Der Sauerstoffmangel

Sauerstoffmangel

Schon als ich mich entschlossen hatte nur noch auf dem Balkon zu rauchen, begann mein Schreibritual darunter zu leiden. Kein lässiges Zurücklehnen und sinnloses Gepaffe mehr, während man über eine Wortgruppe nachgrübelte. Stattdessen alle paar Minuten hinaus rennen und dort die zweite Hälfte der Zigarette mit Macht wegsaugen, weil man eine Idee hatte und diese schnell notieren wollte. Nun, da ich mich entschlossen habe gar nicht mehr nikotinabhängig zu sein, wird die ganze Sache noch einen Zacken schärfer.

Die kurzen Pausen zur Reflektion und gegebenenfalls Neuorientierung fehlen. Die Rekapitulation der Ereignisse. Das Planen der Frisuren der nächsten Sätze. Es ist nicht dasselbe. Schon fragt im Inneren ein loderndes Fragezeichen, ob es nicht klüger sei, zumindest zum Schreiben, wieder mit dem Rauchen zu beginnen. Fingerzeigen und lautes „AaaaaaaHA!“ auf der anderen Seite. Darauf hat die Sucht nämlich nur gewartet; eine Ausrede. Und diese hier ist echt gut. Verhält sich doch diese eine Sache, das Schreiben, das ich so sehr liebe, merkwürdig und schmerzhaft und anstrengend. Kein freudiges Gegrinse, wenn qualmend der letzte Absatz observiert wird und dabei neue Ideen sprudeln. Überhaupt wird es eng mit der Sprudelei. Die grundlosen aber zielgerichteten Auszeiten von fünf Minuten Länge fehlen. Auch, um neuen Schwachsinn auszubaldowern.

Das Notizbuch hat es als Erster mitbekommen. Wie seine Seiten ungenutzt der Zeit ausgesetzt vergammeln. Es fehlt schlicht an Material, schließlich ist schon das Grübeln nicht zu vergleichen. Einfach nur so einige Minuten da zu stehen und verträumt ist nichts zu starren, kommt in weiten Bevölkerungsteilen eher merkwürdig an. Die brennende Kippe würde hierbei rasch versinnbildlichen, daß ich keine Gefahr darstelle und gleich sowieso wieder in irgendein Gebäude gehe. Daher müssen andere Methoden her. Nun muß ich den Geistesblitzen mehr auflauern, ihnen Fallen stellen, anstatt einfach mit offenen Augen und Mund ins Nichts zu linsen und sie zu erspähen. Fast Arbeit ist das. Mit recht mickriger Ausbeute.

„He da, He da“, scheppert es über das Kopfsteinpflaster, „der Scherenschleifer ist in der Stadt! Scheren, Messer, Beile! Scharf, wie am ersten Tage! Schwerter, Sensen, Skalpelle! Mit Schwung durch jeden Widerstand!“. Spitz klopft das Geschrei an die Fenster der windschiefen, bunten Häuschen. Schon reckt der ein oder andere seinen Kopf heraus, um zu sehen, wer den Höllenlärm dort fabriziere. Doch eben erst hat sich der neue Tag aus den Federn geschält, kaum erst wuchert Tageslicht. Nur schwache Sicht, durch Morgennebel. Nur Kontur, nur Schattenriss.

Sowas denke ich dann. Eher mittelinteressant. Wenn es hochkommt. Auch das die Recherche ergeben hat, daß es noch keine Heavy-Metal-Band namens „Steel Tampon“ gibt, ist eher eine Randnotiz, denn ein ausgewachsener Text. Nicht mal aus den eher pfiffigen Gedanken, kann ich vernünftige Verwertungen produzieren. So fand ich nämlich heraus: Frauen sind wie Ingwer. Kurvenreich und oft nur umständlich zu entblättern, bevor es scharf werden kann. Nicht schlecht, was? Aber leider dennoch zu wenig. Vermutlich hat die Rückbesinnung auf die notwendigsten Überlebensfunktionen, diese bahnbrechende Idee ermöglicht. Sie bemächtigte sich meines Denkkastens nämlich, als ich verschleimt und hustend Ingwer schnitt, um mich teegemäß zu kurieren. Ohnehin scheint der dem Rauchen nicht unähnliche Sauerstoffmangel der Erkältung kreative Kräfte freigesetzt zu haben.

Denn wieder einmal überraschten mich meine humorigen Gedanken, während ich in der Trostlosigkeit des Wartezimmers auf meine Verarztung, nun ja, wartete. Das mental anstrengendste des Prozesses ist nämlich nicht die zäh verstreichende Zeit, oder das ständige Gegrüße der Neuankömmlinge, ich war einmal wieder als Erster dort, oder das Husten und Schniefen und Röcheln der Mitinsassen. Vielmehr gereicht immer noch der ausgewählte Schlager-Radiosender, der den Raum beschallt, zu spontanen Suizid-Absichten. „.. und so liegt der Jugendliche nach dem brutalen Angriff immer noch im Koma. Soweit zu den aktuellsten Nachrichten und nun geht es weiter mit den Klöthentaler Bumsnudeln mit „Komm ma´, sonst komm I“ Viel Spaß! „. Da krampfen die wichtigsten Hirnaktivitäten schon kurz in Selbsttötungsabsicht und man unterdrückt mühsam ein schallendes Gelächter, um soziale Bloßstellung zu vermeiden. Das Gehörte fräst sich in seiner Absurdität jedoch fest. Man beißt sich sogar auf die Zunge, wenn die Ärztin fragt, wie denn das Befinden so sei. „Als ob ich besoffen in einem Schlafsack stehe und eine viel zu enge Gasmaske aufhabe“, möchte man sagen. „Schlecht. Bis sehr schlecht“, sagt man. Nicht ohne jedoch die fetzigere Antwort mental zu notieren.

Sollte sich in der Tat herausstellen, daß der Mangel von verwertbarer Atemluft die benötigten Hirnarreale kitzelt, stünde ich vor einer neuen Herausforderung. Schließlich kann ich ja nicht für jede Idee erstmal die Luft anhalten. Oder an einem Auspuff schnüffeln. Aber vermutlich müssen sich die Abläufe, nachdem sie sich siebzehn Jahre eingebrannt haben, ohnehin neue Furchen suchen. Und in diesen kann der Ideensaft dann neuerlich fließen beziehungsweise Luft holen. Hoffentlich.

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