Der Großkotz

Grosskotz

Ich könnte mich schon wieder über meine Überheblichkeit aufregen. Nun gut, vielmehr über meine Selbstüberschätzung. Trotz besseren Wissens. Weil die Stimme der Mahnung und Warnung keine Chance hat gegen das selbstbewußte Reinrufen der Arroganz. Und immer wieder auf ihre Beschwichtigungsversuche hereinfällt. Im Endeffekt: Selbst schuld. Nun habe ich den Salat.

Gestern Abend, während mein Geist schon allmählich in den Schlaf driftete, hatte ich eine Idee. Nicht die beste seit Menschengedenken, aber doch ganz solides Potential mit vielseitigen Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Außerdem hatte ich noch etwas anderes. Keine Lust. Keine Lust erneut aufzustehen und die ganze Chose schriftlich festzuhalten. „Ach Quatschibo“, rief es vom Aldi-Parkplatz des Gehirns, wo immer die Halbstarken mit ihren günstig aufgemotzten Serienfahrzeugen der vorvorletzten Baureihe herumlungern. „Das merkste dir schon. Is jetz ja auch nur so halbklug ausgedacht“. Kurz grübelte ich nach. Irgendwie war ja was dran. Der Einfall war recht naheliegend und alles, was ich gerade erwogen hatte, würde mich vermutlich immer wieder zu diesem Schluß bringen. Aber so ein Gedankengang ist enorm verzweigt. Unter Umständen spreche ich die Idee einfach schnell ins Diktiergerät des Mobiltelefons. Das müßte in Reichweite und am üblichen Platz liegen. Auch im Dunkeln zu finden. „Ernsthaft? Willst du dich jetzt umdrehen, in der Dunkelheit herumtasten und dir dann mit der aufbrandenden Hintergrundbeleuchtung die Netzhaut massakrieren? Bleib locker.“. Er nun wieder. Aber irgendwie hat er recht. Ich merke mir das schon.

Pustekuchen. Luftschloss. Arschkarte. Weil ich auf den faulen Sack in mir gehört habe. Mal wieder. Und jetzt sitze ich hier und kann nur ahnen, welch großartiges Meisterwerk meinen Fingerspitzen hätte entfliehen können. Epische Reime hochmittelalterlichen Ausmaßes. Vermutlich. Oder die tragische Geschichte eines Stachelschweins, das Straßenbahnschaffner werden wollte, aber den Sehtest knapp nicht bestand und nun ein karges Dasein als Grünanlagenpfleger im Kaktushaus des botanischen Gartens fristet. Mutmaßlich hätte mich die verlorene Idee befähigt einen Lachmuskelkater hervorrufenden Text über die Abenteuer eines Kommas zu schrieben, das sich in einen Doppelpunkt verliebt, aber an der gesellschaftlichen Mißachtung ihrer interpunkturellen Beziehung zerbricht und ihn schlußendlich aufgrund von Zögerlichkeiten und Bedenken an einen Querstrich verliert. „Punkt, Punkt, Komma, Strich“, wäre ein Tiptop Arbeitstitel gewesen. Unter Umständen hatte ich mir auch einfallen lassen, welche Begebenheiten sich so ergeben müssen, damit zwei Zwölfjährige mit stolzgeschwollenen Hühnerbrüsten aus dem Lebensmittelmarkt hinausspazieren, weil ein jeder in der Hand eine halbliter Dose Energiegesöff umklammert. „Jetzt hauen wir voll auf den Pudding, Jason-Gerhard!“, raunt der eine dem anderen zu. „Jenau, Tristan-Karl-Heinz, wir machen durch bis morgen früh und singen Bumsfallara. Hahahaha…“. Sprächen sie sich zu.

Nun schreibe ich nichts. Weil ich mich nicht erinnern kann. Und weil die vorrätig gehaltenen Notizen früherer Einfälle gerade nicht im Stande sind diese kleine Glühbirne über dem Kopf einzuschalten, die anzeigt, das man was vorzuzeigen hätte. Ein halbes Liebesgedicht, zwei, drei dämliche Halbwitze, ein ganz pfiffiger Spruch. Das wars. Nichts mit dem man hier wasweißich wieviele Zeilen füllen könnte. Könnte ich mich doch nur erinnern. Rasierschaum kaufen. Das habe ich mir gemerkt. Auch ohne Notiz. Aber wahrscheinlich auch nur, weil mir der Gedanke schon einige Male entfleucht ist und jeder Toilettengang vom Wiedersehen mit Rübezahls fusseligem Schwippschwager gekrönt ist. Nach dem ein oder anderen Beinahe-Herzinfarkt nach Spiegelblick hast du dir ein inneres Memo geschrieben. Rasierschaum kaufen. Aber das nützt mir in der momentanen Situation herzlich wenig. Ob ich hier mit dem Bartwuchs einer wankelmütigen Wassermelone oder eines Weizenbier saufenden Walroßes sitze und diese Worte produziere, interessiert keine Sau. Nicht mal ob ich eine Hose anhabe (momentan: Ja). Oder meine Zähne frisch frisiert sind (momentan: noch nein).

Hier zählen nur harte Fakten. Oder besser: Hirnerweichende Witze, Ulke und Juxe. „Kommt ein Pullunder in eine Bar. Sagt der Barkeeper:“ Kein Hemd, keine Schuhe, kein Service!“. Sowas. Vielleicht war das ja sogar die Idee, die ich so leichtfertig habe fahren lassen. Dann wäre es ja eigentlich nicht so schlimm. Weil ein Knaller ist das ja nun nicht gerade. So könnte es funktionieren. Ich einige mich einfach mit mir darauf, daß das der Einfall war. Kein Wunder, daß ich den wieder vergessen habe. Diesen Flachwitz ohne Pointe. Reiner Selbstschutz. Um das Hirn nicht mit unnötigem Ballast zu zu müllen. Chapeau, du Fuchs. Da hat der innere Großkotz mal Weitsicht bewiesen. Gar kein so schlechter Kerl eigentlich. Trotz Adiletten und Schnellfickerhose. Vielen Dank.

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