Der Schlagzeuger des Biorhythmus

Biorhythmus

Mein Murmelinneres wird hier mächtig zwischen Wellenklüften und -bergen hin- und hergeworfen. Ich drifte inmitten wuchtiger Massen aus Bewusstsein und Traumverstand. Alle Wasser waschen an den Vorstellungen, fluten die Gedankengänge. Ruinen. Erosion. Abrieb. Der Leuchtturmwärter ist krank geschrieben. Aufs Kind. Keuchhusten. Muß man im Auge behalten. Schlurfend knistern seine Pantoffeln über den Teppich aus verlorenen Fäden. Sein Turm zuckt währenddessen orangegelb ins indigo. Lange kann das nicht mehr gut gehen.

Kurz scheinen mir die Nächte dieses Winters. Muß wohl an den ständigen Unterbrechungen liegen. Zu Beginn noch Freude. Glück, wie es nur wenige Momente kennen, da sich der Schlaf zärtlich einschleicht und dir mit weicher Hand die Sinne stiehlt. Hypnagogisches Hinübergleiten in Sonderbares. Als wenn geflüsterte Lieblichkeiten dir die Lichter aushauchen. Sinken in den Dunst. Ins blau, dunkelblau, schwarz. Plötzlich jedoch Rattern und Rumpeln. Anschwellende Stimmen im Kopf. Anmerkungen, Einwürfe, Vorschläge, Bekanntmachungen, Absichtserklärungen, Vermutungen, Nachfragen. Kauderwelsch. Da bleibt nur die Flucht in die Realität. Zähe Melassemassen scheinen dorthin zu zerren zu sein. Elastische Taue, die in der Traumwelt verankert sind und doch unvermittelt reißen. Peng! Knall! Augen aufgerissen. Ringsum lila Dunkel.

Einem feuchten Filzstiftklecks gleich, fließen mir die Sinne in die Zwischenzeit. Hier ist nicht wirklich Nacht, aber auch noch nicht Tag. Ein Uhr ist es wahrscheinlich. Oder zwei. Unterscheidet sich im Anblick nicht großartig. Ich atme tief ein und begrüße mich selbst zurück im Leben. Immer wieder erstaunlich und erfreulich, wenn einen der Schlaf abermals an das Bewußtsein übergibt. Müsste halt nur nicht zu dieser Stunde sein. Der Sonnenaufgang ist noch weit entfernt. Schade eigentlich, wo ich die brennenden Horizonte doch so liebe. Ihr Farbenspiel, das Neubeginn und Möglichkeiten verheißt. „Warum bist du eigentlich so fixiert auf diese blöden Sonnenaufgänge?“ hatte mich ein Mädchen einmal argwöhnisch gefragt. „Weil ich weiß, daß die Zahl derer, die ich ansehen kann, begrenzt ist. Daher ist es doch nur logisch jede Gelegenheit zu nutzen ihres wunderschönen Anblicks habhaft zu werden. Zumal diese Gelegenheit sich nur einmal am Tag ergibt. Und nicht auf irgendwelchen Posts bei Facebook mit Fotos von Halbfremden. Sondern das echte Ding. In 3D. Mit eigenen Augen aufgesogen. Der Anblick der brennenden Himmel, der die Netzhaut umhaut.“. Ich glaube sie hat das nicht so recht nachvollziehen können. Weiß nicht mal mehr, ob ich das könnte und würde den neuen Morgen gern zur Überprüfung heranziehen. Aber das dauert wohl noch.

Bis dahin könnte man eigentlich noch ein wenig schlummern. Abtauchen in Abstruses. Ich versuche im Schlaf zu versinken, der immer noch um mich herum wabert. Wo soll er auch hin, mitten in der Nacht. Meine Gedanken haften am Halbdunkel der Realität und versuchen mich zurückzuhalten. Gummibandwiderstand. Ihre Kohäsion ist nicht mit Konzentration zu bekämpfen. Ich höre ihnen einfach nicht mehr zu. Diskutiere nicht mehr. Analysiere nicht mehr. Gebe auf. Gebe ab. An die Traumwelt. Alles nur noch Imponderabilien. Wundervolles wabern. Gleiten. Ich bemerke wie die Gedanken Wellenformen annehmen. Hier ist alles möglich. Gesichter und Stimmen mischen sich. Vielerlei Fragen und Lieder und verquirlte Erinnerungen. Wie die Silhouette der Geliebten sich im Morgenlicht seufzend vom Dunkel der Nacht abhob, als stünde man am Fuße des Kilimandscharo und wähnte in der dunstverhangenen Ferne der Steppe das sanfte Wogen und die ewige Schönheit einer Gebirgskette. Wie zu einer gänzlich anderen Zeit Liebeskummer ein dunkles, pulsierendes Loch in die Körpermitte zu reißen schien. Ein Loch von dessen Rand immer wird Stücke abbrachen und hineinstürzten. Und obwohl man weiß, daß der Schmerz irgendwann weniger wird, schien die Zeit bis dahin unendlich zu sein. Erinnerungen, die hier losgelöst in der Unendlichkeit existieren und sich wandeln. Traum.

Allmählich drängen von der Peripherie jedoch schon wieder die Vorboten der Wirklichkeit vor. Noch ist kein ernsthaftes Erwachen in Sicht, aber die geträumten Halbwahrheiten beginnen schon aus der aktuell verfügbaren Realität ins Gedankenspiel hineinzuwachsen. Kürzlich war Enthaltbarkeitsjubiläum. Vier Jahre keinerlei Alkoholisches. Die Gründe für den Verzicht werden blasser. Die Entschlossenheit bleibt. Auch wenn die Entsagung dich zwar aus dem Gefängnis von Abhängigkeit und Morgenübelkeit befreit und doch immer wieder anhebt, dich in soziale Isolationshaft zu verbringen. Warum ich keinen mit dir trinke? Weil ich zwar ein richtig, richtig guter Säufer bin, aber gleichzeitig nichts anderes sein kein. Erwerbstätig, liebenswert oder zurechnungsfähig zum Beispiel. Es ist die Zeit der Glühwein- und Neujahrssektrechtfertigungen. Ich mag diese Gedanken nicht. Hangele mich an ihnen empor Richtung Erwachen. Dränge von innen an die Augenlider. Schiebe, drücke, presse. Tauche auf. Ein tiefer Atemzug, als hätte ein mittelmäßiger Apnoetaucher die Grenze zur Realität durchstoßen.

Immer noch Nacht. Der Schlagzeuger meiner Band „The Brain Experience“ scheint einen ganz falschen Biorhythmus vorzugeben. Ich denke kurz an meinem Körper entlang. Versuche die Glieder zu spüren. Alle Knochen scheinen in Erschöpfung eingewickelt zu sein. Ein Ringen mit den Augenringen wird wohl unausweichlich. Ich prüfe die Uhrzeit und entscheide, daß weiterer Schlaf keinen Sinn macht. Ich bin jetzt schon genervt und wenn mich in einer Stunde der Wecker kreischend in die Wirklichkeit bitten würde, wäre das einem munteren Morgen eher zusätzlich unzuträglich. Wie ein willfähriger Zombie spule ich die Alltäglichkeiten ab. Klo, Kaffee, Computer. Übermüdet werde ich mich dann zum Broterwerb schleifen. Jetzt schon ahnend, daß kaum Fröhlichkeit meine Lippen zu überqueren weiß. Wo sich sonst die Geisteshaltung eines Sechsjährigen mit der nüchternen Gelassenheit eines Sechzigjährigen vermengt, ist heute Methusalemkomplott. Steinalt. Wenn das Licht günstig steht. „Kannste mich mal am Gehirn kratzen?“, werde ich wohl fragen müssen, „Meine Gedanken jucken“. Dummaufmerksam werde ich in die Unendlichkeit linsen, wenn weite Teile des Zwischenhirns sich mal wieder zum Nickerchen verabschieden.

Das Schwerste wird, es leicht aussehen zu lassen. Die flatternden Gedankenenden zu verbergen. Kohärent zu konversieren. Die Fransen an den Sätzen abzuschneiden. Täglich wird es schwieriger und ich will nur noch schlafen. Telefone aus. Klingel aus. Licht aus. Schlafen. Keine Menschen, keine neuen Gedanken. Schlafen. Den alten Käse aufbügeln. Im Traumland klären, was die Realität vernebelt. Schlafen. Das Wochenende hat sich angeboten mich zu unterstützen. Es ist zwar etwas klein, aber bald soll sein großer Bruder eintreffen und bis dahin trinken wir einen Baldriantee und verbergen uns hinter sinkenden Lidern.

 


 

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