Die andere Seite des Tages

Halbgedachtes die andere seite des Tages

Im Osten bricht die Nacht auf, ein neuer Tag bricht an. Es ist kaum sieben Uhr. Ich sitze auf dem Balkon und lasse mir von der klaren, kühlen Luft des Morgens den Schlaf aus den Falten klopfen. Von innen hilft ein zu starker Kaffee mit.

Unten auf der Wiese hat eine kleine Eichhörnchen-Herde wohl einen Streich ausbaldowert. In DNS-Formation schlängeln sich die beiden wieselflinken Rothäute auf den Wäscheplatz zu. Obwohl ich nichts von Bedeutung erspähen kann, scheint irgendetwas dort ihr Interesse geweckt zu haben. Mit der nervösen Aufmerksamkeit, die bei ihrer Spezies wohl nötig ist, schließlich könnte überall der Habicht lauern, tasten sie sich voran. Knabbern dann kurz an diesem oder jenem – putzig mit den Vorderpfoten greifend – und zischen wieder ab. Zack! In Schlangenlinien die Rinde empor. Hit and Run. Insgesamt in vielen Facetten einem Ninja-Angriff ähnlich. Oder zumindest dem, was ich mir darunter vorstelle.

Schließlich war die ganz Aktion recht schnell wieder vorrüber. Ernie und Bert, oder wie man heutzutage unter Eichhörnchen so heißt, Marianne und Michael vielleicht, haben es sich in ihrem Kobel wieder gemütlich gemacht. Abgesehen von einer immensen Menge paarungsbereiter Vögel, die sich nicht scheuen ihrem Begehr Ausdruck zu verleihen, bin ich also wieder allein. Ganz hinten im Hintergrund dröhnt die Autobahn noch ein wenig. Glücklicherweise filtert mein Hirn dieses Grundrauschen größtenteils heraus und wenn ich mich nicht explizit darauf konzentriere, höre ich es beinahe gar nicht.

Weil heute Samstag ist, schlafen die Menschen noch. Sogar das Rentnerehepaar, welches unter mir wohnt. Beide 70. Oder schlimmeres. Sie übernimmt jeden Tag die Einkäufe und fährt mit dem Fahrrad los. Bei ihrer Rückkehr klingelt sie zweimal in einem bestimmten Code. Damit weiß der werte Gatte, dass seine Holdeste zurückgekehrt ist. Er stülpt sich die Pantoffeln über und schlurft hinab, um ihr Fahrrad für sie in den Keller zu wuchten. Anfänglich nervte mich, daß dieser schrille Kommando-Klingelton alltäglich bis in meine Wohnung dringt und ich schimpfte innerlich. Doch an manchen Tagen wünsche ich mir, daß auch bei mir jemand zweimal klingen würde, damit ich ihr das  Fahrrad in den Keller bringe. Nur 70 müsste sie nicht sein. Oder schlimmeres.

Vielleicht würde ich dann auch mal etwas länger im Bett bleiben und nicht mit dem Sonnenaufgang erwachen, wie ein mittelloser Kokabauer in Zentral-Paraguay. Oder vielleicht auch nicht. Schließlich ist es ja beinahe, als ob das Tageslicht dazu geschaffen wurde die Hübschigkeit der willfährigen Gespielin zu bestaunen. Was das milde Morgenlicht mit den feinen Zügen und Strähnen eines ohnehin schon anmutigen Antlitzes anzustellen weiß, ist mit menschlichen Sinnesorganen nur noch am Rande fassbar. Da heißt es mithin schon: Obacht! Nicht das der Herzschlag einen Schluckauf bekommt. Während über den Tag der Sonnenstand dann wieder gen Dämmerstimmung sinkt, fällt auch die Blutverteilung mit ihm ab. Akzentuierende Schatten an den Serpentinen der Angebeteten drücken den Blutdruck zur Körpermitte. Eher in den Bereich: Fachgeschäft für Ehehygiene. Obwohl man gar nicht verheiratet ist. Oder derzeit zu zweit. Und deshalb bin ich als einziger wohl auch schon wach.

Ein wenig ist das ein Gefühl wie bei Robinson Crusoe. Als gehörte mir die Welt. Meine Welt zumindest. Irgendwo leben andere Menschen, aber sie sind unerreichbar fern. Gesprächspartner finden sich nur im Tierreich und in den hellgrünen, bereits sonnendurchfluteten Frühlingsmänteln der Pflanzen. Gar kein schlechtes Leben. Wo ich doch ohnehin ab und an mit einer Reservepersönlichkeit so witzige Sachen denke, dass die derzeit verwendete Persönlichkeit überrascht losprusten muß. Comedy Central direkt verbaut. Gute Laune garantiert, auch ohne Klatschlieder und Männerballett. Gott sei Dank. Wenn ich mich etwas konzentriere, kann ich vielleicht sogar mit einer inneren Stimme im Kanon singen und weite Teile der Musikgeschichte damit neu schreiben. Unterhaltung auf sehr, sehr überschaubarem Niveau. Aber ich bin mein eigener Claquer und werde mit frenetischem Beifall einzufallen wissen.

Ein jedes Mal ist es wieder erstaunlich, wie viel Platz der neue, leere Morgen für derlei Gedankenfirlefanz lässt. Alles scheint in diesen ersten, kühlen, hellblauen Stunden möglich. Die Welt immer ganz neu. Jeden Morgen. Bereits zum x-millionsten Mal. Jeder Sonnenaufgang ein kleiner Schritt Richtung Zukunft. Vielleicht stoße ich mir nachher noch den großen Zeh an der Kommode und erfinde ein neues gar schreckeliches Schimpfwort dabei. Vielleicht liege ich später auch noch mit einem ganz tollen Buch unten auf der Wiese und provoziere damit die Eichhornbande zu einem Raubüberfall. Vielleicht gehe ich auch um 9 Uhr wieder schlafen und träume davon wie es wäre erst um 10 Uhr aufzustehen. Vielleicht klingelt eine neue, attraktive Nachbarin nachher bei mir und bittet mich ihr Fahrrad in den Keller zu tragen. Was ich vielleicht sogar ablehnen würde, weil ich sie ja gar nicht kenne und so was nur in den Leserbriefen des Penthouse Magazins vorkommt. Man wird sehen müssen. Wir sehen uns, in jedem Fall. Wir sehen uns auf der anderen Seite dieses Tages.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.