Der Fokus

Der Fokus

Kaltes Neonlicht hüllt das Klo in eine heimelige Bahnhofsatmosphäre. Ich starre auf die Reflektionen in den eierschalenfarbenen Fliesen und weiß nicht, ob es flackert oder ich langsam das Augenlicht verliere. Blinzelnd zucken die Gedanken im Takt mit und springen von einem Thema zum anderen. Den Augen gleich, kaum in der Lage Fokus zu erlangen. Erinnerung mischt sich mit Phantasie und ich muß schmunzeln. Wenn es nur so gewesen wäre.

Manche Menschen haben die überaus abstoßende Eigenart ihre Anekdoten mit Unwahrheiten zu vermischen. Auch wenn wir keinen bösen Willen, sondern schlicht Unachtsamkeit unterstellen wollen, so sind die resultierenden Geschichten doch realitätsfremder als nötig. Wahre Begebenheiten werden mit dem vermengt, was man gern gesagt hätte und nur gedacht hat. Mit dem vermischt, was man gern getan hätte, aber erst im Nachhinein überhaupt in Erwägung zog. Niemals vorhanden gewesene Schlagfertigkeit wird in die Vergangenheit projiziert, weil man leider erst später auf die flapsig zu entgegnende Gegenrede kam. „Da kommt dieser gelshampoonierte Schlaffi an die Bar, grinst mich dämlich an und sagt: „Ich hätte gern einen alkoholfreien Wodka!“. „Witzig du Weichflöte“, hab ich da gedacht und ihm aber prompt eine kesse Antwort vor´s Freßbrett geknallt: „Kommt sofort, du Scherzkeks. Ich weiß nur nicht, ob du ein Wasser, eine Kartoffel oder ein paar auf´s Maul haben willst!“. Da hat die Flitzpiepe aber schön blöd aus dem KIK-Parka gelinst!“.

In Wirklichkeit war das alles natürlich nicht so. Nicht mal annähernd. Aber man lässt den stolz schmunzelnden Erzähler im Glauben es hätte sich so abgespielt. Und so transformiert sich die Vergangenheit, Geschichte für Geschichte, zu einem wundervollen Ort voller fabelhafter Dialoge. „Dem hab ich heimgeleuchtet. Der wußte gar nicht wie ihm geschieht“. „Da habe ich der Tante vom Amt aber mal so richtig auf den Tisch geklopft, ein Wunder, daß der nicht zerbrochen ist, und „Nicht mit mir!“ gesagt, so daß man es noch drei Büros weiter hören konnte“. Hast du eben nicht. Und selbst wenn, woher willst du denn wissen, was zu diesem Zeitpunkt drei Büros weiter zu hören war? Und wenn du tatsächlich mit einer solch beeindruckenden Machtdemonstration die Wände der Amtsstube zum erröten gebracht hast, warum haben sie dir dein Hartz IV am Ende doch um 10% gekürzt? Aber man lässt den Phantasten fabulieren. Die Vergangenheit mit der rosaroten Brille betrachten. Schließlich ist die Wirklichkeit schon grau genug.

Überdies kennt man eine ähnlich gelagerte Situation ja an sich selbst. Wenn nur bruchstückhafte Erinnerungen zur Verfügung stehen und dieser Rest mit Vermutungen verfugt wird. Mit Annahmen und Hoffnungen und Träumen und ganz anderen Erlebnissen. Wenn sich so allmählich eine Vergangenheit bildet, die allerhöchstens in einem Paralleluniversum dergestalt stattgefunden hat. Einfach weil Informationslücken existieren. Schon allein, weil man gar nicht weiß, was das Gegenüber gedacht hat. Weil Subtext Interpretationsspielraum lässt. Ohnehin ist das halbe Leben nur Mutmaßung.

Man betrachtet sich die Menschen, ihre Gesichter, Frisuren, Klamotten, und evaluiert, was sie wohl so tun, wenn sie nicht gerade deine Wirklichkeit bevölkern. Wo sie herkommen, wo sie hingehen und warum sie so sind, wie sie sind. Da man nichts über den anderen weiß, schätzt man halt. Auf Basis von Erfahrung, Vorurteilen und Vorstellungskraft. Erfindet hanebüchene Lebensläufe, die erklären sollen, warum der Mitmensch, im Allgemeinen, dir zumeist auf den Sack geht. Wie er so ein selbstbezogenes, unachtsames Arschloch wurde. Gewalterlebnisse seit frühester Kindheit wahrscheinlich. Gehänselt wegen der daraus resultierenden Stotterei. Als Reaktion noch mehr Faustrecht und überzogenes Selbstbild. Heute quer auf Behinderten- und Frauenparkplatz stehend. Gleichzeitig.

Am Ende vergibt man. Hat ja alles wohl seinen Grund. Und es ist sowieso viel zu anstrengend für alle mitzudenken. Man hat ja schon mit sich selbst genug zu tun. Immer müde und kraftlos. Die Sinne nur von Kaffee mühevoll zusammengehalten. Magnetische Wimpern, die den Lidern nur mit einiger Anstrengung erlauben geöffnet zu bleiben. Stunden, die nur dreißig Minuten zu haben scheinen und doch unendlich zähflüssig durch die Sanduhr rinnen. Keinen Blick für´s Wesentliche, weil Details nach Aufmerksamkeit schreien. Unnötige Kleinigkeiten, die eigentlich kein Schwein interessieren. Das blinkende und quietschende und funkelnde Beiwerk der Existenz. Ankerpunkte des Bewußtseins, damit man nicht abdreht.

Wie das Flackern des Neonlichts in den Badkacheln. Wenn es denn ein Flackern ist und die Leuchte nicht in Wirklichkeit konstant eiskalt durchscheint. Der Blick jedoch ist konvulsiv. Als ob das Hirn Kraft sparen wollte und nur jedes dritte Bild durchlässt. Reicht ja irgendwie eigentlich auch. Um sich ein Bild zu machen. Ein schwindeliges zwar mit unscharfen Rändern, aber ein Bild. Und notfalls lässt es sich in der Reminiszenz ja mit ersponnenen, ersonnenen und erhofften Inhalten auffüllen. Einfach, um eine hübsche Vergangenheit zu haben. Voller Fokus.

4 Comments

    • Henman

      Danke fürs Lob. Die Texte sind aber durchaus auch grandios, wenn man öfter mal vorbeischaut. Bist herzlich eingeladen 😉

  1. Fokus mit Farbfilm…. Danke für die Bildsequenzen aus dem zeitweilig Übervollem und immer unendlich-unüberschaubaren Treibgut des Lebens … mit einem Sprung in die Lettern des Halbgedachten…:-)

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