Der Leser – Das unbekannte Wesen

Ach, lieber Leser, du machst es einem schon nicht einfach. Flatterhaft bist du und undurchsichtig. Allen Themen gleichwohl zugetan und doch allzu zaghaft darin das Gebotene zu kommentieren. In Dialog zu treten. Eine stimmenlose Menge. Web 1.5 vielleicht. Ich schreibe hier, was mir eben gerade so ein- oder auffällt, male ein halbwegs passendes, einleitendes Bild dazu und du genießt, hoffentlich, und schweigst. Dabei will ich doch auch wissen, was du denkst. Habe alle Möglichkeiten dafür an die Beiträge getackert. Für eine Konversation. Nun gut, der „Gefällt mir“-Knopf wird rege verwandt, ist aber nur die halbe Miete. Dabei würde ich doch auch sogar, manchmal, hören wollen was dir nicht gefällt.

Vermutlich ist es ein wenig wie Vaterstolz. Man kann gar nicht oft genug gesagt bekommen, wie toll die eigene Brut ist. Weil man das ja zumeist sowieso selbst schon so empfindet und sich bestätigt sehen will. Zwar sehe ich meine Buchstabenkinder durchaus etwas kritischer als ihre fleischigen Artgenossen und kriege nicht gleich Nobelpreisahnungen, wenn sie fehlerfrei einen Löffel halten können, mit „nur 11 Monaten“, aber ich wähne auch die Schönheit in ihren Fehlern. Raum für Entwicklung. Verbesserung. Potenzial. Der eigene Blick ist da oft verstellt. Ich bin zu nah dran. Grübele über diesen oder jenen Satz, lese noch einmal drüber, prüfe das Resultat. Kenne bald jedes Satzzeichen mit Vornamen. Viele heißen Maik. Mit „ai“. Wenn man solcherart fraternisiert, verliert man die Distanz, die nötige emotionale Abgeklärtheit. Grundsätzlich erkennt keiner, daß er ein superhäßliches Kind hat. Und bei realen Sprößlingen, darf man die Erzeuger auch nicht darauf hinweisen. Nicht einmal andeuten, daß der Christopher-Jeremy doch eher die Kopfform eines Waffeleisens und die Gesichtszüge des dazugehörigen Teiges hat. Hochgradig unhöflich wäre das. Kann man sich ganz schnell Feinde einhandeln. Selbst wenn es, objektiv betrachtet, stimmt. Bei der, so viel Freiheit sei mir gestattet, Kunst indes, verhält es sich eben genau andersherum.

Hier darf man Meinungen haben und auch äußern. Gern auch unbequeme oder abwegige. Solange man sie belegen kann. Ich bin der Ansicht, daß Ansatzpunkte vorhanden sein müssten. Fernab von Zustimmung. Manches ist nämlich schon recht überspitzt formuliert. Um einen Gedanken zu verdeutlichen, sicherlich, aber selbst dieser grundlegende Gedanke kann ambivalent diskutiert werden. Ansonsten sitze ich hier und starre auf die Facebook-Verknüpfung. „8 Personen gefällt das“. Das gefällt mir natürlich, bleibt aber nebulös. Neuerdings kommt noch die Verkaufsstatistik des Verlages dazu. Zack, wieder eins verkauft, einem Interessierten ein paar amüsante Stunden beschert. Aber wissen kann man es nicht genau. Will man aber. Damit man etwas verfassen kann, was auch einer lesen will. Ist ja schließlich nicht nur eine reine Therapiestunde hier. Und manchmal, wenn sich wieder die rasch gekritzelten Notizen einer Woche stapeln, man aber nicht so genau weiß wo man anfangen soll und einen das weiße Blatt mit dem mies blinkenden Cursor anpöbelt, wäre Feedback schon hilfreich. Schreibe ich jetzt lieber die absurde Geschichte einer jugendlichen Kugelfisch-Motorradgang, die sich die „Frechlachse“ nennt, dieserart bestickte Jeanswesten trägt und der Unterwasserpopulation feixend Streiche spielt. Juckpulver in die Stiefel kippt oder  klingelt und lachend wegrennt oder Kleingeld vor beliebten Einkaufsorten auf den Boden sekundenklebt. Oder sollte ich lieber das Konzept des „Verhöhnungssex“ ausformulieren. Körperliche Liebe nach einem Disput, an der von einer Partei mit dem Hintergedanken teilgenommen wird, danach nichtsdestotrotz weiter zu streiten. Ist es vielleicht doch die kurze Geschichte über den Versuch einer Laktoseintoleranz mit einer Konfrontationstheraphie Herr zu werden, welche sich als durchschlagender Mißerfolg heraustellte, die dein Interesse finden könnte? Ich weiß es nicht. Kann es nicht wissen. Vermute nur ins Nichts hinein.

Willst du vielleicht investigative Berichte über die jährliche Aussaat der Schnitzeltulpen in Acapulco lesen? Soll ich dir wütend reimen, wie sich auf Weihnachtsmärkten Menschenmengen unter die Menschen mengen und dergestalt den Weg verengen? Ja, soll ich zetern und meckern und klagen? Ich weiß es nicht. Und schreibe daher, was mir ein- und auffällt. Und es sei es auch nur, um dem dämlich blinkenden Cursor eins auszuwischen. Kackstrich. Denkt er ist der Größte. Dabei rennt er vor jedem neuen Buchstaben weg. Oder Punkt. Verspottet mich. Grundlos. Große Klappe, Wicht dahinter. Wir sollten ihm zusammen zeigen, wo der Ozelot sich Zöpfe flechtet. Oder wie das heißt. Gemeinsam seiner Schreckensherrschaft mit flink getippten Worten ein Bein stellen. Seine Ausdauer testen. Ich hier oben mit dem üblichen Schwachsinn, du etwas weiter unten mit deiner Meinung dazu. Dem drehen wir eine Nase. Dem zeigen wir einen Vogel. Den weisen wir in die Schranken. Und in gleichem Atemzuge starten wir einen Dialog, tauschen uns aus. Geben mir Einsichten fernab meiner festgefahrenen Meinungen und dir die Möglichkeit teilzuhaben. Web 2.0 eben. Genießen und schweigen war gestern, jetzt kommt genießen und plappern. Damit du nicht weiter ein unbekanntes Wesen bleibst. Ach, lieber Leser, das wäre schön.

2 Comments

  1. Ich habe nichts hinzuzufügen „faszinierende-komplett Gedachtes“. Konzeptloses Schreiben und Lesen öffnet Welten?! Auch manchmal einer (persönlichen)Begegnung und kann das „Himmelreich auf Erden“ schenken oder…..auch nicht.
    Ich staune über Mut, Fähigkeit und Können des in Worte Fassens von in diesem Beitrag beim Lesen Gegenwärtigem mit ausweitendem Charakter.
    Bin kein Literaturkritiker, der Dir Antworten auf Deine Fragen geben kann ,um einen „Bandwurm“ von Lettern zu produzieren und das „Nichts“ vor dem blinkenden Cursor aufzufüllen.

    Bedauernde Grüße mit einem :-)am Morgen

    Sabine

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