Der Friseurbesuch

Friseurbesuch

Während man sich dem Diktat der Zeit beugt und heranwuchert, werden der Liste „Dinge, auf die ich keinen Bock hab´ , aber machen muß“ ständig neue Dinge hinzugefügt. Harmlos beginnt es noch mit Fensterputzen, Abwaschen und Steuern zahlen. Bei individuelleren Charakteren mag auch noch „Oberbekleidung tragen“ und „liebe Omis nicht vor den Bus schubsen“ darauf enthalten sein. Für mich persönlich steht sein einiger Zeit auch die Notwendigkeit einen vorzeigbaren Kopfputz auf der Rübe spazieren zu tragen darauf. Irgendwie konnte ich mit dem ganzen Konzept von Friseuren und ihrem Aufgabenbereich nämlich nie richtig warm werden.

Der gesellschaftliche Konsens legt nahe, daß ein gewißer Teil meines Unverständnisses aus meiner geschlechtlichen Kategorisierung als Mann resultiert. Denn obwohl Frauen mit allerlei Behandlungsoptionen für ihr Haarkleid und den damit verbundenen, steigenden Endpreisen bedacht werden, ein Umstand bei dem mein „10 Euro Haartracht“-Wissen also recht porös ist, sagt man ihnen doch eine gewiße Affinität zum  Onduliergewerbe nach. Andererseits müßte man vermuten, daß gerade in der Simplizität, der auf mein Haar anzuwendenden Maßnahmen, eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Prozeß verborgen liegt. Weit gefehlt.

Es beginnt bereits mit dem Aufwand der Terminabsprache mit der Schneidenakrobatin. Im unerklärlichen Hang zur Unterstützung des lokalen Handwerks und auf schlechten Erfahrungen im Bereich Kundenservice begründet, verzichte ich darauf mir die Frisur in einer dieser „Drive In“-Filialen der größeren Ketten richten zu lassen. Zugegebenermaßen eine selbstbestimmte Entscheidung, die mir jedoch dennoch die Selbstbestimmung über den Zeitpunkt der Keratinverkürzung aus der Hand nimmt. Es gilt nun also eine Kongruenz zwischen, der mir zur Verfügung stehenden Zeit und dem meist vorhandenen Wunsche einer raschen Korrektur des Aussehens des Kopfendes, und der Verfügbarkeit eines Zeitfensters der Coiffeurin zu finden. „Sofort“ geht selten, „Zeitnah“ oft, „Übernächsten Febtober“ manchmal zu Stoßzeiten, wie zum Beispiel vor der Hochzeitssaison.

Da außerdem die Abstände zwischen den benötigten Sitzungen recht groß sind und eine muntere Personalrotation die langen Öffnungszeiten abdeckt, kennt man mich nicht persönlich, vielleicht sollte ich mir doch regelmäßiger die Ansätze nachfärben lassen. Jedenfalls resultiert diese Einordnung meiner Person als Laufkundschaft darin, daß stets in dem klobigen Terminkalender mein Name ohne sein finales „f“ geschrieben wird. Dies drängt mich zum einen in eine ungewollt christliche Ecke und stößt mir zum anderen schwer auf, da dieser Art eine Identifikation, sollte zum Beispiel ein Gasleck alle Anwesenden entschlummern lassen, über Gebühr erschwert wird.

Der nächste große Stolperstein in meiner Beziehung zum frisurenformenden Gewerbe ist meine recht ansehnliche Sehbehinderung. Kurz bevor man mir diese Halskrause anlegt und der haarabweisende Duschvorhang über meinen Körper drapiert wird, bin ich nämlich genötigt meine Brille abzusetzen, um den Zugang zu den zu bearbeitenden Kopfpartien zu gewährleisten. Dies hat nun zur Folge, daß ich in den recht großzügig aufgehängten Spiegeln, genauer in dem direkt vor mir, nur einen lieblos hingerotzten, randlosen und hautfarbenen Blob sehe, der zwei dunklere Rundungen an den Stellen aufweist, wo ich üblicherweise meine Augen vermute. In Unkenntnis des Ausprägungsgrades meiner Unfähigkeit naheliegende Objekte mit scharfen Konturen und satten Farben zu sehen, beginnt die Scherenakrobatin nun Vorschläge und Fragen zu meiner Wunschfrisur zu verfassen. Sie deutet bald hier hin, bald dort hin, malt imaginäre Linie und Verläufe im Luftraum neben meinen Kopf. Ich sehe nur volatile Schatten ohne geometrischen Bezug zu meinem Schädel. Daher erläutere ich kurz blind, welcher Art gestaltet ich plane das Ladengeschäft wieder zu verlassen, und hoffe man möge mich verstehen.

Nun beginnt der eigentliche Akt der Transformation. Bis neulich nahm ich an, daß dies der schlimmste Teil sei, da die Kammdompteurin sich unentwegt veranlasst sieht mir eine Konversation an die Fasson zu löten. Beginnend mit Klassikern wie dem Wetter oder aktuell anstehenden Feiertagen. Dann jedes Mal Lob für die Muskulösität  und leichte Naturwellung meines Haares und der Übergang zu persönlicheren Details wie der Ursache meines Wunsches nicht wie Rübezahl beim Camping aussehen zu wollen. Fälschlicherweise nahm ich immer an, daß es mir lieber wäre, sie würde einfach still sein und sich auf die anliegende Aufgabe konzentrieren. Doch allerneueste Erkenntnisse lassen den Schluß zu, daß diese Vorgehensweise noch unangenehmer ist. Kloßteigzähe Stille also, während ich eingepfercht in meinen Vorhang, weder einer Abwehrbewegung noch Sicht fähig, eine mir vollkommen unbekannte Person mit scharfen Klingen am Zentrum der meisten Sinnesorganen rumstochern lasse. Blanker Irrsinn.

Und selbst als im Verlauf der Operation einige Gesprächsfetzen entstehen, wird es eigentlich nur schlimmer. Die Betreiber der Frisurenmanufaktur hatten nämlich das Hauptportal weit geöffnet gelassen, um ein wenig der gerade vorherrschenden Frühlingsluft in die Werkstatt wehen zu lassen. Dies hatte allerdings zur Folge, daß auch der abgetrennte Haarabfall sich munter in der Luft tänzelnd verlustierte und auf der Schutzkleidung, der mir zugeteilten Dame verteilte. Sie wischte sich über die Arme, oder was ich in Ermangelung eines verwertbaren Spiegelbildes dafür hielt, und ließ lakonisch: „Alles voller Haare…“ verlauten. Keck, wie es mir im Blute liegt, erwiderte ich: „Tja, Berufsrisiko.“ und setzte damit unaussprechliches in Gang.

Animiert durch meinen plötzlich zur Schau gestellten Willen zum Zwiegespräch, fragte sie in gespielter Naivität: „Was machen sie eigentlich beruflich? Bestimmt was mit Computern, oder?“. Da bist du erstmal baff. Zumindest wenn du kein T-Shirt trägst auf dem in Versalien „NERD“ steht, oder eine Kette mit einer kleinen Maus als Anhänger. Oder weder dein Gewicht, noch deine Hautstruktur annehmen lassen dürften, daß du den ganzen nur im Keller sitzt und die Matrix decodierst. Verdutzt erkundigte ich mich also, was denn der Anlaß zu dieser zutreffenden Vermutung war. „Naja, hab ich mir gleich so gedacht.“ und to add insult to injury „Ich kann ja mit Computern so gar nichts anfangen. Mit diesen ganzen Befehlen, die man da eingeben muß“. Es sei angemerkt, daß die Frisurenformerin maximal zehn Jahre älter war als ich, und nicht etwa aufgrund von Fachkräftemangel noch einmal aus dem Altershospitz rückrekrutiert wurde und sich der Vorfall vor wenigen Tagen, also in diesem Jahrtausend abspielte. Und da sie selbst nicht einmal wußte, was an meinem Anblick mich zu einem dieser merkwürdigen Computermenschen qualifizierte, bin ich mittlerweile mit mir übereingekommen, daß die Kombination der breitrahmigen, schwarzen Brille, meines Comic-„Hirsch mit Gasmaske“ T-Shirts und meiner distinguierten Ausdrucksweise bei der Beschreibung der benötigten Haarmodifikation, sie auf diese Fährte geführt haben muß.

Die derartige Einordnung in eine ihr mysteriöse und eher gleichgültige Subspezies, führte nun noch zu einer weiteren interessanten Entwicklung. Während die Korkenzieherlockenzieherin nämlich so am schnippeln und schnappeln war, mußte wohl zur effektiveren Gestaltung der gerade bearbeitenden Partie das Werkzeug gewechselt werden. Auf dem Tisch unter dem Spiegel vor mir, hatte sie zu Beginn ein Scherentriumvirat ausgebreitet. Sie griff nun also, halb über meine Schulter gebeugt, nach einer dieser Klingen und verfehlte wohl die Grifflöcher. Jedenfalls segelte das Schneidenpaar sorgenlos in Richtung meines Fortpflanzungszentrums und eine Kastration mit erheblichem Blutverlust konnte erst im letzten Moment vom dort drapierten, haarabweisenden Vorhang gestoppt werden. „Hui,“, warf ich überrascht und erleichert ein, „nur gut, daß ich diesen Umhang um habe“. „In der Tat“, meinte sie, “ die Scheren sind nämlich teuer!“. Da bist du schon wieder baff. Blanke Mißachtung meiner Geschlechtskompetenz. Ob ich hier als Eunuch raus gehe ist eher so mittelwichtig, Hauptsache die teure Schere fällt nicht zu Boden. „Naja, ich dachte eher an die Flugrichtung und die Empfindlichkeit der Organe in der geplanten Landezone“, bemerkte ich als Denkanstoß. „Ach so, ja, stimmt natürlich auch“, versuchte sie die Situation, sichtlich peinlich berührt mit einem gespielten Lachen zu entschärfen.

Schweigend ließ ich die Fönverwalterin den Rest ihres Werkes vollbringen. Unter Ausnutzung aller Möglichkeiten der Physik und unter Zuhilfenahme eines kleineren Spiegels führte sie mir dann auch das rückseitige Ergebnis ihrer Bemühungen vor. Dieses, und das, durch die mittlerweile wieder aufgesetzte Brille, von vorn zu betrachtende Resultat stufte ich als befriedigend und wunschgemäß ein. Daher forderte ich sie auf mit dem Abschneiden aufzuhören und den Preis der Unternehmung zu kalkulieren. Ich entrichtete den schmalen Obolus inklusive eines, aus Dankbarkeit für noch vorhandene Ohren und Testikel, großzügig bemessenen Trinkgeldes, bedankte mich und verließ das Geschäft.

In der Summe lässt sich anmerken, daß gefesselt auf einem Stuhl rumsitzen und jemanden mit Messern an deinem Kopf herum spielen zu lassen während er dich vollquatscht, doch eher etwas für die Folterabteilungen berüchtigter Gefängnisse ist, als für meinen Alltag. Blöderweise sehe ich mich doch in bunter Regelmäßigkeit dazu gezwungen meiner Kopfputz optisch wertsteigernden Anpassungen dieser Art zu unterziehen und sei es nur, damit die Omas im Bus sich nicht wegsetzen, wenn ich rein komme. Aus diesem Grunde sind Friseurbesuche dann auch auf meiner “ Dinge, auf die ich keinen Bock hab´ , aber machen muß“-Liste recht weit oben angesiedelt. Irgendwo zwischen „die Warteschlange fängt hinten an“ und „Zimmerlautstärke“.

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