Der Midasmorgen

Halbgedachtes Midasmorgen

Schlaftrunken blinzle ich in die ersten Stunden des neuen Sommertages. Die Sonne lässt ihren Midasfinger schon über Bäume und Dächer und Wolken gleiten und so schwebt der Morgen in lautlosen, goldenen Wellen durchs Fenster. Die Luft hat sich noch etwas Nacht bewahrt. Ist frisch und klar. Beinahe weckt sie meine papierdünnen Gedanken auf, die noch müde im Glutlicht baden. Große, warme Unendlichkeit umfängt mich. Als gäbe es keine Verbindung zur Realität, zum Hier und Jetzt. Als wäre dieser Moment alles. Seufzend sauge ich ihn in mich auf.


Ein mutiger Sonnenstrahl klettert auf das in der Schreibmaschine wartende Blatt. Ein Fingerzeig aus dem Äther. Meinen Fingern zu zeigen, was hinter meiner Stirn passiert. Dabei ist dort alles noch so konfus. Auf eine angenehme Weise verworren und substanzlos. Flüchtige Ideen wabern mir durchs Oberstübchen, während der Blick sich wieder und wieder schmunzelnd im Goldglanz der Welt verliert. Beinahe kann ich die Unendlichkeit fühlen. Beinahe fühlt es sich an, als gäbe es keine Zeit. Klare Linien gerinnen zu Kurven. Lineare Kanten schmelzen zu mäandernden Konturen. Ein Taumeln zwischen Traum und Wirklichkeit sind diese ersten Stunden.

So früh am Morgen, wenn die Einsamkeit vor allem noch Stille bedeutet, ist sie eigentlich ganz schön. Kann man sich eigentlich ganz gemütlich an sie ankuscheln. Noch nichts lässt ihre fiese Fratze erahnen, die mit steigendem Sonnenstand das Herz vergiften und das Gemüt tintenschwarz und traurig färben wird. Meine Hände ruhen sich auf den Tasten der Schreibmaschine aus. Noch zögern wir, ob vielleicht etwas über diese würgende Einsamkeit zu schreiben sei. Sanft klopfen die Zeigefinger auf das Plastik, ohne jedoch genug Kraft zu entwickeln einen Buchstaben zu malen. Irgendwie sind die Gedanken noch nicht wach. Sonst könnten sie wohl berichten, in welchem Chaos sie sich in den vergangenen Wochen bewegen.

Immer wieder schleicht sich die Einsamkeit nämlich an, legt sich wie Ketten um die Brust. Zwängt den Atem, als hätte ein Küfer zu enge Fassreifen um den Torso geschmiedet. Wo eben noch leichte, substanzlose Fröhlichkeit weilte, wird rasant alles dunkel. Licht aus, wie im Zuchthaus. Enttäuschungen aller Orten. Leblose Konversationen aus Textnachrichten. Alles ausgestorben. Ghosting. Der neue Erzfeind. Gleichsam schmerzhaft und beleidigend, weil es sagt: „Ich habe wichtigeres zu tun, als auf deine Gedanken einzugehen“. Und ein um das andere Mal schwört man sich, sich das nicht mehr bieten zu lassen und das Gespräch zu beenden. Immer ist man zu schwach. Bis irgendwann der Leidensdruck zu groß wird und man nachgibt und aufgibt und nichts mehr drum gibt, daß jetzt die schwarze Einsamkeit wieder nagt.

Aber man kann sich auch nicht kontinuierlich wie ein Suppenkasper behandeln lassen. Gespielte Entschuldigungen. Gründe und Ausflüchte und gedruckste Halbwahrheiten. Besonders von denen, die vorgeben besonders offen und ehrlich zu sein. Jedes Mal ein neuer kleiner Stich. Das summiert sich. Jedes Mal sinkende Gesichtszüge und Traurigkeit. Das häuft sich an. Jedes Mal ein paar Gramm Unbehagen, die irgendwann tonnenschwer auf der Seele ruhen. Und mich zerquetschen. Dann lieber gleich ein klares Ende und auf in die Arme der Einsamkeit. Gleich der Sphärenmusik schwebt sie nun immer durch meine Tage. Ist mit den Minuten und Stunden verwoben. Ist der Baustein allen Handelns.

Und ist manchmal sogar ganz schön. Bevor sie sich gen Abend wieder in Vermissen und Verzweiflung gewandet und mir jeglichen Lebensmut aussaugen will, schmückt ihre Grenzenlosigkeit den Morgen. Lässt den Blick über die sanfte Stille der goldgrünen Blätter tanzen. Nimmt den Vogelgesang in sich auf und trägt ihn mir durchs Fenster. Zerzaust den Büschen mit leichtem Wind die Sonntagsfrisuren und schiebt die Wolken leise an. Beinahe meint man, daß alles gut werden wird, wenn man dieserart schlaftrunken in die ersten Stunden des neuen Sommertages blinzelt. Eine kleine Ecke Glück im Unglück.

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