiner mehr aus. Ist heute Frühling, Weihnachten, der 43. Febtober? Man munkelt nur. Oder schlängelt sich da gemächlich Altersschwäche ein? Alt sehe ich ja manchmal schon aus. Besonders wenn die Sonne tief steht. Und schwach bin ich zur Zeit für zwei. Wie so ein eingenickter Rentner hänge ich zwischen den Kissen. Alle paar Stunden schrecke ich kurz hoch, weil ein Vogel bellt, ein Löffel in eine Sektflöte trötet oder ein Fernsprecher vibriert oder so. Ich schaue mich kurz schlaftrunken um, murmele, selbst mir, Unverständliches in meinen Dreitagebart, atme einmal tief seufzend ein, drehe mich um und schlafe weiter. Die körperliche Leistungsfähigkeit einer schimmelnden Grapefruit. Danach schmeckt interessanterweise auch meine Zunge gerade. Zu schwach um zwei Tic Tacs anzuheben. Schon der ständige Testalarm in der Körpermitte fordert unmenschliches. Immer wieder grummeln und drängen und kneifen. Der grummelnde Drang den Arsch nicht zu zu kneifen. Nach dem Schleppen der beinahe leblosen Hülle ins Porzellankabinett jedoch oft nur ein munteres „Verarscht!“. Fehlalarm. Wem soll man da noch vertrauen.

Außerdem muß ich mir bei diesen Anlässen beinahe zwangsläufig selbst in die bemitleidenswerte Visage schauen. Naturkatastrophe in Fleisch gepeitscht. Ein Gesicht zum Eier abschrecken. Schattig und stoppelig und von Missmut zerfasert. Kaum noch auszumachende menschliche Züge. Und das ist nur das, was ich ohne Brille erkennen kann. „Konsultiere doch medizinisches Fachpersonal und laber uns hier keinen Donut an die Netzhaut!“, mag man mir zurufen. Und hätte recht damit. Vermutlich sogar insoweit, als besagter und hier in Buchstabenteig gebackener Donut, im Vergleich recht bröselig und die übliche Qualität missend daherkommt. Aber erstens meldet man mir gerade, dass Wochenende ist, und meine übliche Untersuchungsleiterin solcher Fälle wohl mal schön die Stethoskope aufbügelt und die Patienten ihrem Siechtum überlässt. So schlimm, dass man Krankenhauspersonal belästigen müsste ist es ja nun wahrlich, wahrscheinlich, nicht. Jedoch auch wenn heute ein durchschnittlicher Arbeitstag wäre, würde es mir, zweitens, vor dem Wartezimmer grauen. All die grauen Gesichter. Eine Kakophonie aus Husten und Schniefen und Gejammer. All die faltigen Rentnerkörper mit unterschiedlichst gelagerten Funktionsausfällen. Wenn du mopsmunter und putzfidel einen solchen Raum betrittst, kommst du nach einer dreiviertel Stunde Wartezeit mit Milzkrebs im Endstadium wieder heraus. Mindestens. Mit glasigen Augen voller Druckschmerz den Blick zu Boden gesenkt, man will das Elend gar nicht sehen, fragt man sich, ob das Teppichmuster mit Absicht so rotierend gewählt wurde. Oder ob dein Gehirn kurz vor der Notabschaltung ist. Drittens nun, und gleichzeitig am wichtigsten und unwichtigsten ist jedoch, dass es viel zu viel zu tun gibt. Arbeit für drei Monate, die in drei Wochen erledigt werden muß. Nicht unbedingt weil man selbst gesteigerten Wert darauf legt, mal abgesehen vom monatlichen finanziellen Obolus, welcher im Zweifelsfall Masernmedikamente beschaffen kann, sondern weil eine Menge anderer Menschen von dieser Arbeit abhängen. Um die ihre machen zu können. Um nicht abhängen zu müssen. Um ihre Obuli zu kassieren. Gruppenzwang gewissermaßen.

So sehe ich mich also dem zweischneidigen Schwert, der Zwickmühle, aus Verantwortungsbewusstsein und Überlebensinstikt gegenüber. „Heul doch nicht rum.“, höre ich wieder einige rufen, „Jeden Tag tritt einer auf ´ne Landmine und macht danach noch lächelnd ´ne Doppelschicht im Reisreaktor. Ohne Murren. Du Pussy!“. Und ich stimme durchaus zu. Und dieser anderthalbbeinige Brennelementwechsler verdient meinen höchsten Respekt. Aber ich kann mich ja nicht um alles kümmern. Oder um jeden. Als Egozentriker habe ich schließlich schon genug mit mir zu tun. Besonders wenn es an allen Ecken drängelt und drückt und klopft und einschläft. Komplexere Geistesleistungen wie „Zähne zusammen beißen“ sind da kaum möglich. Ich glaube ich mache einfach mal ein Nickerchen. Ist ja schließlich auch gleich um sechs. Rasch wieder ins Bett bevor die frühen Vögel anfangen die Würmer zu finden. Und dabei rumschreien. Wie der Großwesir von Großkotzistan. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.