Die Aufregung

Die Aufregung

Die Menschen möchten gern Texte lesen, in denen sich einer aufregt. Am Besten über eine Sache, über die sie sich auch aufregen. Damit sie sich bestätigt sehen. Idealerweise strotzt der Text auch von Kraftausdrücken. Von Schurken und Verbrechervisagen soll dort die Rede sein. Von Haderlumpen und Pottsäuen. Von Taugenichtsen und Frechdächsen. Manchmal auch von Arschlöchern. Flachwichser, die uns alles wegnehmen oder Blödmänner, die uns nichts abgeben, sollen Thema sein. Die Schweine da oben, die Idioten da rechts, die Chaoten da links, die Gierschlunde da unten. Die ganze Welt voller wahnhaft religiöser Windelköpfe aus dem Mittelalter. Dann erst einmal eine Weile nichts. Und wir mittendrin. Wer wir sind, weiß niemand. Auf jeden Fall sind wir aber nicht die anderen, denn über die kann man sich nur aufregen.

Strafen und Sanktionen und selbst mal Sharia, werden gefordert. Kopf ab, Schwanz ab, ab weg mit denen. „Früher hätt´s das nicht gegeben“. Hundert Jahre davor vielleicht schon, und wieder zweihundert Jahre davor wiederum nicht. Die Zeiten ändern sich. Immer. Die Jugend ist immer laut und aufmüpfig und hört die falsche Musik. Die Alten haften zu sehr an der Vergangenheit. Sind Melasse im Getriebe der Zukunft. Die Reichen bescheißen die Armen, die Armen bescheißen sich selbst. Das ist ja nicht mehr feierlich. Die eigene Regierung ist unfähig, die vom Nachbarn noch viel mehr. Wegbombem. Bevor es noch schlimmer wird. Wie Unkraut herausreißen. Mit Stumpf und Stiel. Reden hilft da nicht mehr. Bleibt zu Hause, geht wieder nach Hause, dein Haus sieht Scheiße aus. Sprich nicht mit mir, warum sprichst du nicht mit mir, so brauchst gar nicht mit mir zu sprechen. Die gehören weggesperrt, erschossen, kastriert. Alles Schmarotzer. Alles Parasiten. Alles Unmenschen.

Alle schreien und hören nichts mehr. Schlagen sich die Augen blau und sehen nichts mehr. Denken so sehr an sich, dass sie an nichts anderes mehr denken können. Da kann man leicht unangenehm auffallen. Wenn man etwas andere Texte schreibt. Wenn man Wolken beschreibt, die wie Savannenbevölkerung aussehen. Wenn man Sonnenlicht in Worten einfängt, die seine Wärme und seinen Glanz nur halbgar wiedergeben können. Wenn man über lachende, glückliche Kinder berichtet, die niemanden hassen. Sicher, ab und an muß auch mal über das Wetter geschimpft werden. Oder über die laute Musik des Nachbarn. Aber das ist schnell vorbei und dient irgendwie der Reinigung des Systems. Danach heißt es wieder systematisch gegen den Strich zu bürsten. Mit Silben und Wortgruppen, die ziellos und leicht wie ein Schmetterling in einer Frühlingsbrise schweben. Mit Wortgruppen und Silben, die sanft und schmeichelnd im Hirn des Lesers nachschwingen. Wie eine Brücke, über die gerade ein Güterzug voller Gummibärchen gefahren ist. Mit Berichten von schmackhafter Schönheit.

Mit Beschreibungen der Natur, die brutal aber ehrlich ist. Und herzallerliebst bis in die kleinsten Ecken. Mit wieselnden Eichhörnchen und putzigen Pinguinen und majestätischen Mufflons. Mit rauschenden Wäldern und duftenden Meeren und schattigen Blumenwiesen. Mit Kavernen und Kratern und Gipfeln und Gletschern. Die Spielarten des Lebens, die Grundlagen allen Lebens, der Ausgangspunkt aller Überlegungen. Der kleinste gemeinsame Nenner. Niemand hat ernsthaft vor einen Pinguin zu boxen, auch wenn manche auf Robbenbabies einschlagen. Weil sie wohl aus Rohmützen gehäkelt sind. Niemand wird ernsthaft den Wald umschubsen wollen. Auch wenn manche ihn niederbrennen, damit man den danach angepflanzten Raps besser sehen kann. Niemand wird ernsthaft ins Meer scheißen wollen. Und selbst wenn, dann lebt dort kaum noch etwas, das das interessiert. Dank mancher anderer. Manche andere sind Vollidioten. Gierige Vollidioten. Ein starkes Stück ist das. Zum Davonlaufen. Zum Auswachsen. Zum am Rad drehen. Himmelschreiend.

Arrogant und egoistisch. Eingewickelt in einen Mantel aus selbstzufriedener Dummheit. Keine Reflektion, kein Hinterfragen. Mit dem Finger auf andere zeigen und den eigenen Arsch schön an die Wand bekommen. Der Arsch an der Wand nützt nur nichts, wenn man mit offenem Mund schläft. Trotzdem gefickt. Deshalb schauen sie ja auch mit solchem Argwohn, wenn einer aus dem Kreislauf ausbricht. Lächelt und singt und glücklich ist. Nicht weil ihm Dinge gehören, sondern weil er die Schönheit in den Details der Dinge erkennen kann. Weil er sich nicht von seinem Besitz besitzen lässt. Weil er Erkenntnis über Mutmaßung setzt. Weil ihm amüsante Sekunden auffallen. Weil er schmunzelnd Kombinationen von Worten und Farben und Blicken ausmacht, die anderen nichts ausmachen. Weil er lacht und lacht und lacht. Weil er nicht das Haar in der Suppe sucht, sondern gleich etwas ganz anderes isst. Weil er sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Weil er nicht mal Butter hat, geschweige denn Brot. Allenfalls Schokozwieback. Maximal. Weil er schenkt und Lächeln erntet. Weil er teilt und alle teilhaben lässt. Weil er liebt.

Obwohl die meisten Arschlöcher sind. Und nicht verstehen können, warum einer nicht kämpfen und töten und rauben und brandschatzen will. Warum einer zufrieden ist. Die meisten sind dümmer, als sie sich eingestehen wollen, weil sie nicht sehen wie kurz das Leben ist. Viel zu kurz, um sich über alle aufzuregen, die reicher oder ärmer oder heller oder dunkler oder dümmer oder klüger oder allgemein anders sind. Schließlich ist die Welt rund. Vermutlich, damit man den Blick leichter abwenden kann. Und nachdem man die Schönheit und den Detailreichtum der Welt eingesaugt hat, kann man sich zurückdrehen und erleichtert feststellen, daß alles doch gar nicht so widrig war. Und lachen und lachen und lachen. Weil die Zeit zu kurz ist, um schlechte Laune zu haben.

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