Der Tanz

der Tanz

Die Musik ist laut. Sehr laut. Physisch laut sogar. Lautsprachen versagen in dieser Umgebung. Außer man ist bereit und willens seinen Gegenüber anzuschreien. Und sich retour selbst anschreien zu lassen. Zwar lehnt man sich dafür fast empfindsam ins Gesichtsfeld des Plauderpartners, aber das Geschrei besteht ohnehin nur aus verknappten Sätzen. Und so schwingt bei dieser beinahe militärischen Kommunikation immer auch etwas Aggression mit. Aber was will man schon machen: Anpassen oder Aussterben.

Alternativen werden evaluiert. Gebärdensprache vielleicht. Handzeichen für dieses und jenes. Bestimmt sogar für „Abschlußprüfung“ und „Schwangerschaftstest“. Könnte klappen. Und das Geschreie wäre passé. Wenn die Beleuchtung einleuchtende Gesten ermöglichen würde. Tut sie indes nicht. Vielmehr stroboskopt sie konvulsiv im Takt der zu lauten Musik mit. Mithin 120 Blitze pro Minute. 120 BpM. Da kräuselt es dir die Netzhäute. Dein Gegenüber scheint unterdessen mit zu zucken und weder Geste noch Gebärde sind abschließend auszumachen. Könnte praktisch alles heißen. Von „Schafrektum“ bis „Krangondelfenster“. Aber wir sind ja auch nicht zum Quasseln hier.

Die Noten gleiten in die Nerven und die bewegen dann die Muskeln. Vornehmlich im Arm- und Beinpaar. Bei Fortgeschrittenen sogar im Hüftbereich. Es darf gezappelt werden. Und eigentlich machen sogar fast alle dieselbe Bewegung. Füße zusammen, linken Fuß nach außen. Füße wieder zusammen. Rechten Fuß nach außen. Wiederholen. Und eigentlich müssten sich sogar fast alle gleichzeitig bewegen, weil die Musik ja den Takt vorgibt. Mitnichten jedoch. Man gesteht sich Interpretationsspielraum zu. Freien Ausdruck. Körpersprache.

Da hätte ich ja auch schon zu Beginn mal drauf kommen können. Eine kurze Studie der mannigfaltigen Fußpaare scheint Gewißheit zu verschaffen. Kommunikation findet hier auf einem ganz anderen Niveau statt. Dem Bodenniveau nämlich. Behelfs der besohlten Beinenden wird tanzend getratscht. Wie im Bienenstock. Immer im Kreis. Immer von vorn. Ein wortloses Einvernehmen scheint diesbezüglich zu bestehen und ich stehe erstmal doof da. All die linguistischen Pfiffigkeiten, veritablen Bonmots und maßgeschneiderten Redegewänder nutzlos. Nutzlos, da durch mich allerallerhöchstens stümperhaft in Tanz zu übertragen. Ich tanze nicht. Nun gut, ab und an aus der Reihe, aber dann setzt schon die Anmutung von Gebrechlichkeit ein.

Eine fremde Welt. Fasziniert verliere ich mich in dem Schauspiel. Wie Cecil Rhodes kommt man sich bald vor. Entdeckung und Betrachtung eines indigenen Volkes. Der Hottentotten womöglich. Haltung und Wesen dem eigenen ähnlich, aber doch gänzlich neu. Ohrenbetäubende Trommeln geben den Takt vor, in welchem sich unter dem zuckenden Blitzgewitter ergötzt wird. Stampfendes schwofen mit schlenkernden Armen. Allerhand persönliche Noten werden nebenbei eingestreut. Markenzeichen womöglich. Müsste man in Vergleichsstudien erörtern. Hier ein elegant gebeugtes Knie, dort der schwungvolle Wurf des Haupthaares. Hüben riskantes Spiel mit der Rotationsachse, drüben inneres Exil mit geschlossenen Augen. Hier das enthusiastisch anfeuernde Hochreißen des Geärms, dort, naja, dort auch. Derwische und Kosaken und Tempeltänzer. Und ich. Das Schauspiel verblüfft betrachtend.

Kaum kann sich mir die Motivation der Beteiligten erschließen. Dem Anschein nach sind alle freiwillig hier versammelt und recht frohgemut bei der Sache. Doch wirkt hier Gruppenzwang? Einwilligen in eine vermutete soziale Norm? Der Wunsch auch als Erwachsener erkannt zu werden? So wie die coolen Draufgänger aus „Dirty Dancing“, West Side Story“ und „High School Musical 2“? Persönlich habe ich Tanz immer als ultimativen Ausdruck von Glück interpretiert. Als Übersprunghandlung von immenser Fröhlichkeit. Wenn man so freudetrunken ist, daß man annehmen muß es würde einen zerreißen. Nicht weiß wohin mit sich vor Ekstase. Wenn man meint das Herz würde einem vor Entzückung bald in der Brust zerspringen. Wenn das rauschende Blut berauscht. Dann tanzt man. Als Ventil des vegetativen Nervensystems. Unwillkürlich. Unbewußt. Ohne Scham, Scheu oder Stepptanzunterricht bei Detlef „D“ Soost.

Aber fühlt sich hier jemand so? Ist es möglich, daß die schiere Lautstärke der Musik die tanzenden in Euphorie versetzt hat? Es scheint mir zumindest fragwürdig. Gut gemacht, aus handwerklicher Betrachtung, ist das, was trommelnd, pfeifend, trötend, quietschend und zischend aus den Boxen wummert, allemal. Jedoch gut genug für Tollheit und Delirium? Ich finde nicht. Und bis auf einen, der hinten in der Ecke ständig laut pfeift und gröhlt, blicken auch alle eigentlich eher stoisch drein. Als spulten sie nur das erwartete Programm ab. Sozialisiertes Normverhalten. Oder ich unterschätze einfach die enthemmende Wirkung von Alkohol. In rasanter Abfolge ballern mir Erinnerungen durch den Kopf. Dinge, die ich im Suff bereit war zu machen und für absolut angemessen und gerechtfertigt hielt. Und in Sekundenschnelle hat sich das Mysterium in Wohlgefallen aufgelöst. Tanzt und seid glücklich.

One comment

  1. Danke Dir!
    Genauso.Wenn man nicht kann, wie das gemocht wird.
    Wiedermal eine eine bewegende Motivation „halbgedacht und halbgetanzt“ zu stöbern.
    Morgendliche Grüße,
    Sabine

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