Der Wechsel

der wechsel

Irgendwie verstehe ich diesen ganzen Firlefanz um den Jahreswechsel nicht. Mit wieviel Nachdruck darauf bestanden wird, daß es sich um einen ganz besonderen Tag handele. Welcher natürlich mit einer imposanten Menge Alkoholika und Sprengstoff zelebriert werden muß. Dieser Tage für mich nur noch wenig nachvollziehbar. Außer, daß man sich einen neuen Kalender kaufen muß, ist der 01.01. doch eigentlich wie jeder Monatserste. Und wenn man einmal Gandalfs Feuerwerk im ersten Teil vom Herrn der Ringe gesehen hat, wissen einen die murkeligen Aldi-Raketen, 10 Stück 10 Euro, auch nicht mehr wirklich vom Hocker zu hauen.

Auf gewisse Weise sind diese ganzen Silvesterfeierlichkeiten wie Pferde. Es gibt große, es gibt kleine. Es gibt haarige und es gibt breite. Manche sind laut und manche sind wunderschön. Aber im Großen und Ganzen gilt: Kennst du eines, kennst du alle. Immer das gleiche Brimborium. Schluckspechten, runterzählen, umarmen, entzünden, jubilieren. Da hat sich schon ein Automatismus eingeschlichen, der wahre Freude durch antrainiertes Frohlocken ersetzt hat. Ich saß in der Nacht der Nächte auf meinem Bettchen und hörte auf dem Gelände des angrenzenden Garagenhofes mehrere, wohl junge, Menschen „Party, Party“ skandieren. Obwohl, oder gerade weil, es erst kurz nach neun Uhr abends war, konnte ich mich perfekt in sie hineinfühlen. Ich konnte mir die Situation, in der sie waren, detailliert vorstellen, weil ich selbst schon so oft darin war. Was sie untereinander sagten, was sie sangen und hörten, wieviel sie schon getrunken hatten, wie das alles enden würde. Ich stellte mir genau vor, wie es sich anfühlen musste, nun gerade mit ihnen dort unten zu sein. Dann verglich ich diese Empfindung, mit meinem tatsächlichen Gemütszustand.

Im Fernsehapparat hatten just die Teenager vom zweiten „High School Musical“ in die Stimmpfeife geflötet und huben nun zu schalmeienden Gesängen an. Ein mächtiges Grinsen bemächtigte sich meines primären Gesichtsloches. Neben mir lag mein aktuelles Buch und Maßnahmen zur Notiznahme. Daneben ein Gedichtband und allerhand Fernbedienungen. Irgendwo stand eine Cola rum und prickelte wahrscheinlich leise ins PET. Dutzendfach zwiebelten mir amüsante Gedanken durch die Rübe und ich fühlte mich frei und reich und ausgefüllt und schwerelos und glücklich. Glücklicher auf jeden Fall, als diese „Party, Party!“-Schreier unten auf dem Garagenhof, die eigentlich nur tradierten Werten folgten und sich so verhielten, wie es von ihnen erwartet wurde.

Unerwarteterweise hatten aktuellste Ereignisse dazu geführt, daß auch ich ein wenig resümierte. Welche Ereignisse hatten die vergangene Zeit bestimmt; was war ursächlich dafür, daß man sich in der momentanen geistigen Verfassung befand? Wieder einmal überraschendes Aufeinandertreffen kurz vor Kassenschluß. Das Jahr hatte schon mit der Abrechnung begonnen. Wollte gerade abschließen. Und dann du mit deinen Photonen, die direkt durch die Pupille auf die Netzhaut pfeffern und das Sichtfeld scharf machen. Und es kommt mir wieder vor, als könnte ich die Bewegung der Erde spüren. Wie sie mit 1000 km/h um ihre Achse tanzt. Gerundet. Mit dir ist es als könnte ich die Bewegung der Erde spüren. Wie sie mit 100.000 km/h um die Sonne reist. Auch gerundet. Mit dir ist es als könne ich ewig meine Runden drehen. Immer um dich. Immer um den Mittelpunkt des Universums. Du bringst mir Bücher mit und gute Laune und viel zu wenig Zeit.

Wir plaudern und ich plappere. Verhaspele meine vielen Gedanken. Kann kaum erklären, daß mein Hirn sich beinahe „ausgedacht“ anfühlt. Muskelkater. Erschöpfung. Leider kann man ihm seine Urlaubsbräune nicht ansehen, obwohl es sich so anfühlt. Entspannt durch Anspannung. Und du schmunzelst und verstehst mich und lässt mich weitererzählen, wie schön die freie Zeit ist. Allen Gedanken kann ich nachhängen, allen. Ich lese und folge Querverweisen. Mache Notizen und Skizzen und male etwas. Ich schaue mir Videos an und kaufe Alben. Ich singe und stimme und stimme mir zu. Ich lache und lache und lache. Der alte Oppressor Zeit mit seiner Terminpeitsche ist tot und ich tanze auf seinem Grab. Obwohl ich sonst nie tanze. Ausnahme vor lauter Frohmut vermutlich. Du lässt mich schwadronieren und schmunzelst amüsiert. Ab und an Einwürfe. Unterstützungsideen. Um die Ecke gedacht. Wunderbar.

Derlei entsinne ich mich nun, während ich dem neuen Jahr entgegenstrebe. Gegen elf schon sinke ich ermattet und froh in die Kissen. Aus dem Fernseher erläutert mir eine Dokumentation die klimatischen Besonderheiten des Galapagos-Archipels. Sanft drifte ich in Dunkelheit. Ein mächtiger Radau veranlasst mich eine Stunde später kurz aufzuwachen, „Schnauze!“ in die Dunkelheit zu rufen, mich umzudrehen und weiterzuschlafen. Erst kurz nach fünf, als die letzten gerade zu Bett zu gehen zu scheinen, erwache ich wieder und stehe auf.

Düster und nebelig ist die Welt. Was will man auch von einem Jahr erwarten, das auf einen Freitag beginnt. Ein vergnüglicher Faulpelz eben. Ein pfiffiger Nieselregen vernichtet derweil Brandgefahren. Sicherheit ab der ersten Stunde. Löblich. Ich lasse den Blick über den orangenen Laternenschein schweifen, der Teile der schwarzen Nacht in den Morgen reißt und ihre Nebeltutus sichtbar macht. Alles leer und voller Möglichkeiten. Alles neu. Alles wundervoll leise. Vielleicht rufe ich dich mal an. Frage, ob du dieses Jahr schon etwas vorhast. Gleich mal Termine machen. Vielleicht rufe ich dich mal an. Erzähle dir, wie glücklich ich gestern war, als sie „Party, Party“ geschrien haben und die High School Musikanten einen Liedvortrag darboten. Bestimmt lachst du dann auch. Vielleicht rufe ich dich mal an. In fünf bis sechs Stunden. Wenn die Welt wieder wirklich ist und das neue Jahr tatsächlich begonnen hat und der ganze Firlefanz um den Jahreswechsel vorbei ist.

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