Der Handlungsreisende

Die Straße. Wieder einmal. Meine Heimat, mein Leben. Kilometer für Kilometer frisst sich mein klappriger Honda Civic voran. Mischt sich in den Verkehrsfluß. Im Radio die immer gleichen Lieder. Das beste der 70er, 80er und von vorgestern. Rod Stewart und Bonnie Tyler. Kilometer für Kilometer Monotonie. Ich sollte aufpassen, daß ich nicht wegnicke. Sekundenschlaf. Der lautlose Killer. Aber eigentlich ist diese Sorge unbegründet. Ich muß ohnehin ständig auf Zack sein. Das Leben als Handlungsreisender ist nämlich kein Zuckerschlecken. Wer pennt, der flennt. Ruckzuck angeschissen. Arschkarte. Dies gilt gerade und besonders für meine spezielle Branche.

Ich bin Berater in Sachen Pferdepflegeprodukte. Wobei Pferde vielleicht etwas hoch gegriffen ist, und das im wahrsten Sinne, schließlich orientiert sich mein Portfolio eher an Ponies. Dem Ross des kleinen Mannes. Dem Gaul der Arbeiterklasse. „Klein und breit und Hufe dran? Dann bin ich der richt´ge Mann!“. So steht es auf meinen Visitenkarten. Schon immer. Auch wenn ich immer weniger davon verteile. Die Ponyzucht ist ein aussterbendes Handwerk. Das merken wir als Zulieferer als Erste. Im Luxussegment, sicher, da gibt es noch ein buntes Treiben im Begattungsbereich. Ponies für verwöhnte, kleine Milliardärstöchter. Reittiere mit strahlendem Lächeln und arrogantem Schritt. Aber kaum hast du ein schiefes Ohr, heißt es: Ab in die Salamifabrik. Also für die Tiere, nicht die Töchter. Mit solchen Leuten lassen sich keine langjährigen Geschäftsbeziehungen aufbauen. Davon wird man nicht satt. Außer man ernährt sich hauptsächlich von Salami. Mein Klientel sind eher Wanderzirkusse und Rummelplätze. Besitzer von Showponies. Edle Klepper, die in einer Bremer Stadmusikanten-Nummer als Eselsersatz auftreten oder acht Stunden lang fette Vorstadtkinder im Kreis herumschleppen. Weil die Wirtschaftlichkeit solcher Unternehmungen eher am Rande des Vertretbaren operiert, knausert man gern an der Tierernährung oder der Unterkunft. Und das sieht man dem Pony natürlich an. Beziehungsweise würde man ihm ansehen, böte ich nicht meine prächtigen Produkte feil. „Schindmähr-Ex“ zum Beispiel. Ein Shampoo der Einhornklasse, zu einem Ponypreis. Ist mein Topseller. Quasi meine Karotte am Stock mit der ich jedes Verkaufsgespräch eröffne.

Provokant frage ich, den mit der Pflege der tierischen Mitarbeiter betrauten Hilfsarbeiterlehrling: „Womit shampoonieren sie denn die Ponies? Die stehen ja vor Dreck?“. „Achso, ich dachte das wär´ wegen der Beine?“. „Ja ,ja, das auch. Hauptsächlich sogar. Aber auch wegen dem Dreck. Haben Sie denn ein geeignetes Ponyshampoo?“. Meist deutet er dann auf einen verbeulten Blecheimer in irgendeiner dunklen Ecke. Ein fleckiger, löchriger Lappen hängt über dessen Rand und daneben liegt ein halb verbrauchtes Stück Kernseife. „Nich direkt. Damit schrubben wir die Gäule immer.“. „Oh, oh, oh. Das ist gar nicht gut. Ganz, ganz falscher ph-Wert für die sensible Ponyhaut. Oder was dachten sie wofür das „ph“ in ph-Wert steht? Ponyhaut!“. Da ist der junge Mann, der eigentlich nur zum Mitreisen gesucht wurde, zumeist erst einmal platt: „Ach echt? Habe ich noch nie drüber nachgedacht. Aber jetz wo sie das sagen. Macht Sinn.“. „Das macht nicht nur Sinn, das ist auch sinnvoll. Mit dem richtigen Shampoo, mit dem richtigen ph-Wert, hält ihr Pony zwei bis drei Jahre länger. Und das ohne Inspektion!“. „Ach tatsächlich?“. „Wie das Amen in der Kirche. Schindmähr-Ex mit pflegenden, hautschmeichelnden Tensiden sorgt für kraftvolles, glänzendes Haar. Von der Mähne bis zum Schweif. Und durch seinen aromatischen Duft macht es sogar nen schlanken Fuß. Oder besser Huf!“. An dieser Stelle stupse ich den Gesprächspartner dann meist an. Damit er den Witz versteht und wir uns durch das Durchbrechen der körperlichen Barriere näherkommen. Man kauft eher von einem Freund. Und für die nächsten dreißig Minuten will ich sein Freund sein.

„Natürlich können sie auch andere Shampoos als unseres, im Übrigen das führende Produkt, welches 8 von 10 Stuten ihrer Freundin empfehlen würden, benutzen. Aber diesen speziellen Glanz kriegen nur wir hin. Weil nur wir den Vitamin F-Komplex haben. Flecken und Löcher im Fell werden schonend wieder aufgeforstet. So sieht selbst das ausgemergeltste Hotte-Hü wieder aus wie das Lieblingsdressurpferd der Queen von England. „Dem Tier ein Plaisir“. Steht ja nich umsonst auf der Flasche. Schon nach der ersten Behandlung fühlt sich ihr Pony fünf Jahre jünger. Also in Pferdejahren. Das merken sie auch sofort am Gang. Der ist dann gleich irgendwie hüpfelnder. Springender. So richtig fröhlich halt. Kein Gedanke mehr an das müde, ja resignierte, Gestampfe heutzutage. Was glauben sie wieviele kleine, pummelige Chantals und Mandys und Samanthas da zusätzlich angeflitzt kommen. Und auch mal Prinzessin sein wollen. Zack – 5 Minuten, 5 Euro. Einmal immer im Kreis bitte. Schon hat sich die erste viertel Flasche Schindmähr-Ex refinanziert. Können sie es sich leisten darauf zu verzichten?“. Nach diesem gewaltigen Kavallerieangriff der Verkaufsargumente ist der geistige Infanterist meist erst einmal sprachlos. Sein Blick wandert zwischen seinen abgetakelten Abdeckkandidaten und dem herrschaftlichen Hochglanzpony auf der Shampooflasche. Man kann es direkt rattern sehen. „So könnten meine Ponys aussehen?“. Dann fragt er: „So könnten meine Ponys aussehen?“. „Könnten?“, weiß ich ihm im Galopp den Wind aus den Segeln zu nehmen, „Könnten? Werden! Die Grundrezeptur von Schindmähr-Ex ist seit dreizehneinhalb Jahren erprobt! Prompter Glanz von Kopf bis Schwanz. Das können sie sogar beinahe lustlos einmassieren und es wirkt trotzdem. Ganz fabelhaft trotzdem sogar. Und es brennt nicht mal in den Augen. Also in ihren. Beim Pony sollten sie eher vorsichtig sein. Vielleicht auch sowieso Handschuhe tragen beim einshampoonieren. Aber ansonsten. Sofort striegelbereites Fellbild von oben bis unten. Von der Kuscheligkeit praktisch nicht von einem Katzenwelpen zu unterscheiden. Sehen sie, das steht auch auf der Flasche. „Flauschigkeitsgarantie“. Das schreiben wir ja nicht umsonst da rauf.“.

„Das stimmt. Wenn das da steht. Naja, ähh, dann nehm ich, glaub ich, ähh, erst mal fünf Flaschen. Eine pro Pony und eine als Reserve.“. Bingo. Jackpot. Jetzt ist die Tür weit offen. Rasch noch das Bundle mit Conditioner und Spülung vorgestellt. Verkauft. Zwei Eimer Ponyschminke und eine kostenlose Schweifbürste mit integriertem Knötchenknacker später, ist mein Auftragsbuch um eine Seite dicker. „War schön mit ihnen Geschäfte zu machen. Die Lieferung kommt dann in zwei bis drei Wochen. Und ich bin, Moment, in acht Wochen wieder da. Und da muß ich dann wohl mit einem Helm kommen.“. „Häh? Wieso das denn?“. „Na damit ich mir nicht den Kopf eindelle, wenn ich beim Anblick ihr wunderschön frisierten Ponys lang hinschlage!“. Vollmundiges Gelächter beider Seiten. Rasch verabschiede ich mich. Muß los, zum nächsten Kunden. Und der Weg ist noch weit. Schnell den Musterkoffer auf die Rückbank geschoben, kraftvoll die altersschwache Fahrertür des Civic zugeschlagen und noch einmal hupend das Gestüt erschreckt. Dann heißt es Gas geben. Kilometer fressen. Im Radio plärrt wieder Bonnie Tyler. „Holding out for a hero“ gibt sie zum Besten. „Tjaha, Schätzelein“, denke ich, „musst gar nich groß weitersuchen. Hier ist dein Held. Der beste Shampooverticker im Bereich Nordost. Klein und breit und Hufe dran? Dann bin ich der richt´ge Mann!“. Lächelnd steuere ich die Auffahrt an und mische mich wieder in den Verkehrsfluß. Auf zu neuen Taten. Kilometer für Kilometer. Manchmal ist das Leben als Handlungsreisender schon ein wahres Zuckerschlecken.

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