Die Depression

Ich habe euch vermisst. Ihr klackernden Tastenanschläge. Ihr Buchstaben und Silben. Ihr Worte und Sätze und Absätze. Ihr habt mir gefehlt. Als Verstofflichung meiner Gedanken und greifbare Realität. Als wundersame Heilkraft und munterer Zeitvertreib. Als Ausdruck aller Emotionen. Ihr habt mir gefehlt.

Mehr als ein Jahr konnte ich nicht schreiben. Also nicht wirklich. Nicht in zusammenhängenden Sätzen und mit rotem Faden. Immer nur kurzes poetisches Erbrechen in zehn, zwölf Zeilen. Immer nur zugespitzte Darstellungen meiner Gefühlswelt. Immer nur Ventil, um das verrückt werden zu verlangsamen. Selbst jetzt fällt es mir noch schwer meinem Oberstübchen die nötige Stringenz abzunötigen. Aber ich muß schreiben. Ich muß schreiben. Ich muß. Ich muß meine Worte zu Waffen schmieden, um der lähmenden, pechschwarzen Depression endlich den Schneid abzukaufen. Den Garaus zu machen.

Viel zu lange bin ich schon eingesperrt in dieser Dunkelheit mit nur kaum wahrnehmbaren Lichtblicken. Werde immer wieder zurückgeworfen in das Gefängnis der quälenden Gedanken. Immer wieder Fragen im Konjunktiv: „ Was hätte sein können? Was wäre wenn? Könnte man nicht…?“. Alldieweil sinnlos und Selbstqual. Jeden Tag erwacht das Trauma mit mir gemeinsam wieder neu. Werden die Erinnerungen in alter Stärke neugeboren. Erinnerungen an die Tage, als mir plötzlich die Zuversicht unter den Füßen hinfort gerissen wurde. Als ich zu Singen und zu Lachen verlernte. Als plötzlich alle Dinge sich veränderten und ich mich zu vielen Fronten zur gleichen Zeit gegenübersah.

Wie einfältig ich bis zu diesen Tagen gedacht hatte, eine Ahnung von Schmerz und Hoffnungslosigkeit zu haben. Wie weit entfernt ich davon war Depression verstehen zu können. Wie ungleich tiefer ich dann fiel, als das Loch immer, immer endloser wurde, gerade dann, wenn ich meinte am Boden angekommen zu sein. Eigentlich bräuchte man alle Kraft sich aus dem Strudel der negativen Gedanken zu befreien, doch den allergrößten Teil verwendet man darauf sich zu verstecken. Zu maskieren. Vorzugaukeln alles wäre, halbwegs, in Ordnung. Als hätte man noch alle Sinne beieinander, während man in Wirklichkeit, hinter der Maske, sich längst in Hoffnungslosigkeit ergeht. Jeden Tag muß man das Schauspiel aufführen. Jedes Telefonat, jede Nachricht, jede Mail mit verstellter Stimme angehen. Mit jeder Interaktion verliert man weitere Stärke und wird immer müder. Wobei man ohnehin schon die ganze Zeit nur schlafen wollte. Regungslos in der Dunkelheit. Ohne denken und fühlen und leiden.

Doch man kann sich vor dem Schmerz nicht verstecken. Er ist im eigenen Kopf und stellt kontinuierlich alles in Frage, was man für die Wahrheit hielt. Immer wieder bohrt er mit seinem schmierigen Finger in der blutenden Wunde im Herzen herum. Spottet und höhnt und fragt. Dutzende, hunderte, tausende Fragen. Stets derselbe Tenor nur anders formuliert. Wie ein Tinnitus immer dabei, egal was du machst. Jeden Mut aushöhlend. Von innen zerfressend. Manchmal wurde es unerträglich und ich habe so sehr gewünscht ich könnte mich in den Alkohol flüchten. Die Stimmen verstummen lassen. Zwei oder drei Mal war ich wohl nur Millimeter davon entfernt. Und hätte alles verloren.

Bis heute weiß ich nicht genau, wie ich mich vor dieser fatalen Sehnsucht nach Flucht in den Rausch bewahrt habe. So viele Jahre hatte ich meinen Schmerz früher komfortabel in Betrunkenheit verhüllt und das Ausmaß an Qual, dem ich mich jetzt gegenüber sah, war unvergleichlich höher. Wie einfach wäre es gewesen die Gedanken einfach zu betäuben. Schlafen zu schicken. Die Stimmen zu ersticken. Wie günstig ist diese Medizin und wie überaus angenehm leicht zu beschaffen. Wie einfach wäre es gewesen. Doch wollte ich wieder der werden, der ich in den letzten Tagen der Trinkerschaft war? Körperlich am Ende. Mental lächerlich simpel. Unzuverlässig und egoistisch und unangenehm im Umgang. Jeden Morgen voller körperlicher Agonie. Konterbiere trinkend. Bemitleidenswert. Verachtenswert. War es mir das alles wert? Wollte ich so sehr meinem Schmerz entfliehen, daß ich bereit war, dies alles wieder in Kauf zu nehmen?

Es schien mir wie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen. Ich würde ein Leid gegen ein anderes tauschen und dabei alles, was ich schon gewonnen hatte, mit in den Abgrund reißen. Also konnte ich mich jedes Mal kurz vor der Hingabe zur vermeintlich schnellen, einfachen Lösung stoppen. Jedes Mal um Haaresbreite. Und entschied den Schmerz zu ertragen. Bis er irgendwann verschwinden würde. Bis es irgendwann wieder besser gehen würde. Bis die Depression vorbei wäre. Immer auf ein Wunder, einen wundersamen Anruf, eine liebevolle Nachricht, ein Zeichen wartend. Manchmal bewußt, meistens unbewußt. Es kam nichts. Kein Zeichen errettete mich. Niemand rief wundersam an. Schließlich verbarg ich den Schmerz ja auch so gut wie möglich. Und ließ mich langsam von ihm verzehren.

Unfähig zu schreiben. Bis auf die kurzen Versatzstücke mit denen ich ein wenig Druck aus den Hirnschalen nahm. Aber ansonsten war mir jede Freude an schriftlich Verfasstem entglitten. Ist sie immer noch irgendwie. Weil mir generell die Freude entglitt. Kein Lesen und Lachen und Zeichnen und Scherzen und Singen. Mühsam auf der Jagd nach kreativer Ausdrucksmöglichkeit. Zwanghaft auf der Suche nach neuen Impulsen, um auf irgendeine Art und Weise die Lethargie zu durchbrechen, nur um jedes Mal allzu rasch wieder von der Dunkelheit übermannt zu werden. Gefangen in der endlosen Spirale der Hoffnungslosigkeit. Alle Ziele und Wünsche verstorben. Bis heute. Vielleicht.

Eigentlich hat sich noch nichts geändert, trotz der langen Zeit. Ich stehe immer noch neben dem Leben und warte auf eine Möglichkeit mich wieder einzureihen. Suche und frage, was mein Zweck, mein Plan ist. Kämpfe gegen die traurigen Gedanken, die mich bei kleinster Unachtsamkeit wieder gefangen nehmen und lähmen. Die ständig lauern und warten. Es ist trost- und freudlos. Es ist schmerzhaft ohne Vergleich. Es ist alles was ich seit den Tagen nach den Besäufnissen nicht mehr war. Ich bin wieder heruntergebrochen auf meinen Anfangszustand. Muß sehen wo ich bleibe und wer ich werden will. Nur dass ich diesmal einige Jahre älter bin und meine Chance demzufolge kleiner. Niemand wartet mehr auf mich. Die besten Jahre sind vergeudet mit lähmendem Schmerz und verkrüppelnder Unfähigkeit. Weil ein gebrochenes Herz meinen Verstand gebrochen hat. Mich zerbrochen hat. Und ich immer noch versuche mich wieder zusammenzusetzen. Fortan wohl wieder mit klackernden Tastenanschlägen, Silben und Sätzen. Zukünftig werde ich meine Worte wieder nutzen, um die Depression in Schach zu halten, ihr eine Nase zu drehen, anstatt mich von ihr zermalmen zu lassen. Ab jetzt werde ich wieder schreiben, um mich zu befreien und mich selbst zum Lachen zu bringen. Wer weiß, ob es gelingt, ob ich der Dunkelheit, dem Trauma, endlich entfliehen kann. Aber einen Versuch bin ich mir wert.

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