Der Umzug

Umzug

Man muß kein Raketenchirurg sein, um festzustellen: Umzüge sind scheiße! All das ein- und ausgepacke, ab- und angeschraube und hoch- und runtergeschleppe. Der ganze Lärm und Staub wenn Löcher für Lampen und Bilder und Lautsprecher gebohrt werden müssen. Das ziehen und schieben und zerren und drücken. Und kaum denkt man, nun sei es geschafft, beginnt auch schon der Marathon der Adressänderungsmitteilungen und Postweiterleitungen. Zum Glück gibt es zwischendurch natürlich auch ein paar Lichtblicke, leider weiß man davon aber am Anfang noch nichts.

Kaum hat man sich entschieden die Wohnstatt zu wechseln, die Gründe hierfür können mannigfaltig sein, Frau, Kind oder Job weg oder da, Haus abgebrannt, semiprofessionelles Mietnomadentum, Bücherstapel, die die Laufstraßen unnötig einengen, beginnt auch schon das Rumgeeiere. Die erste Euphorie, welche nach der Fassung des Entschlußes aufkam, wird nämlich rasch ausgebremst, wenn man die Marktsituation evaluiert. Allerhand Rattenlöcher in zweifelhaften Gegenden zu überzogenen Preisen werden da angeboten. Wohnungen in Gebäuden, die dem Buschfunk nach nur von Schimmel zusammengehalten werden. Blumige Immobilienformulierungen für haftraumartige Nasszellen in Hinterhöfen. Charmant umschriebene Architektur auf Nachkriegsniveau. Kostenprofile, daß den Kontoauszügen ganz schwummerig wird. Kaum gestartet also, schon eine Vollbremsung, denn eigentlich wollte man sich ja verbessern und nicht aus der geschlossenen Abteilung direkt weiter auf die nächste psychiatrische Station ziehen. Daher ist Geduld gefragt. Obwohl man eigentlich Tempo machen will. Anrufen, nachfragen, weiter klicken. Anschauen, in Betracht ziehen und bei der Preisvorstellung energischst abwinken. Recht zügig wird dieser Art das Momentum gekillt, das man gerade erst aufgebaut hatte. Irgendwie hatte ich jedoch irgendwann mehr Glück als mir vermutlich zustehen sollte, und eine Verkettung glücklicher Umstände führte dazu, daß mir ein in beinahe allen Aspekten sehr geeigneter Wohnraum angeboten wurde. Müde von der Jagd und überwältigt vom überraschenden Erfolg, schlug ich also ein und erklärte mich bereit die benötigten Dokumente mit meiner Unterschrift zu versehen.

Zu diesem Zeitpunkt setzt ein leichter Aufwind im schmerzhaften Prozeß des Wohnungswechsels ein. Da sich ja mindestens die Raumaufteilung, in meinem Falle auch deren Anzahl, ändern wird, muß man schon mal nachgrübeln, wo man denn in Zukunft das 350 Kilogramm schwere Gründerzeitbuffet aufstellen möchte. Glücklicherweise ging mir das recht elegant von den Synapsen, da ich ein solches Möbelstück nicht besitze. Aber auch der tatsächlich vorhandene Kram muß ja irgendwo platziert werden. Da außerdem angedacht war, beinahe das gesamte Altmobiliar in frisch zerlegten Presspanteilen dem Sperrmüll zu übereignen, war dies auch der Zeitpunkt die Usability verschiedenster Einrichtungswebsites mal einer sehr genauen Prüfung zu unterziehen. Was es nicht alles gibt.

Hängesessel und Drehschränke und Klappherde. In weiß, lila und Tigerprint. In häßlich, mittel und „wenn es denn sein muß“. Von beinahe geschenkt bis „das Furnier ist in Diamanten gefasst“. Eine Mammutaufgabe. Schließlich soll er ganze Kram ja auch irgendwie zusammenpassen. Und der Kram, den du schon hast muß ja auch irgendwie da hinein gehen. Mit laienhaften Innenarchitekturansichten wird also sondiert und geprüft. Geplant und geschoben. Mit Zollstock und Grundriss. Listen mit immer mopsiger werdenden Endsummen werden angelegt und dem immer ausgemergelterem Kontostand gegenüber gestellt. Lieferzeiten und -konditionen geprüft. Kompromisse und Abstriche gemacht. Alles durchgestrichen. Noch einmal von vorn. Bis irgendwann feststeht, welche Holznebenprodukte man verschraubt und gepolstert in die neuen Räumlichkeiten bugsieren will.

Nun will deren Beschaffung sinnvoll geplant sein. Was schleppt man selbst und was lässt man lieber von ausgebildeten Maurerdekolletés hinaufwuchten. Macht es Sinn zuerst den Handtuchhalter anzuschrauben oder sollte man nicht lieber erst einmal einen Kühlschrank und ein Bett vorrätig halten. Außerdem muß ein Gefühl für die Dreidimensionalität der gewählten Möblierung erlangt werden, ein Raumgefühl gewissermaßen, was mich veranlasste diese doch mal in ihrem natürlichen Habitat, bei IKEA, in Augenschein zu nehmen. Nebenbei sei bemerkt, das ich mich normalerweise nicht in Verkaufsstellen dieser Couleur aufzuhalten pflege. Eine ganz neue Welt des Wahnwitzes tat sich da auf. Als ich zum Beispiel in einem hübsch zusammengedengelten Jugendzimmer stand und bestaunte mit welchem Sinn für Details hier alles aufeinander abgestimmt war und sich plötzlich von außen der Vorhang des angedeuteten Fenster aufschob und eine bunt verschminkte Oma hineinlinste. Ein leichter Satz rückwärts, um außerhalb ihrer Bißdistanz zu gelangen und Erleichterung keine Erdgeschoßwohnung gewählt zu haben waren die Folge. Außerdem ist die Luft in so einem Großraumappartment, welches solch ein Markt ja darstellt, echt zum Würgen. Als ob du beschlossen hättest die Loveparade dieses Jahr in deiner Wohnküche zu veranstalten, latschen Hinz und Kunz mit Knoblauchatem und bauchfreien Tops, inklusive überquellenden Wülsten, oder lautstarken Abwägungen durch das Gelände. Am Ende kommst du im Lager an und willst locker flockig den Karton mit dem neuen Bücherregal auf deinen Wagen ziehen. Arschkarte. Du perlst an der Kartonage ab, wie ein Dreijähriger, der einen Kasten Bier auf die Dachterrasse schleppen soll. Siebenunddreißig Kilogramm. Ungeheuerlich. Für ein paar Bretter und Schrauben. Und du brauchst nicht nur erstens zwei davon, sondern musst sie zweitens auch noch in die dritte Etage schleppen. Kurzes Stretching, in die Hände gespuckt, tief durchgeatmet, stöhnend zerren und bugsieren. Dann noch den Rest eingesammelt und ab zur Kasse. Dort konnte ich glücklicherweise nicht nur den Schwerlasttransport aus dem Lager auslösen, sondern auch den Obolus für die lange Liste an Dingen entrichten, welche ich nicht plante selbstständig hinaufzuwuchten. Das sollte mal schön so ein Blödmannsgehilfe von IKEA machen. Der hat ja auch ganz anderes Werkzeug. Einen Gewichthebergürtel vermutlich. Und einen guten Chiropraktiker. Erstmal also mit einem kleinen Teil ab nach Hause und selbst geschleppt, bevor es daran ging der reich bebilderten Anleitung zum zusammentackern der Möbel akribisch zu folgen. Schraube A in Loch B, Vorsicht mit dem Cutter, hier brauchen Sie eine zweite Person. Easy as pie.

So hatten wir flugs in vorher leeren Räumen neuen Stauraum geschaffen, den es nun galt etappenweise mit Inhalt zu füllen. Um nämlich den eigentlichen Umzug kurz und knackig zu halten, schnallte ich mir von nun an mehrmals pro Tag meinen Rucksack und eine große Sporttasche um und schleppte Buch um Buch und Teller um Teller und Sockenpaar um Sockenpaar vorab hinüber. Glücklicherweise war einer der überrascht aufgetretenen Vorteile des neuen Domizils, das dieses nur einen leicht zu bewältigenden Fußmarsch vom alten entfernt lag. Ansonsten wäre ich wohl verrückt geworden. Also noch verrückter. Während sich also hüben die neuen Schränke füllten, wurden sie drüben immer leerer und Stück für Stück zu Bretterstapeln verarbeitet. Das Leben zwischen diesen Stapeln zeigte sich erstaunlich komfortabel, schließlich gab es hier wenigstens einen Schlafplatz und die Möglichkeit eine Mahlzeit zu erhitzen. An dieser Stelle sei angemerkt, daß der Hersteller nicht umsonst „19 kg“ auf den Karton der neuen „mit allem Schnickschnack“-Mikrowelle druckt und es eine echt doofe Idee ist, diese morgens vor der Arbeit noch „schnell“ in die neue Wohnung schleppen zu wollen. Ja ja, der Übermut der Jugend.

Während nun also die eine Adresse in einen bewohnbaren Zustand versetzt wurde, und die andere immer mehr zu Dresden ´45 wurde, galoppierte die Zeit bis zum endgültigen Wechsel der Anschrift dahin. Durch unermüdlichen Einsatz der Beteiligten konnte der Plan jedoch erfüllt werden, so daß es am Samstag des Umzuges eigentlich nur noch darum ging ein hübsches Trümmerfeld für die Männer vom Sperrmüll-LKW aufzuschichten. Zu meinem Glück war ich der unausgesprochenen Regel gefolgt für Anlässe dieser Art die benötigte Personalstärke immer mindestens um 5/9 über zu kalkulieren, da die „didn´t show up“-Rate erwartungsgemäß hoch war. Nachvollziehbar, aber ärgerlich. Dennoch gelang es uns in rasanten anderthalb Stunden den ganzen Schrott nach unten zu schleppen. Interessanterweise erwies sich die Befürchtung Arschlochnachbarn könnten den Haufen bis zur Abholung unangenehm anwachsen lassen, indem sie einfach noch ihre eigene durchgefurzte Matratze raufschmeissen, als vollkommen konträr zur Wirklichkeit. Kaum standen nämlich die ersten Küchenschränke, welche wir zur Vereinfachung des Transports nicht auseinandergenommen hatten, unten, kam auch schon einer und fragte, ob er die nicht haben könnte. „Immer nimm´. Mußte aber selbst wegschleppen“. Kurz darauf, wir hatten gerade Herd und Kühlschrank mit einem vom Getränkemarkt geliehen Sackkarren hinuntergewuchtet, kam der Nächste. „Habt ihr hier auch einen Geschirrspüler dabei?“. Zum Glück hatte irgendein vorausahnender Fuchs am Vorabend tatsächlich schon einen dort hin gestellt, so daß ich den Interessenten auf das gute Stück verwies. Und so kam es, daß wir den Stapel nur recht langsam anwachsen lassen konnten, weil immer wieder dieser oder jener sich irgendein Stückchen herauszerrte. Am Abend muß wohl sogar jemand vorgefahren sein, welcher sämtlichen Elektroschrott, inklusive der Großgeräte, fachgerecht in seine Obhut nahm. „Der Pole“, munkelt der Buschfunk. „Mir egal, Hauptsache die Kacke ist weg.“, raune ich zurück.

Nach getaner Arbeit lud ich die fleißigen Helfer zu einer Gerstenkaltschale in die neue Wohnung. Obwohl die Ausgabe von Bieren bei Umzügen Usus zu sein scheint, möchte ich doch anmerken, daß es mir mindestens mittleres Unbehagen bereitete Finanzmittel für dergestalte Beschaffungen zu verwenden. Ein Interesse mitzuschlürfen war zwar nicht vorhanden, aber eigentlich ist in diesem Bereich durch mich ein Ausgabenstop verhängt worden, welchen ich nur ungern breche. Naja, ich verteilte also die Getränke und führte durch die neuen Räumlichkeiten. Eine klare Verbesserung wurde mir bescheinigt, was zwar eigentlich kein schwieriges Unterfangen war, mich aber ob der vielen nötigen Arbeit zur Erschaffung dennoch fröhlich stimmte.

Und nun sitze ich hier beziehungsweise laufe ständig vor und zurück, weil ich nicht weiß, wo ich meine ganzen Sachen verstaut habe. Suchen und kramen. Außerdem sind die Wege länger, weil ja viel mehr Platz ist. Zusätzlich zwinge ich mich nur auf dem Balkon zu rauchen. Was eigentlich kein Problem wäre, würde ich nicht beim Verfassen dieser Texte normalerweise nach jedem Absatz eine Kippe entzünden. Aber ständig rausrennen ist auch kacke. Ganz ideal sind meine Laufwege in ihrer Effizienz auch noch nicht. Telefon im Schlafzimmer, Feuerzeug auf dem Balkon, Rucksack im Flur. Ich zu spät. Ich klügele noch, wie hier Verbesserungen zu verwirklichen sind. Dann wiederum stehst du mal auf dem Balkon und aus dem schmalsten aller Grünstreifen hinter dem Haus, wo ohnehin schon zehntausend Vögel bellen und ein vorwitziges Eichhörnchen seinen Kobel gedrechselt hat, tritt ein Reh aus dem Morgennebel und äst sich gemütlich einen ab. „Klare Verbesserung zu den lautstark vollgekotzten Alkis von gesterntag!“, denkste da. Und dann stehste eine halbe Stunde vor deinen frisch gerahmten und aufgehängten Bildern und grinst dämlich ins Nichts, einfach weil es schön ist. Und dann darfste dir einen neuen Fernseher kaufen, der hübsch mit im Netzwerk hängt und deine Medien abspielt. Und dann drückste auf der Fernbedienung der Lichtleiste auf „Grün“, woraufhin sie in eben dieser Farbe dein Bett hintergrundilluminiert. Und dann weißte, das auch der beschissenste Umzug irgendwann zu Ende ist und alles gut werden kann.

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