Der Neid

Neid

Ab und an komme ich mir richtig naiv vor. Einfältig beinahe. Auf kindliche Art gutgläubig und vertrauensselig. Meist geschieht dies, wenn mir wieder einmal in Erinnerung gerufen wird, daß das Gros der Menschen sich mehr dafür interessiert, was andere machen und denken, als gemeinhin zugegeben wird. Aus Wettbewerbsgründen. Aus Konkurrenz. Um einen Vorsprung zu erlangen. Um besser dazustehen. Willkommen in der Ellenbogengesellschaft.

Nun ist es natürlich nicht so, daß ich üblicherweise annehmen würde, alle Menschen seien Engel und fühlten sich dem Allgemeinwohl verpflichtet. Vermuten würde, ein jeder hätte das Archaische hinter sich gelassen und würde jetzt planvoll, zukunftsorientiert und sozial handeln. Ganz im Gegenteil. Die Erfahrung zeigt nämlich, daß man erst einmal davon ausgehen kann, daß allesamt Idioten sind. Egoisten mit Sichtweiten bis an ihre Fingerspitzen. Nicht für fünfzig Cent empathisch. Nur darauf bedacht, den eigenen Arsch an die Wand zu kriegen. Der Vorteil dieser vorurteilsvollen Herangehensweise ist, daß man die Latte echt tief legt. Praktisch ständig angenehm überrascht wird, da man sich glücklicherweise allzu oft im Irrtum befindet. Und sich andererseits die Überraschung bei Bestätigung der initialen Vermutung in Grenzen hält. Dennoch wird mir hin und wieder eine Eigenschaft vor Augen geführt, welche ich eigentlich gar nicht auf dem Schirm hatte. Weil sie mit meiner Denkweise überhaupt nicht vereinbar, beinahe konträr zu ihr, ist.

Besonders augenfällig wird meine Verwunderung bei Neid. Oder genauer gesagt bei dem Wunsch von anderen für den eigenen, materiellen Besitz beneidet zu werden, was ja irgendwie noch einen Zacken schärfer ist. Kaum nachvollziehbar ist dieses Ansinnen für mich. Kaum verständlich, welche Befriedigung daraus gewonnen werden kann, wenn andere wünschten sie besäßen was ich besitze. Zumal ich ja annehmen muß, daß dem Neider die Art und Weise mit der ich in besagten Besitz gelangt bin, nicht bekannt ist. Außerdem wollen solche Individuen ja zumeist für Schnickschnack beneidet werden. Für Luxusgüter. Kaum einer geilt sich daran auf, daß ein anderer bewundernd und habgierig auf sein Corned Beef-Butterbrot stiert. Außer bei Instagram. Vielmehr geht es um Kleidung und Autos und Mobiltelefone. Beschafft auf zweifelhaften Wegen. Mit Krediten und 2-Jahres-Verträgen. Kann jeder.

Ich bin nicht beeindruckt, weil du deinem Opel einen Heckspoiler an den Hintern genäht hast und nun mit quietschenden Reifen die Ampelkreuzung passierst. Eher genervt. Ich bewundere dich nicht, weil du dir ein unverhältnismäßig kostspieliges Telefon organisiert hast, welches auch unter Wasser dein Frühstück fotografieren kann. Eher gleichgültig. Ich bin nicht neidisch, weil deine farblich auf die Ohrringe abgestimmten Schuhe zu einem Preis verhökert werden, zu dem man auch eine mittelgroße Wasserbüffelherde kaufen könnte. Wenn überhaupt verdienen Neid, oder besser Bewunderung, nur die Fähigkeiten von Menschen. Außergewöhnlich gut ausgeprägte Talente oder im Schweiße ausladenden Trainings verfeinerte Begabungen. In deren Gegenwart weiten sich meine Augen beeindruckt. Weil es eben nicht jeder kann.

Oftmals kreuzt ein pfiffig formulierter Gedanke meinen Weg. Ein Wortspiel, ein gewitzter Reim, bei dem ich denke: „Heidewitzka, Herr Kapitän! Das ist aber mal klug ausgedacht. Respekt.“. Zugegebenermaßen bin ich dann manchmal von der Schönheit der Formulierung so ergriffen, daß ich für einen kurzen Augenblick wünschte, sie wäre meinem Hirn entsprungen. Ist sie aber nicht, weil sich wohl im Kreativzentrum nicht die passenden Drähte berührt haben. Pech gehabt. Da heißt es weiterüben und lernen und Inspirationen schaffen. Ähnliches gilt für Zeichnungen und Kompositionen und Bildhauerei. Kunst im Allgemeinen halt. Wo sich Ideenreichtum und Fähigkeit vermengen, um Neues zu schaffen. Da kann man, im Erstaunen ob der Schönheit der Werke, schon mal kurz neidisch sein. Aber nicht, weil der Musikant eine teure Gitarre hat oder der Maler einen kaum noch zu beschaffenden Yakhaar-Pinsel. Eher, weil der Schöpfer schon einen viel besseren Trainingszustand vorzuweisen hat, als man selbst. Motivation entsteht so. Am Ball zu bleiben. Zu üben, zu probieren. Und auch wenn es nicht jedem beschieden sein kann die Meisterschaft in allen Disziplinen zu erlangen, so ist der Impuls doch zweifach positiv. Zum einen staunt man über die Gestaltungskraft des Künstlers und zum Anderen will man ihm nacheifern, sich selbst verbessern. Und damit im Durchschnitt alle verbessern.

Derlei lässt sich nicht kaufen oder mieten oder stehlen. Ist unbezahlbar und damit ungleich wertvoller. Die positive Entwicklung des Einzelnen als Triebfeder der Entwicklung der gesamten Gruppe. Und auch wenn man von den aberwitzigen Märchengeschichten in der Bibel, mit all ihren Heuschreckenplagen und Salzsäulenerstarrungen und Meeresteilungen, halten können darf, was man möchte, enthält sie doch einige überaus nachvollziehbare Verhaltensvorschläge. Gemeinhin werden sie als die zehn Gebote bezeichnet. Unter die no-brainer wie „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“, hat sich neben ein paar eher mittelmäßigen Regeln wie „Du sollst keinen Gott neben mir haben“, auch das hervorragende „Du sollst nicht neidisch sein“ gemischt. Gern möchte ich annehmen, daß diese Regel festgehalten wurde, bevor man dem einfachen Junker klar machen mußte, daß es nicht so schlimm ist, wenn der Kardinal Dickwanst jeden Tag Fasane vertilgt, während der arme Schlucker selbst noch nicht einmal einen Schluck Wasser bei der Armenspeisung abbekommt. Vielmehr glaube ich hier ist eine fundamentale Regel des Zusammenlebens hastig notiert worden. Neid ist sinnlos, zwecklos und macht die Stimmung kaputt. Der Arsch. Noch größere Ärsche aber sind die, die es darauf anlegen von anderen für ihren materiellen Besitz beneidet zu werden. Steigerung des Selbstwerts durch schnöden Mammon. Der Weg des geringsten Widerstandes. Irgendwie verachtenswert. Aber vielleicht sehe ich das auch zu naiv oder einfältig oder unzeitgemäß. Doch auch wenn dem so ist, tue ich es in jedem Fall gern.

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