Die Freundschaft

Kollege Schlafmütz

Während man noch als kleiner Drei-Cocker-Spaniel-Hoch durch die Welt vagabundiert, ist das Leben einfach und schön. Voller Entdeckungen und wundersamer Winkelzüge ist die Existenz. Beinahe jeden Tag lernt man eine neue Farbe kennen. „Ach, das ist also lila? Nicht schlecht, was sich rot und blau da ausgedacht haben. Respekt.“. Auch Freunde zu finden, könnte kaum leichter sein. Man gesellt sich einfach zu einer Gruppe spielender Kinder, und schon ist man auch ein Cowboy oder Indianer oder Ritter oder Weltraumpirat mit überzogenem Dispo und zwei Vaterschaftsklagen. Nur weil du da bist, denken erst einmal alle, daß du ein dufter Typ bist und wollen ihre Zeit mit dir verbringen. Mit der Zeit wird das anders. Zum einen, weil das Interesse am Weltraumpirat spielen mit dem Alter merklich abnimmt und zum Anderen, weil es gesellschaftlich eher kritisch gesehen wird, wenn ein stoppelbärtiger Mann Kinder auf dem Spielplatz fragt, ob sie nicht seine Freunde sein wollen.

Sinnvoll ist es daher meist, eher Kontakt zu Menschen in der gleichen Wachstumsphase zu suchen. Anderen Ausgewachsenen zumeist. Diese kennen nun aber schon alle Farben. Glauben oft nicht mehr, daß die Welt ein schöner, entdeckenswerter Ort ist, weil ihnen spätestens die erste Abrechung der Lohnnebenkosten diese Seifenblase zum Bersten gebracht hat. Sie haben Meinungen und Vorurteile und Interessen. Sie prüfen und schätzen ab und hinterfragen. Und wenn man sie trifft, ist es ohnehin oft in einem produktiven Kontext, da sich das halbe Leben ja um die Beschaffung von Finanzkraft zur Unterhaltung der Lebensumstände dreht. Da geht es eher nicht darum sich anzufreunden, sondern vielmehr um die gemeinschaftliche Erfüllung der gestellten Aufgaben.

Hin und wieder jedoch kommt einer angedackelt, dem all dieses Streben nach Planerfüllung ganz herzlich am Allerwertesten vorbeigeht. Der nur da ist, um eine gute Zeit zu haben und mal nachzuschauen, was es heute wieder interessantes zu erleben gibt. Der die Welt mit den Augen eines Kindes sieht, alles neu und spannend findet. Vermutlich, weil er irgendwie auch noch ein Kind ist. Innerlich zumindest. Unvoreingenommen geht er lächelnd auf die Leute zu und nimmt von jedem initial nur das Beste an: „Hmm, wenn der hier ist, muß er wohl nett sein. Hallo!“. Richtig ansteckend ist dieser jugendliche Leicht- und Frohsinn. Fasst glaubt man, daß Seuchenalarm ausgelöst werden müßte, weil plötzlich alle im näheren Umfeld sich einen Teil dieser grinsenden, offenen Weltsicht zu eigen machen und gleichsam wieder zu Kindern werden. Sogar die Artikulationsfähigkeit scheint mithin betroffen.

Ein eben solcher „Patient Zero“ und Tausendsassa junger Schule bereichert nun dieser Tage meine Realität. In einzigartiger Verpaarung eines kindlichen Verstandes und der groben Kraft eines Raubtieres, scheißt er auf gesellschaftliche Konventionen. Und auf Grünflächen. Er möchte jedermanns Freund sein und wenn er mit dem treudoofen, herzschmelzenden Blick eines zurückgebliebenen Pizzaofens schaut, fällt es schwer ihn nicht zu herzen und sein Fehlverhalten zu tadeln. „Er weiß es ja auch nicht besser“, nimmt man zu seinen Gunsten an, wenn er lächelnd die Elektronik zernagt. Allein die allmorgendliche Überraschung des Wiedersehens, die ihm ins Gesicht und den wedelnden Südpol geschrieben steht, ist erstaunlich und liebreizend. Als ob nicht klar gewesen wäre, daß heute wie gestern sein wird und alle wieder da. „Oh Mann“, scheint er zu denken, “ DU bist auch wieder hier. Super. Damit hätte ich jetzt gar nicht gerechnet. Hallöchen, alte Hundelunge!“. Als ob man sich jeden Tag neu kennen lernt und auf Anhieb sympathisch ist.

Und Sympathie zu empfinden ist auch nicht besonders schwer, wenn man auf ähnlichem geistigen Tableau operiert. Nur das er keine anderen Optionen hat und ich mich zwinge meine Ansichten auszuformulieren. Einfach schon, weil es zu Mißverständnissen kommen könnte, wenn ich dem Briefträger ins Bein beißen würde, weil er wieder einmal zu spät kommt. Es ist auch einfach ihn zu mögen, weil er erheiternd tollpatschig ist und sich, seiner Fähigkeiten noch nicht bewußt, zeitweilen belustigend blöde anstellt. Verwunderlich ist es fast, daß er nicht alle naselang mit der Nase irgendwo reinrennt, da das Konzept von stabilen Wänden immer noch von einem magischen Mysterium umgeben zu sein scheint. Aber der Lebensfreude tun solche Unzulänglichkeiten keinen Abbruch. Wenn, alle Tage wieder, der Haschmich im Hirnkasten Einzug hält, und der haarige Kollege wie von Sinnen über den Rasen wetzt und diesen dabei gleich beinahe fachmännisch vertikutiert. Im Affenzahn, die untere Zahnreihe über die Oberlippe gestülpt, von links nach rechts und um die Bepflanzung herum. Ohne Anlass oder Ziel. Einfach, weil er gerade Bock darauf hat. Beneidenswert. Und selbst wenn schon eine bimmelnde Fahrradklingel ihn ablenken und mit einem Male seine ganze Aufmerksamkeit fordern kann, einfach weil jeden Tag alles neu und erfrischend scheint, so wohnt seinem „Millionär und Playboy“ – Lifestyle schon eine gewiße Faszination inne.

Kollege Schlafmütz2

Würde ihn nicht das ranghöchste Männchen dazu zwingen jeden Tag hier aufzuschlagen, er schliefe bis in die Puppen. Pupsend wohlbemerkt. Da ihm nicht bekannt ist, daß freimütiges Pfurzen in der Öffentlichkeit eher ein no-go ist. Fast scheint es, als würde es für ihn ein Schulterklopfen oder eine Anerkennung bedeuten, wenn er dir schnarchend den Geruch eines verwesenden Gnubullen unter den Schreibtisch zimmert. Hier bin ich Hund, hier darf ich sein. Und Gelegenheit zum darmdünsten besteht oft, denn ein Gutteil des Tages wird schlummernd zugebracht.Alle, alle sollen neidisch herüberschauen, während sie über ihren Aufgaben brüten, wie der König der Kaniden sein Nickerchen zelebriert. Daher wird möglichst geräuschvoll geratzt. Wichtig ist auch, dabei stets die massiven Testikel zu präsentieren. Potenz als hierachierelevantes Argument. Zwar hat er momentan noch keine Verwendung für Hoden im Allgemeinen und für Hoden, die gut die Monde eines kleineren Planeten sein könnten, im Besonderen, aber Vorbereitung ist eben alles. Und sie will auch, nicht ganz ohne Stolz, anständig dargeboten sein.

Wenn der feine Herr dann mal geruht die Mittagsruhe zu unterbrechen, gewöhnlich wird dies durch athletisch makellose Körperstreckung untermalt, stehen Speis und Trank schon bereitet. Denn Alpha-Männchen hin, Leinenzwang her, schlußendlich kann es nur einen Chef geben. Und der will bedient werden. Nun gut, im Notfalle wird noch einmal kurz seufzend Sitz gemacht, dann kann aber zackig die Nahrung verteilt werden. Natürlich lässt er sich scheinbar nicht anmerken, wer hier das sagen hat, und guckt einfach wie Falschgeld. Aus Lesotho. Ein leerer, fragender Blick, bei dem man fast den Wind zwischen den Ohren hindurch pfeifen zu hören meint. Weit gefehlt. Alles Charade.

Glücklicherweise muß ich mich mit derlei nicht wirklich befassen. Zwar haben er, als Omega-Männchen, und ich, als etwa Gamma-Männchen, rudelintern gleichsam die Arschkarte gezogen, aber es hilft einander zu verstehen und eint uns. Wohl auch, weil ich ihm weder Kommandos noch Nahrung gebe. Nicht mein Zuständigkeitsbereich. Schließlich muß ich mich auch nicht um seine Notdurft sorgen. Da habe ich schon genug mit mir selbst zu tun. Im Grunde genommen sind wir nur Freunde. Freunde, die sich unvoreingenommen zum Spielen treffen. Denen egal ist, wie der andere aussieht. Auch wenn der Andere speichelbehangene Lefzen und Riesenklöten hat. Oder ein Hund ist. Es geht nur darum gemeinsam eine gute Zeit zu haben und die eigene Realität durch die Anwesenheit des anderen zu bereichern. Und das klappt astrein. Trotz der Schnarchpfürze.

3 Comments

    • Henman

      Da fängt der Tag ja prächtig an, wenn man gleich so akut gelobt wird 🙂 Ich werde den gerechten Anteil an dieser Freundlichkeit an den beschriebenen Freund weiterleiten.

  1. DANKE für das Glück…s….gefühl haftet schon seit Freitag mal mehr, mal weniger stark an.

    Einen schönen Sonntag!

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