Der Streit

lovequarrel

Bisweilen gerät man unvermittelt in ein Streitgespräch liebevoller Natur, in dessen Verlauf sich Rede und Gegenrede so elegant die Argumente zuspielen, daß man meint der verbalen Version eines südamerikanischen Tanzes beizuwohnen. Wenn die Dame ganz aufgeregt ihre Sätze ausbaldowert, die stets von einem ausführlichen, kurvigen, pektoralen Subtext begleitet werden, der schon an einem schlechten Tag ein halbes Dutzend Widerworte in die Erwerbslosigkeit entlassen könnte. Wenn man mit gedankenverlorenem Blick darauf Aufmerksamkeit zu simulieren sucht und damit seinen eigenen Behauptungen schmiedeeiserne Kugeln an die Knöchel kettet. Wenn sich ihr Puls dergestalt in die Schlussfolgerungen mengt, daß man ihn in Dezibel messen könnte. Wenn man Lautstärkelücken für eigene Beimengungen sucht und bald aufgibt ihnen Logik hinzu zu fügen. Wenn sie Zusammenhänge konstruiert und Verbindungen herstellt und Ereignisse verknüpft, welche eben noch ganz gemütlich und vor allem in Unkenntnis voneinander im warmen Nebel der Vergangenheit herumlungerten.

Wenn man mühsam diesen Zeitsprüngen folgt und mit zweifelhafter Feinheit eigene Erinnerungen erwidert. Wenn sie aus Versatzstücken Wahrheiten webt. Wenn man sich selbst um Kopf und Kragen redet, mehr noch Kopf und Kragen, ja Wohlbehalten, aufs Spiel setzt. Wenn ihre Augen in feuriger Rage funkeln und ihr die Sicht versperren. Wenn man eine unvermutete, unbekannte Schönheit in diesem Zornesfeuer wachsen sieht und sich verzückt davon die Urteilskraft blenden lässt. Wenn sie triumphierend „Gegen die besten Argumente der Welt kommst du wohl nicht an?!“ ausstößt und man „Mag sein, aber zum Glück treffe ich hier nur auf deine.“ denkt. Wenn man sich im Allgemeinen selbst zensiert, auf die Zunge beisst, versucht bedächtig zu formulieren, um nicht Zündstoff für neue Tiraden zu liefern. Wenn sie ab und an den Anschein macht, der Diskussion eine physische Komponente hinzufügen zu wollen. Wenn man schon die potentielle Wärme in der ohrgefeigten Wange aufsteigen meint. Wenn die Argumente sich umeinander gen Himmel schrauben und jeder noch eins draufsetzen will. Wenn man ihren hochroten Kopf bestaunt und dabei den eigenen verliert. Wenn sie den Raum verlässt und weiter wütet. Wenn sie zurückkommt und vorbeistürmt und ihre Aufgebrachtheit mit schönstem Doppler-Effekt an einem vorüberzieht. Wenn einen Hilflosigkeit überkommt, eine Zwickmühle zwischen Zuneigung und Zorn aufgespannt wird. Wenn beide eigentlich nur noch sprechen, weil der Streit am Rollen ist. Unaufhaltbar scheint.

Bis einer merkt, daß man sich einer Grenze nähert. Einem Punkt, der, einmal überschritten, nicht mehr vergessen zu machen ist. Bis beide bemerken, daß nun die Wahllokale geöffnet sind und man für Eskalation oder Empathie abstimmen kann. Bis man sich entscheidet die Meinung des anderen anzunehmen, mit den eigenen Ansichten zu verweben, sie sich eigen zu machen. Bis man begreift, daß wertvolleres auf dem Spiel steht als flüchtige Befindlichkeiten. Gesenkte Blicke beiderseits. Wortkarg verschränkte Arme. Die Stille nach dem reinigenden Gewitter. Keiner sagt etwas, da beide zugleich gewonnen, aber auch verlorenen haben und sich dies grummelnd eingestehen müssen. Obwohl man selbst das lautlose Unbehangen dieser Momente kaum ertragen kann, will man nicht, daß es ihr genauso geht. Sorgenvoll, schuldbewußt, innerlich zerissen, wandert die Sicht zu ihr herüber. Wie sie da sitzt. Schmallippig, von eben noch kochendem Blut durchströmt, doch schöner als man es Augenblicke zuvor noch zu denken im Stande war. Zur Überraschung darüber gesellt sich ihr langsam hebender Blick. Und in dem Moment, da sich die Augenpaare treffen, bleibt einem kurz das Herz stehen. Wie unsagbar wundervoll ist dieser Ausblick. Wie makellos die Schönheit, von innerem Leuchten umstanden. Wie unfassbar kurzsichtig war es, ihre hinreißende Gegenwart mit Gezeter zu verschwenden. Magnetisch zieht ihr Blick nun an und gleicher Art strebt sie zu ihm. Man fasst sich, presst seufzend die Herzen aufeinander, will nie mehr diesem Griff entfliehen. Man riecht ihr Haar das vanillen die Nase kitzelt. Man spürt die Glut, die, wutgeschürt, noch immer ihren Körper durchzieht. Und für herrlich endlose Sekunden lassen beide leicht voneinander ab. Gerade soviel, daß die Blicke sich zu treffen vermögen. Es scheint fast, als könne man die Gedanken des anderen sehen, fühlen. Man spiegelt sich, findet sich wieder und entdeckt doch soviel neues. Soviel besseres, schönes. In unabgesprochener Synchronität nimmt Lächeln die Gesichter in Beschlag. Der Unsinn des Unmuts ist einmütig vergessen. Ein unausgesprochener Friedensvertrag unterzeichnet. Und wird mit einem Kuss besiegelt.

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